Lange Haare, offenes Hemd, breites Lachen: Vinzenz Wyss passt nicht so richtig in das Bild des strengen Professors. Eigentlich sieht er eher aus wie ein Journalist. Aber das täuscht. Der 51-Jährige ist Medienwissenschafter, und er hat eine Mission, die er mit aller Konsequenz verfolgt: Wyss will die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) retten. Vor den bürgerlichen Parteien, den Verlegern und den Journalisten, welche dem gebührenfinanzierten Medienhaus den Kampf angesagt haben. Der Wissenschaftler warnt davor, der Politik mehr Macht über die Medien zu geben.

Wenn National- und Ständeräte über die SRG-Konzession und damit den Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks an sich entscheiden dürften, sei das problematisch: «Das Parlament soll die SRG nicht abstrafen können», sagt er beim Gespräch an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Winterthur.

Was Wyss sagt, hat Gewicht, er ist ein Fixstern in der Schweizer Medienszene, wenn auch ein umstrittener. Seine ersten Erfahrungen mit dem Journalismus macht er in seiner Heimat im Kanton Solothurn. Er wächst in den Sechzigerjahren in Günsberg am Jura-Südfuss auf, bezeichnet sich selber als Landei aus traditionellem Elternhaus. Die Eltern wählen FDP und CVP. Als Mittelschüler schreibt Wyss Konzertberichte für Lokalzeitungen, arbeitet mehrere Jahre für einen lokalen Radiosender.

Beim Studium in Zürich kommt er im Nebenfach erstmals mit der Medienwissenschaft in Kontakt. Er interessiert sich für das Thema Qualitätssicherung auf Redaktionen, als noch kaum jemand über Qualität in den Medien spricht. 2003 wird er Professor für Journalistik an der ZHAW. «Es lohnt sich sehr, Anforderungskriterien an den Journalismus zu formulieren», sagt Wyss. Bei der SRG rennt er mit Aussagen wie diesen offene Türen ein. Doch wie unabhängig ist der Medienwissenschafter?

Zu wenig Distanz zur SRG?

Tatsache ist: Wyss profitiert finanziell von der Gebührenfinanzierung der Service-Public-Medien. Er betreibt eine Firma, mit der er Qualitätssicherungssysteme für lokale TV- und Radio-Sender entwickelt. Diese tun das nicht unbedingt freiwillig: Es handelt sich um eine Auflage des Bundesamtes für Kommunikation (Bakom), damit sie als private Anbieter Konzessionsgelder erhalten.

An seinem Institut erstellt er auch Gutachten im Auftrag des Bakom, beobachtet für das Schweizer Fernsehen Redaktionen wie «10vor10» und bringt Verbesserungsvorschläge ein. In den letzten Jahren kamen so mehr als 100 000 Franken zusammen. «Alleine deshalb wird man nicht abhängig», sagt er. Der Anteil am gesamten Forschungsetat seines Instituts sei gering.

Kritiker aus Medien und Politik sehen das anders: Sie halten ihm vor, er habe zu wenig Distanz zur SRG, vertrete seine Standpunkte zu anwaltschaftlich. Wyss kontert, seine Unterstützung für die SRG sei nicht ideologisch, sondern wissenschaftlich begründet: In der Medienwissenschaft gebe es keine ernstzunehmenden Skeptiker, die den öffentlichen Rundfunk schwächen wollten. In einem mehrsprachigen Kleinstaat, so ist er überzeugt, braucht es starke Service-Public-Sender, die nicht käuflich sind. Damit macht er sich zum Feindbild von bürgerlichen Parlamentariern, die in der SRG einen Moloch sehen, der jedes Jahr grösser wird.

Boykott der Verlage

Als Verfechter für mehr Medienqualität legt sich Wyss nicht nur mit der Politik an, sondern auch mit den privaten Medien. Als er kürzlich mit dem Stifterverein Medienqualität Schweiz die Qualitätsicherungsprozesse auf verschiedenen Redaktionen untersuchen will, verweigern ihm wichtige Zeitungsverlage die Zusammenarbeit: Tamedia, Ringier, die AZ Medien (Herausgeberin dieser Zeitung) und die «Basler Zeitung» wollen nicht mitmachen.

Wyss hat für den Boykott wenig Verständnis. Alle Medien könnten von der Qualitätsrangliste profitieren. Es gebe viele Redaktionen, wo keine Vereinbarungen existierten, wo das Gegenlesen eines Berichts unter Zeitdruck nicht stattfinde, wo der Journalist selten ein Feedback bekomme. «Das ist keine Verantwortungskultur.» Wyss glaubt, das Gegenrezept zu kennen: Er hält Leitfäden, verbindliche Abnahmeprozesse und klare Abmachungen für unabdingbar. In den Ohren vieler Chefredaktoren klingt das vor allem nach Bürokratisierung.

Wyss hält den Kopf hin

An der Skepsis der Medienbranche gegenüber seiner Arbeit ist Wyss nicht unschuldig: Auf der Social-Media-Plattform Twitter kennt man ihn als Provokateur, der gegen Journalisten und Redaktionen schiesst, die in seinen Augen ihre Arbeit nicht richtig machen. Er sagt: «Ich denke nicht, dass der Journalismus von heute generell schlechter ist als früher. Oder dass etwa die Tagesschau in den Achtzigerjahren besser war. Es gibt aber auch Negativbeispiele.» Ihn störe es, wenn Medien das Private an die Öffentlichkeit zerrten. Das verstopfe den Kanal der Aufmerksamkeit und lenke von relevanten Themen ab. Das Paradebeispiel sei die Nacktselfie-Affäre um den Badener Stadtammann Geri Müller.

Seine Forschungskollegen halten Wyss gerade wegen seiner provokativen Art die Stange. Mark Eisenegger, Professor am Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich, sagt, wenn man als Wissenschafter überzeugt sei, dass die Service-Public-Medien wichtig seien für die Gesellschaft und die Demokratie, dürfe man seine Position auch anwaltschaftlich vertreten. «Vinzenz Wyss hält auch mal den Kopf hin, wenn es nötig ist. Ich schätze das.»