Heimkinder

Vier von fünf Heimkindern sind traumatisiert

Je früher Lehrer oder Heilpädagogen Probleme erkennen (etwa im Kindergarten), desto besser kann Kindern geholfen werden. Keystone

Je früher Lehrer oder Heilpädagogen Probleme erkennen (etwa im Kindergarten), desto besser kann Kindern geholfen werden. Keystone

Die Zahlen erschrecken: 80 Prozent aller Kinder und Jugendlichen, die in ein Heim kommen, haben bereits mehrere traumatische Erlebnisse durchgemacht und leiden unter den Folgen.

Das zeigt laut einem Bericht der Wochenzeitung «Zeit» die neuste noch unveröffentlichte Studie der kinder- und jugendpsychiatrischen Universitätskliniken in Basel und Ulm. Die bisher grösste Heimstudie in Europa wurde während vier Jahren in 64 Institutionen und mit fast 600 Kindern durchgeführt, finanziert hat sie das Bundesamt für Justiz.

«Lässt sich nicht vermeiden»

«Ja, auf der einen Seite sind das hohe Zahlen», bestätigt Klaus Schmeck, Chefarzt an der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik der Uni Basel und Co-Studienleiter. «Auf der anderen Seite ist es toll, dass die Schweiz ein System hat, in dem solchen Jugendlichen geholfen werden kann – und zwar ein sehr gutes.» Er findet, man dürfe dieses System nicht aufgrund eines Einzelfalles wie dem in den Medien oft zitierten Fall «Carlos» verurteilen.

«Dass es Kinder gibt, die in benachteiligten Verhältnissen aufwachsen, lässt sich nicht vermeiden», sagt Schmeck. Gemäss Studie haben vier von fünf Kindern, die in eine Institution eintreten, einen Elternteil verloren, Gewalt erlitten, sind vernachlässigt oder sexuell ausgebeutet worden. Drei von vier leiden an Störungen des Sozialverhaltens, an Depressionen, Schizophrenien, Persönlichkeits- und Aufmerksamkeitsstörungen, an Sucht- und anderen psychischen Krankheiten. Und ebenfalls drei von vier Heimkindern sind schon mit dem Gesetz in Konflikt geraten.

Umso wichtiger ist es, das Problem schon früh zu erkennen. «Um möglichst viele Belastungsfaktoren zu verhindern, ist ein ganzes Bündel an Massnahmen nötig», erklärt der Kinderpsychiater. So müssten bei sozial benachteiligten Familien unbedingt nicht nur die Eltern betreut werden, wenn sie psychische Probleme haben, oder wenn sie delinquent oder süchtig sind. «Hier müsste viel früher der Fokus auch auf die Kinder und das ganze Familiensystem gelegt werden.»

Vor allem der Teil «viel früher» ist zentral, wie Klaus Schmeck betont: «Heute kann vielen Kindern mit ambulanten Massnahmen geholfen werden.» Wer trotzdem in ein Heim eintreten muss, ist schon ein schwierigerer Fall. «Und nach dem Wechsel in das 12. Heim ist dann schon zu viel schiefgelaufen.» Tatsächlich werde es immer wieder Fälle geben, bei denen das System an seine Grenzen kommt, das sei in unserer Gesellschaft unvermeidlich.

Wunder sind keine möglich

Wie wichtig daher frühes Erkennen von Schwierigkeiten ist, betont auch David Oberholzer, Verantwortlicher Fachbereich Kinder und Jugendliche mit besonderen Bedürfnissen beim Dachverband Curaviva Schweiz. «Es ist einfacher, wenn Fachpersonen wie Lehrer oder Heilpädagogen einen Missstand früh erkennen. Und nicht erst dann, wenn ihnen die Jugendlichen in der Oberstufe über den Kopf wachsen und körperlich so kräftig geworden sind, dass sie es nicht mehr ignorieren können.»

Von den Institutionen würden dann regelmässig Wunder erwartet. Aber das sei unmöglich: «Bei Jugendlichen mit einer langen, schwierigen Vorgeschichte, die zu komplexen Beeinträchtigungen und Problemlagen geführt hat, kann niemand innert kürzester Zeit essenzielle Veränderungen herbeiführen.» Je früher Probleme erkannt würden, desto besser könnten die Fachleute mit den Kindern und Jugendlichen arbeiten.

Auf der anderen Seite wird es immer unwahrscheinlicher, dass ein Kind vertrauensvolle Beziehungen zu den Sozialpädagogen aufbauen kann, wenn es sehr spät platziert wird. An diesem Punkt setzt ein weiterführender Modellversuch der Basler Forscher an: «Wir haben traumapädagogische Konzepte erarbeitet», sagt Studienleiter Marc Schmid, Psychologe an der Universität Basel. «Bei jüngeren Kindern kann es sehr sinnvoll sein, die Familien so zu stärken, dass Misshandlungen vermieden werden können.»

Die neuen Konzepte sollen Mitarbeitenden von Institutionen helfen, die Traumata von Jugendlichen aufzufangen. «Wir wollen damit nicht den Pädagogen sagen, wie sie arbeiten sollen», betont Schmid. «Vielmehr wollen wir ihnen Hilfeleistungen anbieten, damit sie auch mit schwer traumatisierten Kindern und Jugendlichen besser arbeiten können.»

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