Den Verantwortlichen steht der Schock ins Gesicht geschrieben, als sie gestern Abend um 19 Uhr in Crans-Montana vor die Medien treten. Eine immense Lawine löste sich am Nachmittag um zirka 14.15 Uhr im bekannten Skigebiet der Unterwalliser Wintersportdestination und überschüttete eine Piste auf einer Länge von ungefähr 400 Metern.

Bis am frühen Mittwochmorgen haben die 240 Retter von zivilen Organisationen und der Armee vier Personen aus den Schneemassen befreien können. Sie erhielten Unterstützung von 12 Lawinensuchhunden und 8 Helikoptern. Eine der geborgenen Personen, so der Polizeikommandant an der Pressekonferenz, schwebe in Lebensgefahr. Die anderen drei zogen sich leichte Verletzungen zu.

Zwar gingen bei der Polizei bis zum Abend keine Vermisstmeldungen ein, doch Augenzeugen berichteten, dass bis zu einem Dutzend Personen von den Schneemassen mitgerissen worden seien. Deshalb geht die Polizei von Vermissten aus. Die Suche dauerte auch am Abend und in der Nacht an.

Vier Verletzte bei Lawine auf Skipiste in Crans-Montana

Das Video zeigt den Verlauf der insgesamt 840 Meter langen Lawine.

Bekannter Lawinenhang

Die betroffene schwarze Piste trägt den Namen «Kandahar» und beginnt bei der Bergstation Plaine Morte auf knapp 3000 Metern über Meer. Von da führt sie durch hochalpines Gelände talwärts. Sie ist die einzige Piste vom Gletscherplateau zu den tiefer gelegenen Pisten des Skigebiets. Der Website der Bergbahnen Crans-Montana Aminona war gestern Nachmittag zu entnehmen, dass die Piste um 12.15 Uhr geschlossen werden sollte. Auch die Gondelbahn hoch auf die Plaine Morte nahm Skifahrer gemäss Website-Eintrag nur bis 12 Uhr mit hoch.

Die Kandahar-Piste wird an warmen und sonnigen Tagen regelmässig um die Mittagszeit geschlossen, weil mit den höheren Temperaturen die Gefahr von Nassschneelawinen steigt. Üblicherweise sei das aber erst im März der Fall, wie der Crans-Montana-Stammgast Reto Nause dieser Zeitung sagt.

Der CVP-Politiker und Sicherheitsdirektor der Stadt Bern war letztmals vor zwei Wochen dort Skifahren. «Das Gebiet, in dem sich die Lawine löste, ist beliebt unter Freeridern. Sie fahren in den Hang, obwohl dieser meist abgesperrt ist», sagt er. Lawinen hätten sich dort schon oft gelöst.

Zur Frage, ob die Piste zum Zeitpunkt des Unglücks überhaupt freigegeben war, nimmt die Polizei keine Stellung. Auch die Nachfrage beim Bergbahn-Direktoren Philippe Magistretti ergibt: «Kein Kommentar.» Die Walliser Justiz hat eine Strafuntersuchung eröffnet.

Die Ermittlungen laufen in zwei Richtungen, wie die zuständige Bezirksanwältin gestern sagte: «Entweder, die Lawine wurde von einer oder mehreren Personen ausgelöst. Oder aber, die Lawine hat sich spontan gelöst.» Die Polizei habe Wintersportler, die sich zum Zeitpunkt des Unglücks im Gebiet befanden, bezüglich ihren Beobachtungen befragt.

Das Lawinenforschungsinstitut SLF in Davos gab gestern fürs Wallis Gefahrenstufe 2 von 5 aus, was «mässig» und damit eine eher entspannte Lawinensituation bedeutet. Allerdings warnte das SLF: «Mit der tageszeitlichen Erwärmung und der Sonneneinstrahlung sind Nass- und Gleitschneelawinen zu erwarten.» Der Hang, der ins Rutschen geriet, ist stark der Sonne ausgesetzt.

Hoffen auf glimpflichen Ausgang

Von den Ausmassen der Lawine sind die Sicherheitsverantwortlichen überrascht. Weil gerade das Wallis mit seinen alpinen Hochtälern immer wieder von solchen Unglücken betroffen sei, verfüge man aber über das nötige Wissen, hiess es. Es sei sofort Alarm ausgelöst worden und die ersten Einsatzkräfte seien schnell am Einsatzort eingetroffen, sagte Bergbahndirektor Magistretti.

Besonders zeigte er sich darüber zerknirscht, dass gerade Hochsaison ist in den Bergen und das Gebiet von Crans-Montana derzeit gut besucht ist. «Ich bedaure es zutiefst, dass unsere Gäste das erleben mussten.» In Crans-Montana dürfte auch der Umstand Sorgen bereiten, dass es der Skiort nicht aus den Schlagzeilen schafft.

Letztes Jahr stellte der schwerreiche Besitzer der Bergbahnen von einem Tag auf den anderen die Anlagen ab, weil er eine höhere finanzielle Beteiligung der Gemeinde am Betrieb forderte. Dieses Jahr drohte die Destination Crans-Montana damit, den Ticketverbund «Magic Pass» zu verlassen. Dank des Verbunds können Saisonkarten-Inhaber in den beteiligten Westschweizer Skigebieten zur günstigen Flatrate Skifahren.

Auch Reto Nauses Gedanken sind an diesem Abend in seinem Lieblingsferienort. «Und das mitten in den Ferien, bei diesem Wetter. Am Wochenende steigen auch noch die Weltcup-Rennen der Damen. Und dann das.» Er hofft, dass nicht doch noch Tote aus den Schneemassen geborgen werden.

Der Unglücksort aus der Luft:

Vier Verletzte bei Lawine auf Skipiste in Crans-Montana