Tag der Migranten
Vier Begegnungen: Junge Menschen, die um ihre Chance wissen

Junge Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund erzählen aus ihrem Leben. Es zeigt sich eine erstaunliche Vielfalt mit eindrücklicher Kraft. Alles gebündelt in einer schönen Stimme.

Max Dohner
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Tag der Migranten - Vier Portraits
4 Bilder
Drei Nationen, ein Schweizer Märzkind: Familie Toretti-Witt in Aarau.
Schweizer Miss Kosovo.
Kantonsrat Rupan Sivaganesan.

Tag der Migranten - Vier Portraits

Keystone/Chris Iseli
Schweizer Miss Kosovo.

Schweizer Miss Kosovo.

Keystone

Kështjella Pepshi: Drei CH-Models in Vegas

Wer vom «Arena»-Effekt spricht, stellt sich kaum vor, bis wo hinein dieser Effekt tatsächlich spielt. Etwa in die Model-Szene. Als Christa Rigozzi in der «Arena» des Schweizer Fernsehens auftrat, hatte das eine enorme Wirkung auf schöne junge Frauen mit politischen Interessen.
Dazu gehört Miss Kosovo, Kështjella Pepshi (28). Sie kandidierte im Herbst für den Nationalrat auf der Liste der Berner CVP.
Aber fangen wir mit Schönheit an, um nicht sofort bei der hässlichen Politik zu landen: Das hätte ein tolles Bild gegeben, ein Bild der Schweiz von heute – warum hat das niemand gemacht? Drei tolle Schweizerinnen in Las Vegas! Okay dokay – und was ist daran speziell? Dass alle zur gleichen Zeit über den Laufsteg gingen für «Miss Universe». Alle aus der Schweiz, mit drei verschiedenen Banderolen: Linda Fäh als Miss Schweiz. Das Schweizer Model Angela Martini als Miss Albanien. Und Kështjella Pepshi als Miss Kosovo.
Andere Länder schickten eine einzige müde Miss ins Rennen, die kleine Schweiz gleich drei. Dieses Land könnte sich glücklich oder geblendet wähnen wie einst Paris, der in der Antike die Qual der Wahl hatte.
Nur bricht hierzulande kein zehnjähriger Krieg aus deswegen. Allenfalls neunzig Minuten lang: im Fussballstadion, an der Europameisterschaft 2016. In Las Vegas toppten diese drei Grazien schon mal schwesterlich jenes «Bruderduell», da in zwei verschiedenen Leibchen die Schweizer Granit und Taulant Xhaka gegeneinander antreten werden.
Was tippt Miss Kosovo aus Heimberg BE? «Ich hoffe auf ein Unentschieden», sagt Pepshi. Weil? «Hm», sie zögert, «nun, es ist schwierig.» Offenbar nicht schwierig wegen eines gespaltenen Verhältnisses zur Schweiz. Von allem Anfang an, sagt Pepshi, habe sie sich integriert gefühlt: «Ich hatte Glück.»
Sie wurde in Solothurn geboren, ging mit den Eltern nach Heimberg, wo ihr Vater jung bereits eine Stelle gehabt hatte, wo man ihn kannte und mochte. Als die Tochter sechs Jahre alt war, starb der Vater. Nun wurde es etwas schwierig, doch fühlte sich Mutter Pepshi, jetzt alleinstehend, weiter unter Schweizerinnen aufgehoben. Sie gründete eine Partei von Secondo-Frauen und organisierte Ausflüge quer durch die Schweiz, um die Frauen vor allem aus der Sprachglocke zu führen. Das hat den Teenager Kështjella politisiert. Ganz auf der Linie der CVP, glaubt Pepshi an den soliden Kern der Familie. Nicht an obligatorische Trauscheine, aber an lange Partnerschaften.
Nach der Lehre als Kosmetikerin ging die Tochter eine Zeit lang in den Kosovo. Dort modelt und moderiert sie noch heute: «Mein Albanisch hat allerdings einen Berner Akzent.» Zum Unmut der Local Heroes in Pristina? «Nein», lacht sie, «die finden das sympa, wie die Deutschschweizer Rigozzis Tessiner Zungenschlag.» In Heimberg führt Pepshi ein eigenes Kosmetikstudio.
Aktuell sei sie unterwegs wegen …, wieder zögert Pepshi im ansonsten munteren und offenen Gespräch: «Tönt etwas blöd, aber wegen der Wimpern.» Nun – blöd ist allenfalls das auf Menschenteile fixierte Business, nicht die Wimpern.
In Bern, traditionell ein harter Boden für die CVP, sind sogenannte Secondos willkommen. Man will deren «wachsendes Wählerpotenzial nutzen». Über 100 000 Menschen mit kosovarischen Wurzeln leben in der Schweiz. In Genf erzielte die CVP mit Leuten portugiesischer Abstammung gute Resultate. Also war Pepshi Teil einer Marketingstrategie?
«Ich wäre froh», sagte die Berner CVP-Präsidentin, Alexandra Perina, zum «Bund», «ich hätte mehr junge Frauen, die für uns kandidieren.» Der Gemeindepräsident von Ostermundigen sagte: «Frau Pepshi ist spontan und findet schnell Zugang zu den Leuten.» Und was maulte oder grinste der Stammtisch?
Aus jener Ecke habe sie kaum etwas gehört, sagt Kështjella. Nur die alte Tante von der Zürcher Falkenstrasse rümpfte in einer Glosse etwas die Nase: «Obwohl Pepshi politisch bisher keine Spuren hinterlassen hat, hat sie schon beachtliche Wahlerfolge erzielt» – als Schönheitskandidatin. «Ich erlaube mir, weiterhin politisch aktiv zu sein», sagt Pepshi fröhlich, «meine Kandidatur war Neuland. Und eine Chance. Vielleicht bewerbe ich mich mal für den Thuner Stadtrat.»
Was denkt sie über die «Zuwanderungs-Initiative», die Flüchtlinge? «Ich verstehe die Angst der Leute vor Dumpinglöhnen, vor Arbeitsplatzverlust, vor Kriminalität. Flüchtlinge aus dem Krieg aber muss man aufnehmen; wir schaffen das. Wir haben es im Kosovo-Krieg bewiesen; damals kamen viel mehr Leute.»
«Wir», sagt Miss Kosovo ständig, die Heimbergerin.

Tag der Migranten - Vier Portraits

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Keystone/Chris Iseli

Iandara Brobecker Wie Heidi in Ipanema

Die Person, die wir hier in den Mittelpunkt stellen, wird fast ausnahmslos mit einem Bild beschrieben. Dazu fällt im Nachgang oft der Seufzer: «Ihr Wesen lässt sich kaum beschreiben.» Sei es mit einem Schmetterling oder Vogel. Mit einer Elfe. Immer wieder über den Eindruck ihrer Stimme. Während sie selber sagt: «Ich bin im Sternzeichen Zwilling geboren. Die haben bekanntlich sieben Gesichter.»
Den Vogel postete Iandara Brobecker auf Facebook: das Bild einer toten Schwalbe in einer Betonecke. Der Schmetterling sass auf der Hand eines Schulleiters in Aarau. «Und dann», erzählt der Mann, «ist der Schmetterling halt fortgeflogen, als es Zeit war.» Das war Iandaras Schulleiter und Lehrmeister gewesen. Was er sagen wollte: Iandaras Gegenwart hatte Zauber, etwas Leichtes und Fragiles. Dann schloss sie die KV-Lehre mit Diplom ab und flatterte davon. Zurück nach Wangen bei Olten, seit Kindsbeinen an ihr Biotop. Um fortan ganz auf die Stimme zu setzen. Diese wirklich kaum zu beschreibende, ganz eigene, eigenartig schöne Stimme.
Iandara Brobecker (23) lebte lange im Kokon – und tut es gewissermassen heute noch. Auch in einen Kokon kann man migrieren.
Es gab Monate in der Schweiz, ihr Vaterland, in denen der Teenager das Zimmer kaum verliess. «Ein vielfarbiges Blatt», sagt Iandara, «hatte plötzlich gedreht. Und auf der Unterseite war alles nur noch dunkelblau.» Es gab nach der Schule ein Jahr in Brasilien, ihr fernes Mutterland, das Iandara bei der Tante verbrachte.
Als Kind wollte Iandara Schriftstellerin werden. Mit sechs stand sie erstmals singend auf einer Bühne und fühlte: Das passt. Dann hörte sie auf einer CD einen Akkord. Und gab nicht locker, ehe sie den gleichen Ton anschlagen konnte auf ihrer Gitarre. Die Eltern hörten Blues und Sambaklassiker wie das «Girl from Ipanema». «Ich konnte nicht mitgehen», sagt Iandara, «bei dem, was Gleichaltrige hörten. Sie sagten: Du hörst Musik für alte Leute.» Ihre Grossmutter, die aus dem Elsass stammte, bevorzugte Edith Piaf. Mit «La Vie en Rose» machte Iandara dann, 2013, Furore im Fernsehen, bei «The Voice auf Switzerland».
Das ist die äussere Erklärung, weshalb in dieser brasilianisch-schweizerischen Doppelbegabung von heute so viel zusammenfliesst. Etwas Eigenes aber ist Iandaras Innenwelt. Sie sammelt Insekten und legt sie in Formalin. Sie trägt gern Blümchenkleider wie Heidi und streunt durch den Wald. Schaut einer Biene nach und fragt, wohin sie wohl surrt. Denkt, wie es ist, ein Eichhörnchen zu sein. Umarmt Bäume, die weisesten Wesen auf Erden, wie der Literatur-Nobelpreisträger Elias Canetti schrieb. Die Gitarre umgehängt, lässt sich Iandara draussen filmen beim Singen und stellt das Video ins Netz. Man hört den Wind klopfen, die Akustik ist erbärmlich, die Stimme aber …
... die Stimme ist wunderbar.
Iandara steht möglicherweise am Anfang einer grossen Karriere, ginge in diesem Metier alles mit rechten Dingen zu. Trillertanten gibts zuhauf, Zauber selten. Talente mögen in TV-Shows «Gänsehaut erzeugen», Zauber jedoch balsamiert die Seele, ohne dass man Bescheid wüsste, weswegen.
In Zürich spielt Iandara gerade eine CD ein, die im Spätfrühling 2016 erscheinen soll. Wir besuchten sie während einer Session im Studio von Luis Cruz und Elijah, wo sie begleitet wurde vom Gitarristen Mike Fischer. Warum singt diese junge Frau «alte Musik», als hätte sie fünfzig Jahre Erfahrung gesammelt? Da sagt Iandara etwas tollkühn Altmodisches: «Heutige Musik», sagt sie, «ist nicht mehr so rein. Das berührt letztlich niemanden.»
Iandara weiss, dass sie etwas bewahren muss, wovon andere nicht mal eine Ahnung haben, dass man es verlieren kann.

Kantonsrat Rupan Sivaganesan.

Kantonsrat Rupan Sivaganesan.

Werner schelbert/nlz

Rupan Sivaganesan: 4-Hürden-Sprung

Muss man widerrufen: «Und er bewegt sich doch» – der Kanton Zug?
Viele in dieser konservativ-bürgerlichen Festung rieben sich jedenfalls die Augen, als 2006 der erste dunkelhäutige Mann auf Anhieb gleich in zwei Parlamenten Einsitz nahm: im Stadt- und im Kantonsparlament. Das war der damals 25-jährige Rupan Sivaganesan. Ein Mann, der lediglich zehn Jahre zuvor aus Sri Lanka in die Schweiz migriert war. Wenn das auch kein «politisches Märchen» war, wie das Fernsehen damals sülzte, so ist es doch eine erstaunliche Geschichte.
Der SP-Politiker Sivaganesan meisterte in kurzer Zeit eine Reihe von Hürden, die man mit Buchstaben kennzeichnet: Ausweis N und F (keine Arbeit möglich), dann B (Arbeit, aber kein politisches Mandat möglich), dann P wie Pass. Zehn Jahre lang lebten Vater und Mutter «strukturell getrennt», wegen des untersagten Familiennachzugs.
Die schwierigste Hürde war zweifellos die Sprache. «Alle, die sich dauerhaft in der Schweiz niederlassen», sagt Sivaganesan, «sollen sich in einer Ortssprache ausdrücken können.» Am Telefon redet Sivaganesan Dialekt mit kaum merklichem Akzent. Als Geheimnis seiner Erfolgsgeschichte nennt er lachend: Vereinsmeierei. «Wir haben so viele davon, da fand auch ich am besten Zugang zu den Leuten.»
Weiter erleichterte ihm eine Zuger Einrichtung den Einstieg, die mittlerweile auch anderswo geschaffen wird: zwei Jahre Integrationsschule.
Mehrfach nennt Sivaganesan eine weitere unabdingbare Voraussetzung, die im eigenen Verhalten und Wesen des Migranten wurzle: «Gas geben. Die Chance packen. Mehr als hundert Prozent arbeiten.» Er hätte jede Arbeit angenommen, sagte er. Er schrieb Bewerbungen zwanzig Mal neu, weil er um das «Tüpflischissen» schweizerischer Personalchefs wusste. Als sich die erste Chance bot, griff er zu; er wurde Offsetdrucker. Zurzeit studiert er an der Fachhochschule Luzern als Sozialpädagoge.
Sivaganesan ist unter anderem Vorstandsmitglied der Unia Zug und «Stimme der gewählten Migranten und Migrantinnen für alle». Zwei Heimaten zu haben, empfindet er als Bereicherung, nicht als Zwiespalt. Er schätze Pünktlichkeit hier und die Gastfreundschaft dort. Was hält er von der Idee einer Obergrenze der Zuwanderung? «Es ist nicht dienlich, polemisch nur auf eine Seite zu zeigen», sagt er. «Wir führten in Zug die Pauschalbesteuerung ein, wir senkten die Steuern. Und es kamen internationale Firmen, es kamen deren Mitarbeiter.»
Hat er ein gutes Gefühl im Wissen, wie viel er in kurzer Zeit hierzulande geschafft hat? «Ja», sagt Sivaganesan, «und ein starkes Gefühl der Verantwortung.»

Drei Nationen, ein Schweizer Märzkind: Familie Toretti-Witt in Aarau.

Drei Nationen, ein Schweizer Märzkind: Familie Toretti-Witt in Aarau.

Chris Iseli

Franziska Toretti-Witt: Die Vielfalt schätzen

In Zeiten, da Schweizer Nationalräte von Berlin nach Bern pendeln, fliegen umgekehrt in der Schweiz arbeitende Architektinnen nach Berlin, um ihre Verwandten zu besuchen. In der Natur gehorcht alles dem Gesetz der Entropie und strebt auseinander – weshalb nicht auch Gesellschaften und darin bald der Mensch? Zumal heute die Möglichkeit besteht, sich in grösseren Räumen zu verteilen.
Franziska Witt, 1981 in Berlin geboren, lebte da kaum mehr nach den Schulen. Irgendwie empfand sie sich als Kind der Berge und suchte diese zunächst im Norden, in Trondheim, Norwegen. Aber die Wege von da waren lang in Europas Zentrum und in den Süden. Die Schweizer Berge lagen zentraler – Chur wurde Franziskas Mittelpunkt der Welt. Bis die Architektin eine Stelle fand in Aarau.
Und weiter einen Mann, Marco Toretti, Sohn eines Italieners, wodurch im letzten März eine neue Schweizerin geboren wurde: Neele-Emilia. Vor Torettis Haus zeigt ein typisch schweizerischer Wanderwegweiser das an und signalisiert zugleich, wie der Bergsport alle verbindet.
«In der Schweiz fröhlich robust Leute anzuquatschen, kommt nicht gut an», sagt Franziska Toretti. Auch Schweizer Dialekt zu radebrechen als Deutsche, war weniger ratsam, als ihre «Berliner Schnauze» mit Hochdeutsch aufzupolieren. Germanophobie indes habe sie nicht erfahren. Mit Ausnahme in der S-Bahn, wenn sie im herumliegenden Gratismist geblättert habe, wo man häufig solche Propaganda betrieben habe. Ehe sie in die Schweiz gekommen war, habe sie Bücher gelesen, etwa mit dem Titel: «Deutsche in der Schweiz». Lustige Klischees, aber: «Das meiste stimmte dann tatsächlich.»
«Die Schweizer sind besonders», sagt Frau Toretti, «Deutsche und Schweizer ohne Frage verschiedene Welten. Trotzdem glücken Liebesgeschichten harmonisch.» Sie geniesse die Höflichkeit der Leute hier, langweile sich gelegentlich am Schweizer Radio – «eher wenig Witz» – und profitiere «mega von der Vielfalt im Land, dem bunten Leben. In Berlin sind Hipster stolz auf ihren Melting Pot.» Die Schweiz, ein beispielhafter Melting Pot, scheine das manchmal weniger positiv zu empfinden.
«Spannend» empfindet Franziska Toretti die Schweizer Politik und sagt, wohl gerade deshalb: «Ich lebe hier seit Juni 2008 und spüre vermehrt Lust, auch etwas mitzureden in öffentlichen Belangen. In der einen oder anderen Form.»
Tadellos, aber nicht einfach aufzugleisen sei die Kinderbetreuung. «Wäre das breiter geregelt», sagt Franziska, «könnte man vermehrt Schweizer Frauen einstellen, statt Leute nur im Ausland zu suchen.» In anderen Worten: Für berufstätige Frauen und Mütter könnte der Weg zurück in den Beruf – oder parallel zum Beruf – etwas leichter gestaltet werden.
Im März kam Neele-Emilia zur Welt, die heitere Dreiländer-Tochter der Toretti-Witts. Ihr Grossvater war vor Jahrzehnten, während der ersten Einwandererwelle, auf eigene Faust aus Italien in die Schweiz gekommen, als Sechzehnjähriger, und hatte sich durchgebissen. Auch darum ist für sie wohl heute alles anders.

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