Familien-Interviews
«Vielleicht lesen unsere Väter diesen Text, ohne zu wissen, dass wir ihre Söhne sind»

Dass ich adoptiert bin, weiss ich seit Kindesbeinen. Dass ich einen Halbbruder habe, erst seit wenigen Jahren. Pascal, so heisst mein vier Jahre jüngerer Bruder, und ich sind von der gleichen leiblichen Mutter zur Adoption gegeben worden.

Martin Rupf
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Gespräch mit dem Halbbruder

Gespräch mit dem Halbbruder

Alex Spichale

Dieses Jahr haben wir uns zum ersten Mal getroffen. Ein Treffen, bei dem ich nervöser war als bei einem Blinde Date.

Pascal, das ist heute unser drittes Treffen. Wie würdest du unsere Beziehung bezeichnen. Sind wir eher zwei Kumpel oder zwei Brüder?

Pascal: Dass du das immer fragen musst; das nervt! Das eine schliesst das andere ja idealerweise nicht aus. Natürlich stellt die Beziehung zu dir etwas Besonderes dar; schliesslich bist du der einzige Blutsverwandte, den ich kenne. Entscheidend ist doch, dass die Chemie zwischen uns stimmt.

Da gebe ich dir recht. Doch wenn wir schon beim Nerven sind: Mich stört, dass du im Gespräch so oft den Faden verlierst. Ansonsten finde ich es erstaunlich, wie vertraut wir uns sind, obwohl wir uns erst seit kurzem kennen. Obs wohl an den gleichen Genen liegt?

Hm, schwierig zu sagen. Die Erziehung und das Umfeld spielen sicher auch eine wichtige Rolle...

Wäre ich also von deiner Familie adoptiert worden, wäre ich jetzt Obstbauer in der Ostschweiz und du Journalist...

...wer weiss. Fakt ist: Es gibt auch Geschwister, die miteinander überhaupt nicht gut auskommen. Bei uns sind aber gewisse Ähnlichkeiten nicht von der Hand zu weisen. Wobei: Äusserlich gleichen wir uns nicht extrem. Oder findest du?

Nein, abgesehen von den dicken Augenbrauen und den langen Wimpern. Man kann davon ausgehen, dass mein Vater mit grosser Wahrscheinlichkeit besser ausgesehen hat als deiner. Was unsere Väter aber zweifellos gemeinsam hatten, war der Frauengeschmack.

Wovon man ebenfalls ausgehen kann: Unsere Mutter hatte sicher blaue Augen. Doch das sind alles Spekulationen. Was mich wirklich wunder nimmt: Seit wann weisst du, dass du adoptiert bist?

Seit ich denken kann. Das war in unserer Familie immer ein ganz natürliches Thema. Du?

Auch seit Kindesbeinen; für mich war das immer die normalste Sache der Welt. Hat es dich wirklich nie beschäftigt, adoptiert zu sein?

Nein, eigentlich gar nicht. Ein Beispiel: Nach drei Jahren Beziehung mit meiner damaligen Freundin lag ich neben ihr im Bett, als mir plötzlich in den Sinn kam, dass ich ihr davon gar noch nicht erzählt hatte. Du kannst dir vorstellen, wie verdutzt sie reagiert hat, als ich es ihr offenbarte. Im ersten Moment war sie gar ein bisschen sauer, weil sie nicht verstehen konnte, wie ich ihr etwas so Zentrales vorenthalten konnte. Und du: Hast du deinen Freunden davon erzählt?

Den guten Freunden schon. Der Rest brauchte das nicht zu wissen.

Bei mir gab es eine Phase um die 20 Jahre, als ich plötzlich das Bedürfnis hatte, es meinen guten Freunden zu erzählen. Ich kann mich noch gut erinnern, wie unglaublich schwer es mir fiel, den richtigen Zeitpunkt hierfür zu finden. Hattest du eigentlich nie den Wunsch, deine leiblichen Eltern kennen zu lernen?

Die Neugierde war schon da. Vor allem hätte ich der Mutter gerne gesagt, dass es mir gut geht und sie sich keine Vorwürfe machen muss - falls sie das überhaupt getan hat. Doch wahrscheinlich hatte ich einfach zu viel um die Ohren, um aktiv zu werden.

Da kannst du dich glücklich schätzen, dass dein älterer Bruder die Suche in Angriff nahm. Sonst hätten wir uns vielleicht nie kennen gelernt.

Wann hast du dich auf die Suche nach ihr gemacht?

Vor gut drei Jahren. Leider musste ich erfahren, dass unsere Mutter 2004 jung gestorben ist. Aber das weisst du ja inzwischen.

Wie hast du auf diese Nachricht reagiert?

Erstaunlich gefasst. Natürlich war ich enttäuscht, weil ich ihr auch gerne gesagt hätte, dass es mir gut geht. Das Verrückte war, dass ich diese Nachricht auf den Tag genau drei Jahre nach ihrem Tod erhielt. Das hatte eine grosse Symbolik für mich. Irgendwie musste es wahrscheinlich einfach so sein.

Überhaupt keine Trauer?

Nein, wie auch. Ich kannte sie ja gar nicht. So blöd das jetzt tönen mag: Irgendwie war ich auch erleichtert. Denn ich hatte einen heiden Respekt davor, unsere Mutter kennen zu lernen. Was, wenn es eine kranke, unsympathische oder sonst wie komische Frau gewesen wäre? Ich versuchte mir das Schlimmste vorzustellen, um nicht enttäuscht zu werden - ein Schutzschild sozusagen.

Mir ging es ähnlich, als ich durch dich von ihrem Tod erfuhr. Ich habe mich auch gefragt: Was für eine Art Beziehung hätte ich nach einem ersten Treffen mit ihr gehabt. Meine jetzige Mutter hätte sie nicht ersetzt, eine Freundin wäre sie auch nicht geworden...

Eine Frage, die mir Freunde und Bekannte oft stellten, wenn ich ihnen vom Tod meiner Mutter erzählte, lautete: Möchtest du nicht herausfinden, wieso sie so früh gestorben ist? «Nein», antwortete ich jeweils knapp, «möchte ich nicht.» Für mich ist die Sache abgeschlossen.

Geht mir gleich. Wir können es ja eh nicht mehr ändern. Wieso sollen wir uns also den Kopf darüber zerbrechen.

Bei dieser Gelegenheit: Ich finde, man müsste die Regelung überdenken, wonach eine Mutter, die ihr Kind zur Adoption gibt, ihre Kinder nie mehr kontaktieren darf.

Finde ich auch. Es könnte zum Beispiel erlaubt werden, das Kind ab dem 18. Geburtstag zu kontaktieren. Das Problem ist nur, wenn das Kind gar nicht weiss, dass es adoptiert ist. Das könnte ein Drama geben.

Vielleicht lesen jetzt gerade unsere leiblichen Väter diesen Text, ohne zu wissen, dass wir ihre Söhne sind. Eigentlich könnten wir uns auch auf die Suche nach ihnen machen. Das dürfte aber schwierig werden. Die wissen wahrscheinlich gar nicht, dass es uns gibt.

Mein Vater wahrscheinlich schon. So viel ich erfahren habe, hat er unsere Mutter mit mir und einem Haufen Schulden zurückgelassen. Was weisst du über unsere Mutter?

Nur so viel: Sie war bei meiner Geburt sehr jung. Sie muss ihre Schwangerschaft wohl verborgen haben. Und: Sie hat mich im Taxi zur Welt gebracht.

Auf alle Fälle muss es eine spezielle Frau gewesen sein, da sie gleich zwei Kinder zur Adoption gegeben hat. Andere Frage: Wie hast du eigentlich von mir erfahren?

Bei der Suche vor drei Jahren teilte man mir mit, es gebe da noch einen Halbbruder, was mich natürlich riesig freute. Im Alltag machte ich mir fortan einen Spass daraus, mir vorzustellen dieser oder jener könnte mein Bruder sein.

Wieso hast du mich nicht gleich gesucht?

Nach der erfolglosen Suche nach unserer Mutter liess ich die Sache erst einmal ruhen. Dieses Jahr war ich dann reif für diesen Schritt. Wieso genau, weiss ich eigentlich auch nicht.

Wie hast du mich schliesslich gefunden?

Die Schweizerische Fachstelle für Adoption hat das übernommen und dir ja dann einen Brief geschickt. Wie hast du eigentlich reagiert, als du erstmals von meiner Existenz erfahren hast?

Ich erinnere mich noch genau an diesen emotionalen Moment. Auch wenn ich es nicht gerne zugebe: Ich habe mich damals ins Auto gesetzt, eine Zigarette angezündet und eine Träne verdrückt. Einerseits habe ich mich gefreut, andererseits kam es mir total strub rein, plötzlich einen Bruder zu haben.

Das kann ich mir vorstellen. Ich konnte mich immerhin mental auf dich vorbereiten. Die Fachstelle hat ja dann auf der ganzen Linie versagt und es versäumt, deine Antwort an mich zurückzusenden. Während zweier Monate hast du nichts von mir gehört. Was dachtest du dir dabei?

Jedes Mal, wenn ich den Briefkasten öffnete, erwartete ich deinen Brief. Ich fands schon extrem komisch, nichts von dir zu hören, obwohl du mich gesucht hast. Frage zurück: Wie war es denn für dich, als dir die Fachstelle nach zwei Monaten endlich mitteilte, dass ich dich sehr gern kennen lernen möchte?

Mir fiel ein riesiger Stein vom Herzen. Es hätte ja auch sein können, dass du kein Interesse an einem Treffen gehabt hättest. Als Erstes habe ich deinen Namen gegoogelt und dein - leider falsches - Foto ausgedruckt. Am Abend habe ich es ganz stolz meiner Freundin, meiner Mutter und einem guten Freund gezeigt. Dumm nur, dass es sich dabei gar nicht um dich handelte, wie die genauere Recherche am nächsten Tag zeigte.

Hat er dir wenigstens geglichen, dein vermeintlicher Bruder?

Ob du es glaubst oder nicht: ja. Vielleicht habe ich es mir ja auch nur eingebildet vor lauter Freude. Wie auch immer: Im August haben wir uns ja dann endlich getroffen. Ich war unglaublich nervös, als der Zug in Winterthur einfuhr. Wie war deine Gemütslage?

Bei mir hielt sich die Nervosität eigentlich in Grenzen. Aufgrund des des Bildes, das du mir vorgängig geschickt hattest - ein Baby auf dem Arm und einen Schal um den Hals! -, befürchtete ich einzig, du könntest ein Softie sein, was sich dann auch bestätigt hat (lacht).

Stimmt überhaupt nicht! Ich weiss noch genau, wie du mich gleich zu Beginn des Gesprächs - wir sassen genau hier in dieser Pizzeria - aufgefordert hast, mich in wenigen Sätzen zu umschreiben. Im Verlaufe dieses «Vorstellungsgesprächs» begannen deine Augen immer mehr zu leuchten, weil du dich in jeder meiner Beschreibungen wiedererkannt hast. War es nicht so?

Ja, die vielen Gemeinsamkeiten waren schon fast unheimlich. Überleg dir mal: 95 Prozent solcher Treffen gehen doch in die Hose, weil die Chemie nicht stimmt. Bei uns passte die Chemie auf Anhieb. Wir sind uns charakterlich wirklich sehr ähnlich, wenn ich da nur an die Geschichte mit den zwei Frauen denke...

...im Strassencafé? Das war wirklich sehr amüsant. Setzen sich doch zwei Frauen neben uns an den Tisch. Ich denke: Wenn die zwei wüssten, wieso wir hier sind, wären sie sicher fasziniert. Ob ich es Ihnen erzählen soll? Ich zögere: Vielleicht findest du das nicht so toll, wenn ich mit unserer Geschichte hausieren gehe. Unsere Blicke treffen sich. In diesem Moment wird mir klar: Du hast genau denselben Gedanken. Und natürlich erzählen wir den beiden Frauen unsere Geschichte.

Die beiden fanden es tatsächlich der Hammer und haben uns über alle möglichen Details ausgequetscht.

Sonst noch ähnliche Charaktereigenschaften?

Ich musste lachen, als du mir offenbart hast, du seist ein schlechter Verlierer und ein noch schlechterer, sprich hochmütiger Gewinner. Das trifft auf mich absolut auch zu. Weiter sind wir beide zwei elende Quasselstrippen, denen man besser nichts anvertraut. Ausser es handelt sich wirklich um eine vertrauenswürdige Angelegenheit.. .

...auch dann besser nicht!

Okay, auch dann nicht. Oft sind die Geschichten einfach zu gut, um nicht weitererzählt zu werden. So wie unsere.

Kommt wohl auch hinzu, dass wir uns beide nicht allzu ernst nehmen und relativ freizügig Privates von uns preisgeben.

Ja, das hat was.

In diesem Zusammenhang erinnere ich mich noch daran, wie du den beiden Frauen erzählt hast, dass du die ersten zwei Wochen deines Lebens «Martin» geheissen hast, bevor du auf den Namen «Pascal» umgetauft wurdest.

Ja, verrückte Geschichte. Hattest du eigentlich auch einmal einen anderen Namen.

Ja, Christoph. Den Nachnamen lass ich jetzt besser weg, sonst melden sich plötzlich noch andere leibliche Geschwister. Als ich meinen alten Namen vor ein paar Jahren zum ersten Mal in den Adoptionsunterlagen las, war das schon ein komisches Gefühl - wie eine zweite Identität.

Hast du deinen Eltern eigentlich Stiefmutter und -vater gesagt?

Nein. Für mich waren sie immer meine richtigen Eltern; genauso wie meine ebenfalls adoptierte Schwester. Was ich dich noch fragen wollte: Hat es dir nie etwas ausgemacht, keine leiblichen Verwandten zu haben?

Nein, überhaupt nicht.

Mir auch nicht. Im Gegenteil. Meine Familie hat mir immer alle erdenkliche - emotionelle und materielle - Unterstützung gegeben. Ich glaube nicht, dass meine leibliche Mutter dazu in der Lage gewesen wäre.

Das sehe ich ähnlich. Aber lassen wir das Thema Familie...

Gut. Hast du dir nie überlegt, dass wir einen psychischen Knacks erlitten haben könnten, weil wir als Baby von unserer Mutter weggegeben wurden?

Nein, das glaube ich nicht. Und wenn ein Psychiater versuchen würde, mir so etwas einzureden, würde ich ihn einfach nicht ernst nehmen.

Hm, ich weiss nicht. Ich bin sehr freiheitsliebend - ich weiss, das behaupten viele von sich. Manchmal stelle ich mir halt vor, das könnte mit diesem Bruch in frühster Kindheit zusammenhängen. Sozusagen eine unterbewusste Angst, wieder verlassen zu werden. Jetzt bin ich doch kurz der Weichspüler-Typ.

Das glaube ich nicht, obwohl auch ich sehr freiheitsliebend bin. Wir hatten ja beide schon ein paar Freundinnen (lacht). Apropos, willst du mal eine eigene Familie gründen?

Eigentlich schon. Bevor ich dich kennen lernte, hab ich mich immer gefragt, wie es für mich sein wird, wenn ich einmal ein eigenes Kind und somit auch zum ersten Mal im Leben einen Blutsverwandten habe. Doch jetzt hab ich ja dich kennen gelernt. Und du, willst du mal eine Familie?

Auf jeden Fall.

Würdest du selber Kinder adoptieren, wenn es auf natürlichem Weg nicht klappt?

Das muss nicht unbedingt sein. Ich kann mir auch ein tolles Leben ohne eigene Kinder vorstellen. Zudem kann man nicht unbedingt davon ausgehen, zwei so Prachtkerle wie uns zu erhalten (lacht).

Wie geht es jetzt eigentlich weiter mit uns?

Wieder eine dieser Fragen! Wie soll es schon weitergehen mit uns. Wir treffen uns weiter gelegentlich auf ein Bier; der Rest wird sich von alleine ergeben.

Ich hatte ja schon die Gelegenheit, einen Teil deiner Freunde an der Olma kennen zu lernen. Hättest du auch Lust, einmal meine Familie und Freunde kennen zu lernen?

Ja sicher. Das wäre doch spannend. Immerhin bin ich ja schon Facebook-Freund von deiner Freundin.

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