Ist das der Nachfolger von Didier Burkhalter? Gelöst und sichtlich zufrieden stellte sich Ignazio Cassis um 16.30 Uhr vor die Kameras und Mikrofone. Er hatte soeben das letzte der drei Hearings des Tages hinter sich gebracht, jenes bei der CVP-Fraktion. Der Applaus war warm, Cassis winkte der Fraktion beim Hinausgehen zu.

Der Favorit hat gut lachen, wie sich wenig später ein Stockwerk höher vor dem Fraktionszimmer der SVP zeigte. Fraktionschef Adrian Amstutz verkündete das Resultat des Hearings mit den drei Bundesratsanwärtern. 45 der 74 Fraktionsmitglieder haben sich für Cassis ausgesprochen, 11 für die Waadtländerin Isabelle Moret. Der Genfer Sicherheitsdirektor Pierre Maudet erhält offiziell kaum Support in der grössten Fraktion im Land: Er erhielt im ersten Wahlgang eine Stimme. Aber ganz so klar ist die Sache auch wieder nicht: 17 Personen haben sich in der SVP gestern nicht verlautbart.

Cassis klarer Favorit bei der SVP

Der Tessiner Ignazio Cassis hat die SVP-Fraktion von sich überzeugen können. 45 Stimmen aus der Fraktion erhielt er, Isabelle Moret 11. Pierre Maudet erhielt keine einzige Stimme.

«Die italienische Schweiz hat eine Vertretung im Bundesrat nötig», sagte Amstutz. Laut ihm war entscheidend, dass die SVP «alle Sprach- und Landesregionen» im Bundesrat vertreten haben will. Die elf Stimmen für Moret dürften vorab von den Bauern gekommen sein.

Maudet wusste, dass er es schwer haben würde in der SVP. Nach dem Hearing sagte er in die Mikrofone den Satz, den er mehrmals wiederholte: «Es war ein interessanter Austausch, ich freue mich auf eine mögliche Zusammenarbeit.»

Offener ist die Ausgangslage in den anderen Parteien, welche die drei Kandidaten gestern anhörten. Im Unterschied zur SVP gab die CVP noch keine Wahlempfehlungen ab. Alle seien «durchaus wählbare und qualifizierte Kandidaten», liess sie verlauten. Im Gespräch mit Fraktionsmitgliedern wird schnell klar, dass der Eindruck sehr individuell ist, den die Kandidaten hinterlassen haben. Pierre Maudet, der mit den härtesten Fragen konfrontiert wurde, sei dynamisch, selbstbewusst gewesen, was bei manchen gut ankam.

Filippo Lombardi: Alle drei Kandidaten sind wählbar

Durchgefallen ist keiner der drei FDP-Aspiranten für die Nachfolge von Bundesrat Didier Burkhalter. Das verrät CVP-Fraktionspräsident Filippo Lombardi. Doch wer die Mittepartei am meisten überzeugt hat, liess er am Dienstag noch offen.

Anderen war das zu viel. Sie zweifeln, ob er der richtige Mann für eine Kollegialregierung sei. Zu Moret gibt es Stimmen, die sagen, sie habe nicht überzeugt, weil sie ihre Präsentation abgelesen und sich verhaspelt habe. Andere hielten ihren Auftritt am «authentischsten». Ignazio Cassis sei souverän gewesen, sagen die einen. Einige führen das darauf zurück, dass er sich vor der CVP sicher gefühlt habe. In der Fraktion scheint man davon auszugehen, dass er am 20. September die meisten der 43 Stimmen abholen wird.

Grüne nach Hearing: Noch keine Entscheidung getroffen

Die Grünen haben nach den Hearings noch keine Wahlempfehlung abgegeben. Sie werden sich fraktionsintern nochmals beraten.

Moret besser als beschrieben

Die drei Kandidaten angehört haben auch die 13 Grünen. Favorit Cassis zeigte dort im Gegensatz zu Moret und Maudet wenig Feuer, heisst es. Er sei sich offen- bar sicher, zu gewinnen. Aufgefallen ist: Pierre Maudet sprach als Einziger zuerst von seinen Visionen, seinen Inhalten, und dann erst von sich selbst.

Moret wählte wie schon bei den Bauern einen sehr persönlichen Ansatz, sie erzählte von sich, hinterliess einen guten Eindruck. «Isabelle Moret musste sich in den letzten Wochen oft anhören, dass sie einen schlechten Auftritt habe. Davon haben wir nichts gemerkt», sagt Grünen-Fraktionschef Balthasar Glättli. «In der Finanzpolitik präsentierte sich Cassis voll auf SVP- Linie. Wenn man sparen müsse, dann bei Entwicklungszusammenarbeit und Bildung, aber nicht bei Landwirtschaft und Armee», sagt Glättli. «In gesellschaftspolitischen Fragen ist uns Cassis näher, so zeigte er sich in Bezug auf gleichgeschlechtliche Partnerschaften offen für eine Aufwertung des Status und wiederholte, dass er auch harte Drogen liberalisieren wolle. Entscheiden wollen die Grünen erst nächste Woche, wen sie unterstützen.

Diese erste Runde ging also an Cassis. Die Rolle als Favorit behagt ihm indessen nach wie vor nicht. Kurz nach dem dritten und letzten Hearing erklärte er, dass ihm dieser Titel am Anfang aufgedrückt wurde und er seither schlecht damit gelebt habe. Zu den Hearings sagt er: «Ich habe versucht, mich selbst zu bleiben. Die Zeit ist verflogen.» Er habe sich wohlgefühlt. «Locker ist man trotzdem nicht. Locker ist man, wenn man vertraute Dinge tut – wie Kaffeekochen.»

Die Hearings mit gut zwei Dritteln des Parlaments sind damit absolviert. Am nächsten Dienstag folgen noch die Anhörungen bei SP, BDP und GLP, die insgesamt 70 Mitglieder zählen.