Auf eine öffentliche Ankündigung hatte Didier Burkhalter verzichtet: Kaum jemand wusste, dass der Schweizer Aussenminister am Samstag zu einem 24-Stunden-Besuch in die saudi-arabische Hauptstadt Riad aufgebrochen war.

Dort traf er gestern König Salman und Aussenminister Adel el Dschubair, um über die Beziehungen zwischen dem seit langem verfeindeten schiitischen Iran und dem sunnitischen Saudi-Arabien zu sprechen.

Burkhalter hatte nicht nur besänftigende Worte im Gepäck, sondern auch ein handfestes Angebot: Die Schweiz sei bereit, künftig die Interessen Saudi-Arabiens im Iran und jene des Iran in Saudi-Arabien wahrzunehmen. Sprich: beiden Ländern als jeweilige Schutzmacht zu dienen.

Die Vertreter des saudischen Königshauses nahmen das Angebot dankend an. Genauso der Iran: Dessen Führung hatte sich schon im Januar nach einem Treffen von Aussenminister Mohammed Dschawad Sarif mit Burkhalter am World Economic Forum in Davos für die schweizerische Vermittlung ausgesprochen.

Auch andere wollten vermitteln

Die Einzelheiten der Rolle der Schweiz müssten im Detail noch mit Repräsentanten beider Länder diskutiert werden, teilte das Departement für auswärtige Angelegenheiten gestern mit. Klar ist bislang nur, dass sie für die Kosten der Schweiz aufkommen werden.

Falls es der Iran und Saudi-Arabien nämlich wünschten, könne die Schweiz auch einen Kommunikationskanal anbieten, der es den beiden Regierungen erlaube, sich trotz fehlender diplomatischer Beziehungen auszutauschen. Vor sechs Wochen hatten diese den Kontakt zueinander abgebrochen, nachdem es nachder Hinrichtung des schiitischen Geistlichen Nimr el Nimr in Saudi-Arabien zu Spannungen gekommen war (siehe Box).

Der Zuschlag, zwischen den beiden geostrategisch eminent wichtigen Staaten vermitteln und als «Briefträger» dienen zu dürfen, stellt für die Schweizer Diplomatie einen grossen Erfolg dar. «Burkhalters Coup ist umso höher einzustufen, als auch andere Staaten und sogar solche aus der Region befähigt und interessiert gewesen wären, die Schutzmachtmandate zu übernehmen», sagt Philippe Welti, 2004 bis 2008 Schweizer Botschafter im Iran. Die Tatsache, dass beide Seiten mit dem Doppelmandat einverstanden seien, zeuge vom hohen Ansehen der Schweiz und dem Vertrauen, das man in sie habe. Die Vermittlung sei auch Burkhalters persönlicher Triumph. «Er gilt in der Region als glaubwürdiger Vermittler.» Christian Blickenstorfer, 1993 bis 1997 Botschafter in Saudi-Arabien, verweist auf die traditionell guten Beziehungen zu beiden Ländern. Als seit 36 Jahren umsichtig handelnde Schutzmacht der USA in Tehe-ran habe die Schweiz die Anerkennung der dortigen Machthaber gewonnen. «Und die Mitglieder des saudi-arabischen Königshauses reisen regelmässig nach Genf, wo sie auch Häuser besitzen.»

Lobend äussern sich auch Schweizer Politiker. «Burkhalter wird der zentralen Aufgabe der Schweiz gerecht, sich für Frieden und Deeskalation schwelender Konflikte einzusetzen», sagt die St. Galler SP-Nationalrätin Claudia Friedl. Dieses Engagement sei sehr positiv, findet auch der Berner SVPler Andreas Aebi. «Das ist kein Auftrag der zweiten oder dritten diplomatischen Güteklasse», sagt der Aussenpolitiker. «Hier spielen wir in der obersten Liga.» Dem pflichtet der Aargauer SVP-Nationalrat Maximilian Reimann bei: «Es ist eine Auszeichnung für die Schweiz, wenn sie ein solch schwieriges Mandat übertragen erhält.»

Wird Schweiz jahrelang benötigt?

Ungewiss ist, wie lange die Guten Dienste der Schweiz in Teheran und Riad gefragt sein werden. «Womöglich werden wir die Schutzmachtmandate jahrzehntelang innehaben», glaubt Aebi. «Denn dieser Konflikt ist nicht weniger brisant, als es jener zwischen den USA und dem Iran war.» An ein längeres Kapitel glaubt auch Ex-Diplomat Welti: «Ein Mandat einzurichten, ist logistisch und politisch ein grosser Aufwand. Es ist zwar nicht gerade eine Heirat, aber doch eine Vermählung, die man nicht so einfach über Bord wirft.» Mit den beiden neuen Schutzmachtmandaten kommt die Schweiz nun auf deren sechs, nachdem Kuba
und die USA kürzlich wieder direkte Beziehungen aufgenommen haben.

Auch Toby Matthiesen, Islam- und Politikwissenschafter an der Universität Oxford, hält eine baldige Annäherung zwischen Riad und Teheran für unwahrscheinlich. «Das seit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen vor allem
in Bezug auf Syrien weiter eskalierte Säbelrasseln deutet darauf hin, dass das Schweizer Engagement eine längere Angelegenheit werden könnte», sagt er. «In dieser Region benötigt Diplomatie nun mal Zeit, um Erfolge zu zeitigen.»