Schweiz
Verwandtenpflege: Diese drei Massnahmen sollen pflegende Angehörige entlasten

Der Bundesrat kümmert sich um die Kümmerer. Die drei geplanten Massnahmen betreffen den Arbeitgeber, die Eltern und die AHV.

Jonas Schmid
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Wer Angehörigen hilft, der soll nicht noch mit Job und Rente dafür zahlen.

Wer Angehörigen hilft, der soll nicht noch mit Job und Rente dafür zahlen.

Sie stehen mitten im Leben, machen Karriere, haben eine Familie gegründet. Dann passiert es aus heiterem Himmel: Ein Elternteil stürzt, erleidet einen Herzinfarkt oder Hirnschlag. Er oder sie muss gepflegt werden. Von einem Tag auf den anderen müssen Betroffene ihr Leben umkrempeln, um die Eltern zu umsorgen. Wer aber kümmert sich um sie? 237 000 Menschen in der Schweiz pflegen und betreuen regelmässig Angehörige und sind gleichzeitig erwerbstätig. Nicht selten geraten sie ans Ende ihrer Kräfte. Treten sie beruflich kürzer oder geben die Arbeit sogar ganz auf, drohen ihnen zudem finanzielle Einbussen, etwa in Form einer geringeren Rente.

«Arbeit von unschätzbarem Wert»

Seit langem fordern Organisationen wie Pro Senectute deshalb mehr Support für pflegende Angehörige. Nun handelt der Bundesrat. Er schickte gestern einen Gesetzesentwurf mit drei Massnahmen in die Vernehmlassung:

1. Massnahme:

Arbeitgeber sollen bei Kurz-Absenzen für die Pflege von Angehörigen zu einer Lohnfortzahlung verpflichtet werden. Zwei Drittel der Unternehmen kommen dieser Forderung schon heute nach, neu soll sie für alle gültig im Obligationenrecht verankert werden. Kostenpunkt: 90 bis 150 Millionen Franken pro Jahr.

2. Massnahme:

Eltern von schwerkranken Kindern soll ein Pflegeurlaub von maximal 14 Wochen gewährt werden. Der Lohnausfall würde wie beim Mutterschaftsurlaub über das Erwerbsersatzgesetz finanziert. Kostenpunkt: 77 Millionen Franken pro Jahr.

3. Massnahme:

Der Bundesrat hat den Anspruch auf Betreuungsgutschriften für die AHV ausweiten. Heute haben pflegende Angehörige Anspruch auf eine solche, um Einkommensausfälle auszugleichen, wenn die pflegebedürftige Person eine Hilflosenentschädigung für mittlere oder schwere Hilflosigkeit beansprucht. Künftig soll dies bereits bei leichter Hilflosigkeit gewährt werden, also wenn eine Person zwei alltägliche Lebensverrichtungen wie Essen oder Ankleiden nicht mehr selbstständig meistern kann.

«Pflegende Angehörige leisten Arbeit von unschätzbarem Wert, nicht nur für die Kranken, sondern auch für die Gesellschaft», betonte Gesundheitsminister Alain Berset. In der Tat ist Hilfe im privaten Umfeld oft die günstigste und effizienteste Variante der Care-Arbeit. Im Jahr 2013 wurden in der Schweiz laut Bundesamt für Statistik allein für die Pflege und Betreuung von Erwachsenen 41 Millionen Stunden unbezahlte Arbeit geleistet.

Finanziell nicht verkraftbar

Einen Wegfall dieses Engagements könnte die Gesellschaft finanziell nicht verkraften. «Daher wäre es das Mindeste, es den Betroffenen zu ermöglichen, gleichzeitig einer Berufstätigkeit nachzugehen, um alles daranzusetzen, damit sie auf ihre eigene Gesundheit achten können, und Massnahmen zu ergreifen, damit sie wegen ihres Engagements später nicht benachteiligt sind», heisst es in einem Bericht der Gewerkschaft Travail Suisse.

Man begrüsse, dass der Bundesrat «endlich» aktiv werde, sagt Valérie Borioli Sandoz von Travail Suisse: «Der Gesetzesentwurf muss umfassend und ehrgeizig sein, denn Investitionen in die Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Betreuungsarbeit sind mit einem hohen Return on Investment verbunden.»

Gute Ansätze bei der Kinderbetreuung

Für Peter Burri Follath von Pro Senectute Schweiz müssen Lösungen von Staat, Wirtschaft und Privaten gemeinsam getragen werden. Bei der Kinderbetreuung gebe es gute Ansätze, «warum soll das bei der Betreuung von älteren Menschen nicht auch funktionieren?» Auch Stefan Müller-Altermatt, Solothurner CVP-Nationalrat und Präsident des Personalverbands Transfair, sieht die Vorschläge positiv, vermisst aber eine Lösung für die zweite Säule: «Wer das Arbeitspensum reduziert, um Angehörige zu pflegen, der verzichtet nicht nur auf Lohn, sondern auch auf Beiträge für die Altersvorsorge.» In einem Vorstoss verlangt er vom Bundesrat Ideen, wie die berufliche Vorsorge kompensiert werden kann.

Betroffen sind vor allem Frauen. Sie leisten zwei Drittel der Care-Arbeit. Mit der demografischen Alterung und der steigenden Erwerbstätigkeit der Frauen dürfte sich die Situation verschärfen. Ende 2017 gab es gut 434'000 Menschen über 80 in der Schweiz. 2045 sind es nach Prognosen des Bundes bereits über eine Million.