Sicherheit

Versenkbare Leitplanken in Gotthard-Röhre scheiden die Geister

Die einfache Gotthard-Röhre mit eingefahrenen und mit ausgefahrenen Leitplanken.

Die einfache Gotthard-Röhre mit eingefahrenen und mit ausgefahrenen Leitplanken.

Bürgerliche Gegner einer zweiten Gotthard-Röhre machen mit einer neuen Idee mobil: Sie wollen absenkbare Mittelleitplanken auf der ganzen Länge des Tunnels. Diese sollen für mehr Sicherheit sorgen.

Bis anhin wurde es mit Vorliebe von den Befürwortern einer zweiten Röhre ins Feld geführt, das Argument der Sicherheit. Es braucht nicht viel Vorstellungsvermögen, um einzusehen, dass Kollisionen bei zwei separaten Tunnels weniger wahrscheinlich sind – sofern das Verkehrsaufkommen nicht massiv zunimmt und vor allem nicht eines Tages plötzlich doch je zwei Spuren für den Verkehr geöffnet werden.

Zur Erinnerung: Die Vorlage, die der Bundesrat und eine Mehrheit des Parlaments befürworten, sieht zwei Röhren mit nur je einer befahrenen Spur vor. Am 28. Februar 2016 entscheidet das Stimmvolk.

Doch nun versucht auch das Komitee «Bürgerliche gegen zweite Röhre» das Argument der Sicherheit für sich zu beanspruchen. In einem Communiqué schlägt es Lösungen vor, mit denen die Sicherheit «schneller, billiger und effektiver» gesteigert werden könne als mit einer zweiten Röhre.

Bauliche Massnahme

Die Röhren-Gegner haben dabei insbesondere eine bauliche Massnahme im Visier: die Konstruktion von versenkbaren Mittelleitplanken auf der ganzen Länge des Tunnels. «Diese wären vierzig Mal billiger und erst noch um Jahre früher funktionsfähig als eine zweite Gotthardröhre», sagt Nationalrätin Maja Ingold (EVP).

Der Vorteil einer Leitplanke liegt auf der Hand: Frontalkollisionen würden damit in praktisch jedem Fall verhindert. Wie der Bundesrat im Sommer festhielt, starben zwischen 2003 und 2013 acht Personen im Gotthardtunnel aufgrund eines Unfalls, 23 Personen wurden schwer verletzt.

Doch wie würde sie funktionieren, diese Mittelleitplanke? Im Normalfall wäre sie bis auf eine Höhe von 75 Zentimeter aus dem Boden gefahren. Gibt es ein Problem – etwa einen Unfall – können die einzelnen Stahl-Elemente mittels Hydraulik wieder in den Boden versenkt werden, damit die Zufahrt für Rettungsfahrzeuge nicht behindert wird. Beschädigte Elemente wären naturgemäss allerdings blockiert.

Aus genau diesem Grund halten Kritiker das System für untauglich, ja gar für «menschenverachtend», wie es Nationalrat Ulrich Giezendanner (SVP, AG) ausdrückt. Er befürchtet vor allem dann tödliche Gefahr, wenn ein Lastwagen in eine Leitplanke fährt und diese aufgrund seines Gewichts schwer beschädigt. Fahrzeuge, die sich dann hinter einem Unfallwagen, aber noch innerhalb des gleichen Abschnitts des nunmehr unbeweglichen Stahl-Elements befinden, könnten dann nicht mehr wenden und wären schlicht gefangen. «Da habe ich lieber gar nichts als diese unsäglichen Mittelleitplanken», sagt Giezendanner.

Jürg Junker kennt dieses Argument, der Berner Bauingenieur hat das System entwickelt. Die einzelnen Elemente seiner Mittelleitplanke seien nur vier Meter lang, im Fall einer Kollision wären höchstens drei oder vier Elemente beschädigt, so Junker. Alle anderen könnten versenkt werden und kleinere Fahrzeuge allenfalls wenden, sofern die Gegenfahrbahn frei ist. «Viel wichtiger ist, dass eine Frontalkollision verhindert werden konnte», sagt Junker.

Nur politische Motive?

Auch der Bundesrat hat sich bereits mit der Idee einer Mittelleitplanke befasst – und ihr eine deutliche Absage erteilt. Das System sei nicht zertifiziert, womit nicht erwiesen sei, dass es sich «im Ereignisfall wunschgemäss verhält». Zudem wisse man nicht, «welche psychologische Wirkung die optische Einengung der Fahrbahn» hätte, so der Bundesrat im Februar 2014 in einer Antwort auf eine Interpellation.

Die Gegner der zweiten Gotthardröhre werfen der Parlamentsmehrheit und dem Bundesrat politische Motive vor: Sie bekämpften die Mittelleitplanke nur, um ein Hauptargument für den zweiten Tunnel nicht zu verlieren, so der Tenor. Giezendanner reagiert gereizt auf diesen Vorwurf. Der Beweis, dass er nicht zutreffe, sei einfach zu erbringen – aus Gründen der Sicherheit kämpfe er auch bei Tunnels, wo eine zweite Röhre gar kein Thema sei, gegen diese Mittelleitplanken, so der SVP-Mann.

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