Bundesverwaltung

Verschwiegenheit: Kommuniziert wird immer nur zurückhaltend

Bundesratssprecher André Simonazzi (rechts) steht für eine Kultur der Verschwiegenheit und «Informationsverhinderung». KEYSTONE

Bundesratssprecher André Simonazzi (rechts) steht für eine Kultur der Verschwiegenheit und «Informationsverhinderung». KEYSTONE

Es war nur eine Frage der Zeit: Kurz vor Ostern wurde Joachim Gross, Chef des Stabsbereichs Information und Kommunikation im Bundesamt für Migration (BFM), abgesägt. Erst ein Jahr im Amt, wird Gross zwar nicht entlassen, aber quasi kaltgestellt.

Er soll, sobald ein Nachfolger für seinen Posten gefunden ist, als «Kommunikationsberater» im BFM tätig sein – und nicht mehr mit Journalisten zu tun haben.

Ein offensiver Deutscher

Gross’ Rückstufung ist offenbar auf zwei Gründe zurückzuführen. Zum einen soll seine Chefin, Bundesrätin Simonetta Sommaruga, darauf gedrängt haben, dass ein Schweizer die Bürger in der heiklen Asylpolitik informiert – Gross ist Deutscher. Zum zweiten gilt Gross als offensiver Kommunikator, der aktiv Einblick in Prozesse und Entscheidungen geben möchte.

Das ist in der Bundesverwaltung eher ein Sonderfall: «Als Sprecher hatte ich gewöhnlich beredt zu schweigen und stattdessen zu schreiben, nämlich vorwiegend ein belangloses Communiqué», schrieb der ehemalige Bundesratssprecher Oswald Sigg vor kurzem in der az.

Journalisten kritisieren das «Informationsdefizit» in Bundesbern. In einer Umfrage des Medienmagazins «Schweizer Journalist» bezeichneten sie Departementssprecher als «Informationsverhinderer», die darauf bedacht seien, ihre Chefs zu schützen, hinter jeder Frage eine Attacke vermuteten und nur selten mehr sagten als im Communiqué steht.

Es gibt Ausnahmen, doch das Gros der Sprecher agiert im Umgang mit Medien misstrauisch und defensiv. Das sollte nicht nur Journalisten stören: Medien sind letztlich nur Vermittler zwischen Verwaltung und Bürgern. Und diese haben laut Kommunikationsleitbild des Bunds ein Recht auf eine umfassende, dialogorientierte und transparente Information.

Von Deutschen lernen?

Dass Joachim Gross eine der Ausnahmen ist, liegt unter anderem vermutlich an seiner Herkunft: Wer mit Sprechern von deutschen Ministerien zu tun hat, ist erstaunt, wie Information auch funktionieren kann. Deutsche Sprecher können «on the record» – als zitierbare Quelle – oftmals auch nicht mehr sagen als Belanglosigkeiten.

Doch «im Off», als Hintergrundwissen für den Journalisten, geben sie offen Einschätzungen und Zusatzinformationen, die bei der Recherche helfen. Häufig «stecken» sie Medien gar von sich aus Geschichten. Kurz: Sie sehen in den Medien keinen Feind und agieren dementsprechend offensiver. Dabei scheuen sich nicht, anderen auch mal auf die Füsse zu treten.

In der Konkordanzdemokratie der Schweiz gilt es als unanständig, anderen die Schuld an einem Problem zu geben. Schwierigkeiten werden lieber unter dem Deckel behalten. Manchmal rächt sich das, wie ironischerweise ausgerechnet das Bundesamt für Migration erfahren musste. So schob Bundesrat Ueli Maurer die Misere bei der Suche nach Truppenunterkünften für Asylsuchende kurzerhand – und ganz und gar unberechtigt – auf die Inkompetenz eben jenes Bundesamts für Migration ab (az vom 26.März).

Misstrauen und Angst vor Fehlern

Nicht immer sind die Sprecher schuld am Informationsdefizit. Sie dürfen nur so viel informieren, wie ihre Chefs – Amtsdirektoren und Bundesräte – zulassen. Hier gibt es beträchtliche Unterschiede. Alt Bundesrat Pascal Couchepin beispielsweise liess seinen Leuten viel Freiraum. Heute herrscht in einigen Departementen so grosses Misstrauen, dass sich niemand traut, zu informieren, aus Angst, Fehler zu machen.

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