Burka
Verschleiert Auto gefahren: Muslimin droht Ausweisung

Eine Verkehrsbusse für eine verschleierte Autofahrerin mutiert in Frankreich zu einer heftigen Polemik – über Polygamie. Sie kommt Präsident Sarkozy gerade recht.

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Burka sorgt in Frankreich für Aufregung

Burka sorgt in Frankreich für Aufregung

Keystone

Stefan Brändle, Paris

Es ist ein wenig wie in Mani Matters Chanson vom Zündholz, das fast einen Weltenbrand auslöst. Ein Polizist hatte in der westfranzösischen Hafenstadt Nantes unlängst eine Autofahrerin im Ganzkörperschleier angehalten. Er büsste sie mit 22 Euro, weil die Frau am Steuer durch den Augenschlitz schlecht sehe. Das verstosse gegen das Strassenverkehrsgesetz, das eine rundum freie Sicht verlange.

Die aus Algerien stammende Frau ficht die Busse an. Sie fahre seit neun Jahren Auto, ohne jemals behelligt worden zu sein, meint sie laut ihrem Anwalt. Der fügt an, der Blickwinkel von behelmten Motorradfahrern oder katholischen Nonnen sei auch nicht unbedingt grösser.

Der Fall ist brisant: Das französische Parlament will noch vor den Sommerferien, eventuell sogar in einer Dringlichkeitsdebatte, ein gesetzliches Verbot des Ganzkörperschleiers (Nikab) erlassen. Innenminister Brice Hortefeux giesst nun zusätzlich Öl ins Feuer: Er will dem Gatten der gebüssten Nikab-Fahrerin die französische Staatsbürgerschaft aberkennen. Der Mann gehöre der radikalislamischen Tabligh-Vereinigung an, lebe mit vermutlich vier Frauen in Polygamie, habe zwölf Kinder und erschleiche Sozialleistungen, erklärte der Minister, ein enger Vertrauter von Staatschef Nicolas Sarkozy. Jede der vier Frauen weise sich nämlich als «Alleinerzieherin» aus und beziehe damit höhere Kinderzulagen.

Gattinnen oder Schwestern?

Hortefeux hängt die Affäre bewusst an die grosse Glocke, indem er seinen Regierungskollegen, Immigrationsminister Eric Besson, via Medien aufforderte, die notwendigen Abklärungen zu treffen. Besson haute am Wochenende ebenfalls auf die Polygamie-Pauke: Ohne Genaueres zu wissen, meinte er in einem Zeitungsinterview, die Justiz müsse unbedingt «in Aktion treten», wenn sich die «unerträglichen Fakten» (der Polygamie) bestätigen sollten. Seither kurven Fernsehteams durch das Wohnquartier von Nantes. Nachbarn räumen ein, sie sähen ab und zu verschleierte Frauen. «Wie zahlreich sie sind, und ob es Gattinnen oder Schwestern sind, kann ich Ihnen aber leider nicht sagen», sagte ein Nachbar mit verschmitztem Lächeln in die TV-Kamera.

Die Moschee-Vereinigung von Nantes begehrte gestern gegen die «Stigmatisierung» ihrer Glaubensgemeinschaft auf und meinte, mit den Themen Nikab, Polygamie und Islamismus werde alles in einen Topf geworfen. Die Linksopposition wirft Sarkozy vor, er suche die Affäre auszuschlachten. Die Familie sei den Behörden seit langem bekannt, erklärte der sozialistische Fraktionschef Jean-Marc Ayrault. «Warum tut man so, als würde man diese Situation erst heute entdecken?»

Polygamie ist in Frankreich gesetzlich verboten, wird aber oft toleriert. Die Linke war während ihrer Regierungszeit vor 2002 nie dagegen vorgegangen. Trotzdem ist Ayraults Frage berechtigt: Seit den verlorenen Regionalwahlen aktiviert Sarkozy fast täglich Sicherheitsthemen, die bei den Franzosen gut ankommen. Vergangene Woche sprach er sich für ein Nikab-Totalverbot aus. Nicht nur die vier Millionen Moslems gewinnen den Eindruck, dass der in ganz Europa verfolgte Burka-Entscheid Frankreichs letztlich mehr der präsidialen Wahltaktik folgt als einer besonnenen Interessenabwägung.

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