Altersvorsorge 2020
«Verrat an der eigenen Klientel»: Plan B der FDP trifft Gewerbe erst recht

Tieflohnbranchen profitieren vom AHV-Zuschlag für Neurentner. Befürworter werfen dem Gewerbeverband deshalb Verrat an seiner Klientel vor.

Doris Kleck
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Die Nationalratsvariante, auf dem der Plan B der FDP basieren soll, kommt Betriebe mit vielen Angestellten mit tiefen oder mittleren Löhnen teurer zu stehen als die Altersvorsorge 2020. (Symbolbild)

Die Nationalratsvariante, auf dem der Plan B der FDP basieren soll, kommt Betriebe mit vielen Angestellten mit tiefen oder mittleren Löhnen teurer zu stehen als die Altersvorsorge 2020. (Symbolbild)

Keystone

Die Beratung der Altersvorsorge 2020 glich einem Krimi. Schon heute ranken sich deshalb Legenden um die entscheidenden Tage in der März-Session. Eine dreht sich um Ulrich Giezendanner. Der SVP-Nationalrat hatte für sein Transportunternehmen ausgerechnet, welches Modell der Rentenreform günstiger kommt. Dasjenige des Ständerates mit einem AHV-Zuschlag von 70 Franken, welches sich durchsetzte. Oder dasjenige des Nationalrates, welches die Rentenverluste, die durch die Senkung des Umwandlungssatzes entstehen, allein in der zweiten Säule kompensieren wollte. Für Giezendanners Firma war das Modell des Ständerates vorteilhafter. Die SVP-Parteileitung soll ihm deshalb nahe gelegt haben, die Berechnungen verschwinden zu lassen.

Giezendanner lässt die Erzählung nicht genau so stehen (er habe seine Berechnungen nicht weitergegeben, weil sie Geschäftsgeheimnisse enthielten). Aber er sagt: «Die Kompensation innerhalb der zweiten Säule wäre für meinen Betrieb teurer.» Der SVP-Nationalrat ist darum anders als seine Partei für die Reform der Altersvorsorge 2020. «Zudem braucht eine neue Reform mindestens fünf bis sechs Jahre Zeit», sagt Giezendanner. Bis dann sei die Verschuldung der AHV so gross, dass sie nicht mehr sanierbar sei.

Die Gegner der Vorlage teilen diesen Pessimismus nicht. Die FDP hat einen Plan B skizziert, falls das Volk am 24. September Nein sagt. Das Rentenniveau soll erhalten bleiben, die Kompensation allerdings allein innerhalb der beruflichen Vorsorge erfolgen. «Das Kompensationsmodell soll sich an der unterlegenen Lösung der Einigungskonferenz orientieren», schreibt die FDP. Das heisst im Klartext, dass die Löhne in der zweiten Säule besser versichert werden. Dazu gibt es zwei Stellschrauben. Entweder den Koordinationsabzug senken oder ganz abschaffen. Oder die Altersgutschriften, also die Beiträge von Arbeitnehmern und Arbeitgebern an die berufliche Vorsorge, erhöhen.

Im Parlament gab es dazu zwei Varianten. Der Nationalrat hatte in der ersten Beratung einem Modell der Wirtschaft zum Durchbruch verholfen. Durch die Abschaffung des Koordinationsabzuges und der neuen Staffelung der Altersgutschriften wäre die zweite Säule ausgebaut worden. Wegen der hohen Kosten nahm der Gewerbeverband schon am Tag danach wieder Abstand vom Entscheid. SVP und FDP verfeinerten daraufhin das Kompensationsmodell. Die Gesamtkosten sanken damit auf das Niveau des Ständeratsmodells, der Altersvorsorge 2020. Für die Firmen haben die Modelle jedoch unterschiedliche Auswirkungen. Der Gewerkschaftsbund hat die Kosten für einen Handwerksbetrieb mit zehn Mitarbeitern berechnet (siehe Grafik).

Das Fazit: Die Nationalratsvariante, auf dem der Plan B der FDP basieren soll, kommt Betriebe mit vielen Angestellten mit tiefen oder mittleren Löhnen teurer zu stehen als die Altersvorsorge 2020. Die Mehrkosten liegen 3,6 Prozent höher. Noch schlechter schneidet der Vorschlag der Wirtschaft ab: Er kostet 12,4 Prozent mehr als die Altersvorsorge 2020.

Verrat an der eigenen Klientel?

Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Gewerbeverbandes, hält nichts von den Berechnungen: «Die Gewerkschaften sind bekannt dafür, dass sie die Annahmen immer so treffen, dass ihnen das Ergebnis politisch nützt.» CVP-Ständerat Konrad Graber sieht das freilich anders. Für Tieflohnbranchen sei eine Kompensation durch eine Erhöhung der AHV-Rente vorteilhafter als innerhalb der zweiten Säule. Graber verweist auf Berechnungen des Bundesamtes für Sozialversicherungen. Dieses hatte die Mehrkosten für KMU in verschiedenen Tieflohnbereichen analysiert – im Nationalratsmodell waren sie zwischen 23 und 95 Prozent höher als in der Altersvorsorge 2020. Verantwortlich für die Mehrkosten ist die Abschaffung des Koordinationsabzugs, welche den versicherten Lohn und damit die Beiträge für die berufliche Vorsorge stark erhöht.

Auch der Gewerbeverband weiss um diese Probleme: «Eine Abschaffung des Koordinationsabzugs belastet die tiefen Löhne übermässig», sagt Bigler (siehe auch Interview). Er strebt deshalb eine Kompensation durch höhere Altersgutschriften an. Graber wendet ein: «Auch diese Rechnung muss jemand begleichen.» Bei tieferen und mittleren Einkommen sei der Kosteneffekt viel grösser: «Der Gewerbeverband verrät seine Klientel.»

Glossar

Obligatorium

Die berufliche Vorsorge (BVG) ergänzt die AHV für die Altersvorsorge. Ab 25 Jahren und einem Lohn à 21 150 Franken pro Jahr ist sie für alle Arbeitnehmer obligatorisch. Zum «Obligatorium» zählen Einkommen bis 84 600 Franken pro Jahr. Für sie gelten bestimmte Regeln. Die BVG-Anpassungen der Altersreform 2020 betreffen nur diese Löhne.

Eintrittsschwelle

Alle Arbeitnehmer können sich eine berufliche Vorsorge aufbauen, sofern sie mindestens 21 150 Franken verdienen. Dieser Betrag stellt die Eintrittsschwelle in das Obligatorium dar. Wer einen Lohn unter dieser Schwelle hat, kann nur im Ausnahmefall eine BVG-Rente ansparen – abhängig von Pensionskasse, Arbeitgeber oder Gesamtarbeitsverträgen.

Koordinationsabzug

Über diesen Abzug wird der Anteil des Lohnes ermittelt, der obligatorisch versichert ist. Der Abzug beträgt heute 24 675 Franken pro Jahr. Bei einem Einkommen von 50 000 Franken sind also 25 325 Franken in der zweiten Säule versichert. Das bedeutet: Je tiefer der Lohn, desto schlechter ist er versichert, desto kleiner ist die Pensionskassenrente.

Altersgutschriften

Über Altersgutschriften spart sich jeder Arbeitnehmer sein Altersguthaben in der Pensionskasse an. Je nach Alter unterscheiden sich diese: 25- bis 34-Jährige geben 7% ihres Lohnes ab, 35- bis 44-Jährige 10%, 45- bis 54-Jährige 15%, 55- bis 64-Jährige 18%. Die Altersgutschriften sind mindestens zur Hälfte vom Arbeitgeber finanziert.

Umwandlungssatz

Bei der Pensionierung kann sich der Versicherte das Alterskapital in Form einer Rente ausbezahlen lassen. Der Umwandlungssatz bestimmt die Rentenhöhe. 6,8 Prozent sind es im Obligatorium. Bei einem Altersguthaben von 100 000 Franken sind das 6800 Franken pro Jahr. Im Überobligatorium kann die Pensionskasse den Umwandlungssatz festlegen.