Geld ohne Besitzer
Vermögen von Verdingkindern gehen ab 2015 an den Staat

Banken dürfen nachrichtenlose Konti neu nach 60 Jahren ohne Kundenkontakt auflösen. Das Geld fliesst in die Kassen des Bundes. Ein gewisser Teil der nachrichtenlosen Vermögen dürfte von ehemaligen Verdingkindern stammen. Politiker sind besorgt.

Lorenz Honegger
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Ein dunkles Kapitel Geschichte: Bis in die Achtziger platzierten die Behörden Kinder aus schwierigen Familienverhältnissen zwangsweise fremd .

Ein dunkles Kapitel Geschichte: Bis in die Achtziger platzierten die Behörden Kinder aus schwierigen Familienverhältnissen zwangsweise fremd .

HO/Paul Senn

Auf Schweizer Bankkonti liegen nach Schätzungen des Bundes 400 Millionen Franken, die niemandem wirklich gehören. Die rechtmässigen Besitzer sind oft seit Jahrzehnten unauffindbar. Die Banken haben meist keine andere Wahl, als das Geld weiterzuverwalten. Am 1. Januar ändert sich das. Ab dann dürfen die Institute die nachrichtlosen Konti auflösen, wenn während 60 Jahren kein Kundenkontakt mehr hergestellt werden konnte.

Vor der Liquidation müssen sie im Handelsblatt und «anderen Kommunikationsmitteln» einen Aufruf starten und den Besitzern so eine letzte Chance geben, ihre Ansprüche geltend zu machen. Meldet sich nach zwei Jahren niemand, fliesst das Geld in die Kassen des Bundes. Das Parlament hiess die neuen Regeln 2013 mit deutlichen Mehrheiten gut.

Doch nun macht sich Unbehagen breit. Denn die nachrichtenlosen Vermögen dürften zu einem gewissen Teil von ehemaligen Verdingkindern stammen. Das sind Menschen, die als Kinder und Jugendliche von Amtes wegen und gegen ihren Willen in Heimen oder auf Bauernhöfen in Pflegefamilien fremdplatziert wurden. Manchmal, weil sie uneheliche Eltern hatten, manchmal, weil sie aus armen Familien stammten. Viele wurden misshandelt.

Kontostand 1953: 3525 Franken

Die wenigsten Verdingkinder bekamen das Geld je zu Gesicht, das sie als Knechte und Haushaltshilfen verdienten oder ihre leiblichen Eltern in Form von Alim

enten auf ihr Konto einbezahlten. Die Vormünder behielten das Geld verbotenerweise oft für sich. Oder die Sparhefte gerieten in Vergessenheit und schlummern seither als nachrichtenlose Vermögen bei den Banken.

Der «SonntagsBlick» sprach mit zwei ehemaligen Verdingkindern, die in ihren Akten Hinweise auf verschollenes Geld gefunden haben. Im ersten Fall handelt es sich um ein Konto der Thurgauer Kantonalbank, auf dem im Jahr 1953 3525 Franken lagen. Ein Sprecher sagte der Zeitung, man hätte der 73-jährigen Besitzerin gern bessere Nachrichten gegeben, doch das Konto existiere nicht mehr. Im zweiten Fall geht es um 1481 Franken, die bis 1966 bei der Volksbank (heute Teil der Grossbank Credit Suisse) lagen. Die CS hat dem 69-jährigen Besitzer ihre Unterstützung angeboten.

«Ungerechtigkeit sondergleichen»

Politiker zeigten sich gestern besorgt über die Aussicht, dass ehemalige Verdingkinder den Anspruch auf ihr Geld verlieren könnten. «Das wäre eine Ungerechtigkeit sondergleichen», sagt der Berner SP-Nationalrat Matthias Aebischer. Er will deshalb noch in der laufenden Session vom Bundesrat Auskunft verlangen, wie er ein solches Szenario unterbinden will.

Aebischer sitzt im Komitee der Wiedergutmachungsinitiative, welche die Schaffung eines Entschädigungsfonds in der Höhe von 500 Millionen Franken für die noch lebenden Opfer verlangt. Komiteemitglied und Zuger FDP-Ständerat Joachim Eder kündigt an, er werde sich zur Auslotung von Handlungsoptionen mit den Opfervertretern in Verbindung setzen. Von einer Verlängerung der Verjährungsfrist hält er zwar wenig. Er plädiert aber für unbürokratische Zahlungen in Fällen, bei denen die Eigentümerschaft nachträglich nachgewiesen werden kann.

Gar keinen Handlungsbedarf sieht sein Parteikollege und Appenzeller Nationalrat Andrea Caroni: Er sagt auf Anfrage, die meisten Konti seien von den Vormündern geplündert worden und fielen somit nicht in die Kategorie nachrichtenlose Vermögen. Für Vermögen, die beim Inkrafttreten der neuen Regeln bereits länger als 60 Jahre nachrichtenlos seien, sei eine grosszügige Übergangsfrist von fünf Jahren vorgesehen, in der sich Betroffene melden können. «Das reicht», so Caroni.