Medienmisere

Verlegerpräsident Supino: «Ein Drittel der Schweizer Zeitungen ist akut gefährdet»

Pietro Supino, Präsident des Verlegerverbands.

Pietro Supino, Präsident des Verlegerverbands.

Verlegerpräsident Pietro Supino fordert rasche Unterstützung durch den Staat für die Schweizer Medien.

Die Tagespresse verliert seit Jahren an Lesern und Werbekunden. Der Trend ist ungebrochen. Bis zur Jahrtausendwende sei das Geschäft „wie geschmiert“ gelaufen, sagte Pietro Supino, Verleger des „Tages-Anzeiger“ und Präsident des Verlegerverbandes, an der Neujahrstagung der Branchenvereinigung. Doch seither sei die Entwicklung „dramatisch“. Wenn es in den nächsten drei Jahren nicht gelinge, die Subventionen für den Zeitungsvertrieb substanziell zu erhöhen, dann „wird ein Drittel der Schweizer Zeitungstitel nicht überleben“, meint Supino alarmistisch. Die Aufstockung der staatlichen Gelder sei vor allem vor dem Hintergrund dringend, da die Presse weiterhin „das Rückgrat der politischen Meinungsbildung bildet“.

Jährlich rund eine Milliarde Franken Umsatz habe die Medienbranche seit 2012 in der Schweiz an branchenfremde Konzerne wie Facebook und Google verloren, erklärt Marc Walder, Chef des Ringier-Konzerns. Er urteilt selbstkritisch: „Wir haben die Entwicklung verschlafen; es war ein katastrophales Missmanagement der Medienindustrie.“

Doch nun soll alles anders werden. Statt sich gegenseitig zu beharken wie in den vergangenen Jahren, hat sich die Branche zu einem gemeinsamen Vorgehen gefunden, um Terrain zurückzugewinnen. Nachdem die grossen Medienkonzerne zusammen mit der SRG im vergangenen Jahr bereits eine Digital-Allianz ins Leben gerufen haben, schliesst sich nun auch wieder eine Lücke im Verlegerverband, wie diese Zeitung prognostiziert hat: Der Ringier-Konzern, der vor fünf Jahren unter Protest ausgetreten war, weil er sich von den Konkurrenten ausgegrenzt sah, tritt der Branchenvereinigung wieder bei. Es müssten rasch zielführende Lösungen gefunden werden und dies gehe nur gemeinsam, begründet Walder die Kehrtwende.

Walder bezeichnet die Digital-Allianz als „einzigartig in Europa“ und sieht sich selbst als deren Vater. Wer heute online ein Newsportal von einem der rund dreissig beteiligten Medientitel ansteuert, wird aufgefordert, sich zu registrieren. Derzeit lässt sich das entsprechende Fenster noch wegklicken, doch ab kommendem Oktober können nur noch registrierte Nutzer auf die Inhalte zugreifen. Walder spricht von einer Bewährungsprobe, verweist jedoch darauf, dass sich auch bei Plattformen wie Facebook oder Twitter einloggen muss, wer deren Dienste nutzen will.

Einen Grund für die Medienmisere ortet Walder darin, dass die Medienunternehmen die Hoheit über ihre Inhalte und damit dessen Monetarisierung verloren haben. Von „existenzieller Bedeutung“ sei es deshalb, mehr über die Nutzer zu wissen. Die Registrierungspflicht dient nicht nur dazu, sie mittelfristig wieder als Abonnenten gewinnen zu können. Vielmehr ist die Registrierung auch eine Voraussetzung, um Daten über die Nutzungsgewohnheiten zu generieren. Supino sagt, die Daten würden helfen, die künftigen Angebote besser auf die Nutzer auszurichten. Sie dienen allerdings auch dazu, um zielgruppenspezifische Werbung verkaufen zu können, was bei Google längst eingeführt ist. Wer sich etwa mit mehreren Anfragen nach einer Feriendestination erkundigt, dem werden automatisch Werbeangebote aus der entsprechenden Region zugespielt. Manfred Kluge, Geschäftsführer der Mediaagentur Omnicom, zweifelt allerdings daran, ob die Verlage mit den Daten ihrer Mediennutzer bereits in der Lage sein werden, zu Unternehmen wie Facebook aufzuschliessen. Schliesslich erfassten diese Konzerne Daten aus weit mehr Lebensbereichen als nur aus der Nutzung von Informationsangeboten.

Für Supino soll die journalistische Leistung der „entscheidende Mehrwert“ sein, den Medienunternehmen bieten können. Journalismus werde seine Autorität nicht verlieren, meint der Verleger des grössten schweizerischen Zeitungsverbundes. Er müsse sich jedoch verändern: „Relevanz lässt sich nicht mehr einseitig verordnen.“ Er dürfe nicht mehr als „Bevormundung“ sondern müsse stärker als „Dienstleistung“ wahrgenommen werden. Doch selbst wenn die „digitale Transformation“ gelinge, müsse man realistisch sein: Die Wertschöpfung mit Online-Inhalten sei bis zu zwei Drittel geringer als durch eine gedruckte Zeitung. Der Spardruck auf die Redaktionen werde dadurch anhalten; die „deutlich geringeren Ressourcen müssen noch effizienter eingesetzt werden“, sagt Supino. Mit der Aussicht auf staatliche Gelder und berauscht vom neuen Schulterschluss der Branche, ist Supino jedoch schon fast euphorisch: „Wir rocken das!“

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Autor

Christian Mensch

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