Bündner Zeitungshandel

Verleger Lebrument und Christoph Blocher stehen vor der grossen Versöhnung

Handschlag vor zehn Jahren: Hanspeter Lebrument gratuliert Christoph Blocher zur Ernennung zum «Bündner des Jahres».

Handschlag vor zehn Jahren: Hanspeter Lebrument gratuliert Christoph Blocher zur Ernennung zum «Bündner des Jahres».

War das Verhältnis zwischen Lebrument und Blocher zeitweise frostig, so ist das Tauwetter seit zwei Jahren nicht zu übersehen.

Christoph Blocher (77) und Hanspeter Lebrument (76) sind die mächtigsten Bündner. Wie Wölfe, die über Seitentäler in die Bündner Herrschaft einfallen, sind auch sie aus der Fremde gekommen. Der Pfarrerssohn Blocher wanderte aus dem Zürichbiet ein, der Gewerblersohn Lebrument aus dem St.-Gallischen. Als Rechtskonsulent liess sich Blocher bei der Ems-Chemie der Familie Oswald nieder, machte sich unentbehrlich und übernahm schliesslich den Industriekonzern. Als einfacher Redaktor stieg Lebrument bei der «Bündner Zeitung» der Brüder Gasser ein, übernahm das Zepter und schwang sich selbst zum Verleger auf.

Blocher wie Lebrument sind über den Kanton hinaus gross und reich geworden. Der eine stets etwas erfolgreicher als der andere. Scheffelte Lebrument Millionen, wurden es bei Blocher Milliarden. Lebrument scheiterte als Ständeratskandidat, Blocher wurde Bundesrat. Lebrument war seinem Kontrahenten allerdings überlegen, als jener sich erstmals als Verleger versuchte: 1996 kapitulierte Blocher vor den wiederkehrenden Millionendefiziten des «Bündner Tagblatts». Er behielt zwar die Verlagsrechte und hält sie noch heute, die Herausgabe der Zeitung obliegt seither jedoch Lebrument.

Bündner Revierkämpfe

Das Bündner Zwei-Zeitungen-Modell mit einem bürgerlichen «Bündner Tagblatt» und einer liberaleren «Bündner Zeitung» aus einem Haus ist hochgelobt. Blocher hatte sein Engagement stets mit seiner Sorge um die Medienvielfalt begründet. Im handfesten Revierkampf spielt die hehre Publizistik jedoch eine untergeordnete Rolle. Dies meint auch Lebrument, wie er seinem Biografen diktierte: Ein Kommentar von ihm sei Grund gewesen, dass Blocher 1985 das «Bündner Tagblatt» vor dem Ruin rettete, nur um damit der «Bündner Zeitung» Paroli zu bieten. Blocher habe nämlich nie verwunden, dass er nach einem angeblichen Spionagefall bei der Ems-Chemie geschrieben habe, «Herr Blocher, wann haben Sie den Mut, den Hut zu nehmen?» Umso grösser war Lebruments Triumph, als ihm Blocher zehn Jahre später die Zeitung überantwortete und erst noch sechs Millionen Franken bares Geld einschoss, wie er gerne erzählt.

Als sich Lebrument gegen Blocher durchsetzte, war er noch Angestellter und nicht Eigner des Churer Verlags. Doch als Vertrauensmann von Rudolf Gasser hatte er sich in die richtige Ausgangsposition manövriert. Vorausgegangen war ein Patt zwischen Werner und Rudolf Gasser, die je die Hälfte der Aktien hielten.

1987 brachten die Brüder Gasser die Aktienmehrheit in eine Stiftung ein, was vordergründig dazu diente, den Verlag vor einer Übernahme zu schützen. Die Statuten sahen vor, dass neben den Stiftern und einer neutralen Drittperson auch der Verlagsdirektor einen Sitz im Stiftungsrat hat. Werner Gasser erkannte zu spät, dass er mit dieser Klausel dem mit Rudolf kooperierenden Lebrument zur Macht im Haus verhalf.

Zum Showdown kam es jedoch erst 1999, nach dem Tod Rudolf Gassers. Am Tag der Beerdigung besetzte Lebrument die vakant gewordenen Sitze in den Aufsichtsgremien selbst oder durch Kadermitarbeiter. Werner Gasser klagte. Die Rechtshändel zermürbten ihn aber derart, dass er schon im darauffolgenden Jahr für lediglich sechs Millionen Franken seine stark verwässerten Anteile abtrat.

Irritierendes Verwirrspiel

Lebrument kaufte sich nicht als Privatperson im Verlag ein, sondern über die neu gegründete Südostschweiz Kader AG. In schwer rekonstruierbaren Schritten mit Fusionen und Namenswechseln gingen Kapital und Macht des multimedial wachsenden Unternehmens zunehmend an diese Firma über – und innerhalb der Firma an Lebrument. Nach aussen wurde weiter die Gefahr beschworen, Grosskonzerne wie Tamedia oder NZZ wollten sich das Bündner Medienhaus unter den Nagel reissen. Die Gasser-Stiftung sollte dagegen das Bollwerk sein; explizit wurde in die Statuten geschrieben, sie habe die Mehrheit an der Zeitung zu halten.

Schrittweise Zweckänderung

Ab 2011 konsolidierte Lebrument seine Macht. Zu diesem Zweck gründete er eine in der Öffentlichkeit unbekannte Firma SOGV. Diese hat vor allem den Zweck, «die Verlagsrechte an der ‹Südostschweiz›, Ausgabe Graubünden, zu halten». 2012 wurden die Statuten der Gasser-Stiftung angepasst, die mittlerweile Südostschweiz-Stiftung hiess. Diese sahen nun vor, es sei eine «Stimmenmehrheit» an der SOGV zu halten. Die eigentliche Absicht der Stiftungsgründung, die zur «Südostschweiz» umbenannte «Bündner Zeitung» auf alle Zeiten für unverkäuflich zu erklären, wurde schrittweise ausgehöhlt.

2016 wurde der Stiftungszweck weiter gelockert. Demnach soll die Stiftung nicht mehr die «Stimmenmehrheit» an der SOGV haben, sondern für die «Weiterführung und Unabhängigkeit der Zeitung «Südostschweiz», Ausgabe Graubünden», habe sie nur noch «eine Beteiligung an der SOGV» zu halten. Die Änderung sei auf Drängen der Hausbank erfolgt, die sonst eine Rückstufung der Kreditwürdigkeit des Unternehmens angedroht habe. Dies geht aus Dokumenten hervor, die beim kantonalen Handelsregisteramt hinterlegt sind. Die Stiftungsaufsicht spielte mit.

Drängender Generationswechsel

Die Familie Lebrument herrscht heute über die Somedia, die dominierende Meinungsfabrik des Kantons, wie die Familie Blocher über die Ems-Chemie, die grösste Arbeit- und Steuergeberin des Kantons. Die Patrons sind aber in die Jahre gekommen, der Generationenwechsel drängt sich auf und ist im Gang. Alle drei Kinder Lebruments sind im Mediengeschäft, doch keines drängt sich auf, in die grossen Fussstapfen des Vaters zu treten. Drei von vier Kindern Blochers sind als selbstständige Unternehmer tätig, die älteste Tochter, Magdalena Martullo-Blocher, als Chefin der Ems-Chemie. Die grosse Versöhnung lässt sich aber nicht an die Nachkommen delegieren, die Leitwölfe müssen sie noch selbst organisieren.

War das Verhältnis zwischen Lebrument und Blocher zeitweise frostig, so ist das Tauwetter seit zwei Jahren nicht zu übersehen. Als Lebrument 2015 sein neues Medienhaus einweihte, gratulierte ihm sein langjähriger Konkurrent plakativ mit einer Anzeige, unterschrieben mit: Christoph Blocher, Medienunternehmer. Politische Differenzen sind in den Hintergrund getreten. Die kritischen Töne in der «Südostschweiz» gegenüber den politischen Ambitionen der Ems-Chefin auf nationalem Parkett sind verstummt. Im vergangenen Jahr besuchte Blocher in Lebruments Begleitung schliesslich das Medienhaus, worüber das «Tagblatt» mit Bild berichtete. Das Signal nach innen war gesetzt.

Bei der ersten Bündner Einigung 1996 war Blocher noch Neo-Verleger ohne Erfahrung im Mediengeschäft. Das hat geändert. Nach anfänglichem Versteckspiel tritt er nun offen als Verleger der «Basler Zeitung» und mit noch grösseren Ambitionen auf.

Am Vorgehen hat sich jedoch wenig verändert. Bereits die Annäherung von «Tagblatt» und «Bündner Zeitung» erfolgte vorsichtig. Die Verhandlungen dauerten über ein Jahr und die Zusammenarbeit startete mit vertrauensbildenden technischen Kooperationen. Solche laufen seit Frühjahr auch zwischen «Basler Zeitung» und «Südostschweiz». Seitenproduktion und Layout der Stadtzeitung werden in Chur gefertigt. Nun werden Gespräche über eine gemeinsame, von der «Basler Zeitung» geführte Mantelredaktion bestätigt.

Der Weg ist eingeschlagen, das Ziel vorgegeben: die Bündner Versöhnung zweier eingewanderter Wölfe.

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