Kaum ein Tag verstreicht ohne Schreckensmeldungen von den Fussgängerstreifen. Einige az-Leserinnen und -Leser sprechen - in Anlehnung an die DDR - schon von «Todesstreifen». Erst am Samstag starb wieder ein Mann in Täuffelen (BE). Er hatte den Fussgängerstreifen bereits überquert, als er von einem Auto erfasst und zehn Meter durch die Luft geschleudert wurde. Er war auf der Stelle tot. Seine Frau und seine beiden Kinder im Alter von 5 und anderthalb Jahren standen auf der anderen Strassenseite. Mittlerweile sind in diesem Herbst mehr als zehn Menschen auf Schweizer Fussgängerstreifen gestorben, alleine sechs davon in der ersten Dezemberwoche.

Alle sind Experten

Nun zerbrechen sich Herr und Frau Schweizer den Kopf darüber, wie dem Problem zu begegnen sei. Jeder Fussgänger will mitreden. Dies macht die Diskussion keinesfalls einfacher und schon gar nicht überschaubarer. Doch sind Tendenzen leichter zu erkennen.

Die aufgeheizte Diskussion relativiert der Experte Marco Hüttenmoser, Gründer der Forschungs- und Dokumentationsstelle «Kind und Umwelt», erst einmal. «Logisch passieren auf dem Fussgängerstreifen die meisten Unfälle, denn da halten sich auch die meisten Fussgänger auf». Doch sei deswegen der Fussgängerstreifen noch lange nicht per se gefährlich.

War das alte Gesetz besser?

Vielfach - auch in Kommentaren der az-Leser - wird gefordert, wieder das alte Gesetz einzuführen. Also wieder zurück zu den Handzeichen und dem Blickkontakt. Auch würde dem Fussgänger das zwingende Vortrittsrecht wieder entzogen, da viele - so die landläufige Meinung - vom momentan geltenden Gesetz dazu verleitet würden, einfach auf die Strasse hinauszulaufen, ohne sich zu vergewissern, ob da etwas komme.

Der fünfjährige Marcel zeichnet ein Auto, das auf den Fussgängerstreifen zufährt. Die Fenster des Autos hat er rot umrandet, aber dann mit blauer Farbe übermalt. Viele Kinder heben  die Autoscheiben in ihren Zeichnungen mit schwarzer Farbe hervor oder übermalen sie wieder. Natürlich wissen sie genau, dass hinter der Scheibe ein Mensch sitzt, der das Auto steuert, aber sie können mit ihnen nicht kommunizieren. «Dies ist ein wichtiger Grund, weshalb die Forderung, das Handzeichen wieder einzuführen und sich gegenseitig zu verständigen, nicht akzeptiert werden kann», so Hüttenmoser.

Die Kinder zeichnen die Autoscheiben häufig uneinsehbar

Der fünfjährige Marcel zeichnet ein Auto, das auf den Fussgängerstreifen zufährt. Die Fenster des Autos hat er rot umrandet, aber dann mit blauer Farbe übermalt. Viele Kinder heben die Autoscheiben in ihren Zeichnungen mit schwarzer Farbe hervor oder übermalen sie wieder. Natürlich wissen sie genau, dass hinter der Scheibe ein Mensch sitzt, der das Auto steuert, aber sie können mit ihnen nicht kommunizieren. «Dies ist ein wichtiger Grund, weshalb die Forderung, das Handzeichen wieder einzuführen und sich gegenseitig zu verständigen, nicht akzeptiert werden kann», so Hüttenmoser.

«Das ist sicherlich keine Lösung, denn man muss sich an den schwächsten Verkehrsteilnehmern orientieren», sagt der Experte. «Und dies sind zweifellos die Kinder». Diese könnten beispielsweise nicht mit den Autolenkern Sichtkontakt aufnehmen: «Natürlich wissen sie, dass hinter der Scheibe ein Mensch sitzt, doch können sie diesen nicht sehen». Hüttenmoser stellte auch fest, dass Kinder in Zeichnungen die Scheiben der Autos fast ausschliesslich schwarz ausmalen - weil diese aus ihrer Perspektive eben so aussehen. Auf diese Weise sei eine gegenseitige Verständigung zwischen Kindern und Fahrzeuglenkern unmöglich.

Rennen die Kinder wirklich auf die Strasse?

Ein weiteres Argument sei, dass die Zeichen vielfach falsch verstanden würden, sowohl auf Seiten der Kinder als auch auf der Seite der Autolenker. Auch hätten vor allem ältere Menschen Mühe, mit den heranbrausenden Autolenkern zu kommunizieren und die Situation richtig einzuschätzen.

Auch die Meinung, dass Kinder oft auf die Strasse rennen würden, will Hüttenmoser so nicht gelten lassen. Er stelle in seinen Untersuchungen immer wieder fest, dass die Kinder sehr wohl geduldig am Strassenrand warten würden, bis ein Auto anhalte. Das Problem sei jedoch die zweite Strassenhälfte, denn gemäss Statistik passieren dort die meisten Unfälle. Einerseits wollen - nicht nur die Kinder - die Autos nicht länger aufhalten, andererseits fühlen sie sich sicher oder wollen auf der Mitte der Strasse nicht stehen bleiben. Auch lassen sie sich häufig einschüchtern von den laufenden Motoren. All dies führe dazu, dass sie auf dem Streifen zu rennen beginnen.

Problematisch sind die Lichtverhältnisse

Problematisch wird es dann, wenn auf der zweiten Hälfte ein Auto erst herannaht, so Hüttenmoser. Vor allem in Stausituationen, wo die Kinder zwischen den Autos hervorschiessen auf die zweite, freie Strassenhälfte, werde dies dann so interpretiert, dass die Kinder auf die Strasse hinausgerannt sind. «Doch ist dies dann eine Fehlinterpretation», so der Experte. Das Problem seien viel mehr die schlechten Sichtverhältnisse.

Dies sehen auch andere Kantone so: Unlängst beschloss das Wallis, alle Fussgängerstreifen auf Hauptstrassen mit zusätzlichen, speziellen Zebralux-Leuchten auszustatten. Erst diese Woche zog nun auch der Kanton Zürich nach.

Ursachensuche

Der Bund startete mittlerweile eine 6 Millionen Franken teure Sensibilisierungskampagne. Auch der Verkehrsclub der Schweiz (VCS) präsentierte kürzlich eine Kampagne, um Autofahrer und Fussgänger auf die Gefahren zu sensibilisieren. Beim Test des Touring Club Schweiz (TCS) fiel rund die Hälfte der rund 100 Fussgängerstreifen durch. Die Medien berichten jeden Tag von neuen Unfällen. Doch neu ist diese Thematik keinesfalls. Das Argument der Dunkelheit, die mit dem Regen einhergehenden schlechten Sichtverhältnisse will Hüttenmoser als Argument nicht gelten lassen, schliesslich gebe es ja jedes Jahr einen Herbst. Auch das Eindunkeln sei ja keine neuzeitliche Erfindung. Doch: Was für Gründe gibt es dann?

«Wahrscheinlich sind es die vielen Möglichkeiten, die eine Ablenkung darstellen, seien es nun die Handys, die Navigationssysteme, Zigaretten, Essen, alles Mögliche. Oft liegt jeder Fall wieder anders. Doch leider muss ich sagen, so wirklich genau eruieren kann ich das nicht.»

Keine Gesetzesänderung, sondern bauliche Massnahmen

Als mögliche Lösung schlägt der Experte weniger eine Änderung des Gesetzes, sondern bauliche Massnahmen vor (wie die az berichtete). So beispielsweise Strassenverengungen oder Trottoirnasen, doch seien diese teuer, weshalb sich die Gemeinden im Zweifelsfall entscheiden, den Fussgängerstreifen ganz zu entfernen.

Auch erbringen Verkehrsinseln nicht immer die gewünschte Wirkung. Beispielsweise dann, wenn sie im Monatsrhythmus von Autos umgefahren werden, weil die Spur wegen der Insel einen gefährlichen Bogen macht. Dies hat dann zur Folge, dass die Leute statt bei der Insel möglichst weit weg davon die Strasse überqueren.

Der Fussgängerstreifen, das soziale Bauwerk

Bisher viel zu wenig diskutiert worden sei die soziale Komponente eines Fussgängerstreifens, mahnt der Experte. So habe die Entfernung eines solchen enorme soziale Konsequenzen für die Kinder; es führe dazu, dass die Kinder vermehrt zu Hause bleiben würden, weil sie sich nicht mehr so frei bewegen könnten in ihrer Gemeinde.

In diesem Sinne sei auch die vielgefeierte Statistik der Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) ein Trugschluss. Jahr für Jahr verkündet damit das BfU weniger Unfälle, und «mit jedem verhinderten Unfall steht man besser da und kann sich auf den Erfolg der ergriffenen Sicherheitsmassnahmen berufen», so Hüttenmoser. Doch Fakt sei, dass immer weniger Kinder sich im Verkehr bewegten. «Was sich nicht auf der Strasse bewegt, kann ja nicht überfahren werden. Gerade in der Altersgruppe zwischen 5 und 9 Jahren passieren immer weniger Unfälle, weil sich diese Altersgruppe immer weniger auf oder neben der Strasse aufhält.»

«Die Kinder erstarren»

Doch anstelle dem Tod bei einem Verkehrsunfall zu erliegen, ereile die Kinder einen «anderen, umfassenderen und schleichenden Tod. Es ist dies die Erstarrung, die Verbannung vor den Fernseher sowie zunehmendes Körpergewicht und die Isolation von Freunden», mahnt der Experte. Schulwege seien Wege ins Leben und eine wichtige Bewährung auf dem Weg in die Selbstständigkeit. «Auf den ersten Blick kostet die Vertreibung der Kinder aus dem Strassenraum nichts - im Gegensatz zu baulichen Massnahmen. Doch ist der Preis ungleich höher: nämlich, dass die Kinder in absehbarer Zeit erstarren.»