Christian Nünlist

Breschnew gab zwar zu, dass er «keine Ahnung von Aussenpolitik» habe. Dass er in einem Politbüro voller Hardliner der wichtigste Verfechter der sowjetischen Détentepolitik wurde, war daher eine grosse Überraschung. Trotz seiner intellektuellen Mediokrität erkannte Breschnew, dass ihm die Aussenpolitik eine perfekte Bühne für persönliche Diplomatie bot.

Am 29. Mai 1972 unterzeichneten Nixon und Breschnew im Kreml die ersten wichtigen Abrüstungsverträge Salt I und ABM. Breschnew hatte erreicht, was Moskau seit 1945 angestrebt hatte: Amerikas Anerkennung, dass die UdSSR eine atomare Supermacht war.

1968 hatte der «zögerliche Interventionist» (Wladislaw Zubok) bewiesen, dass er nicht davor zurückscheute, militärisch zuzuschlagen. Das machte ihn später als Entspannungspolitiker weniger angreifbar: 1972 argumentierte Breschnew denn auch an einer Politbüro-Sitzung: «Ohne die Invasion in Prag hätte es keinen Brandt in Deutschland, keinen Nixon in Moskau und keine Détente gegeben.»

Mit der KSZE-Schlussakte von 1975 gelang es Breschnew auch, die Nachkriegsgrenzen in Europa und die Teilung Europas zu zementieren. Als er 1976 einen Schlaganfall erlitt, der ihn bis zu seinem Tod 1982 politisch handlungsunfähig machte, war das internationale Prestige der Sowjetunion so hoch wie nie zuvor. Aber die KSZE-Schlussakte sollte sich schon bald als Pyrrhus-Sieg erweisen - als Sargnagel des Kommunismus.

Wir erinnern mit einer 15-teiligen Artikelserie an das "andere 9/11" - an den 9.11.1989 und stellen 15 Wegbereiter des Wende- und Wunderjahrs 1989 vor - politische Akteure, die unserer Meinung nach einen zentralen Beitrag geleistet haben, dass der Kalte Krieg nach 45 Jahren zu Ende ging - und zwar auf die Art und Weise zu Ende ging, wie er zu Ende ging, nämlich weitgehend friedlich und ohne Blutvergiessen.