Interview
Verhafteter Ex-Präsident der An'Nur-Moschee: «Ein Imam würde nicht zum Töten aufrufen»

Atef Sahnoun, der frühere Präsident der Winterthurer An'Nur-Moschee, wurde am Mittwoch verhaftet und am gleichen Tag wieder freigelassen. Sein Imam soll zum Töten anderer Muslime aufgerufen haben. Im Exklusiv-Interview mit watson verteidigt er den Prediger, räumt Fehler ein und fordert zur Bekämpfung von Radikalen die Anerkennung des Islam als Landesreligion.

Rafaela Roth
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Atef Shanoun: Der Ex-Präsident der An'Nur-Moschee.

Atef Shanoun: Der Ex-Präsident der An'Nur-Moschee.

zvg

Herr Sahnoun, am Mittwoch wurden Sie verhaftet, wie verlief die Hausdurchsuchung bei Ihnen?

Morgens um halb sechs Uhr klingelte es an der Türe Sturm, ich öffnete und etwa zehn Polizisten standen davor. Sie kamen rein, mir wurde erklärt, dass ich angeschuldigt sei und das Haus durchsucht werden müsse. Dann haben sie begonnen, alles auf den Kopf zu stellen. Am Schluss nahmen Sie mich mit.

Wurden Dinge aus Ihrem Besitz beschlagnahmt?

Ja, ein Ordner mit Abrechnungen der Moschee aus dem Jahr 2013.

Am Nachmittag waren Sie bereits wieder auf freiem Fuss. Wieso kamen sie so rasch wieder frei?

Ich konnte beweisen, dass ich nicht mehr Präsident des Kulturvereins An'Nur bin. Die Polizei hatte sich an der Website orientiert, die nicht aktuell war. Mein Anwalt faxte das Protokoll der Generalversammlung durch, wo festgehalten ist, dass ich per Ende Februar 2016 als Präsident zurückgetreten war. Seit dann bin ich einfaches Mitglied gewesen und gehe vor allem freitags in die Moschee. Um fünf Uhr nachmittags durfte ich wieder gehen.

Gegen Sie und drei weitere Beschuldigte ist ein Verfahren wegen öffentlicher Aufforderung zu Verbrechen oder Gewalttätigkeit eröffnet worden.

Ob das Verfahren gegen mich noch läuft, weiss ich nicht. Für die anderen kann ich keine Stellung beziehen.

Ihr Imam Shaik Abudrrahman, Ihr Vereinspräsident und eine weitere Person befinden sich immer noch in Polizeigewahrsam. Dem Imam wird vorgeworfen, in einer Predigt vom 21. Oktober zur Tötung von Muslimen aufgerufen zu haben, die ausserhalb und nicht in der Gemeinschaft beten. Das ist starker Tobak. Haben Sie an diesem Freitagsgebet teilgenommen?

Nein, da waren Schulherbstferien. Ich war im Urlaub. Auch das konnte ich belegen.

Glauben Sie, Shaik Abudrrahman hat zum Mord aufgerufen?

Ich glaube, dass es sich um einen Interpretationsfehler handelt. Ein Imam würde das nicht so ausdrücken, er würde nicht zum Töten aufrufen. In den Hadith-Schriften gibt es einzelne Hadithe, die so klingen. Die könnten missinterpretiert werden. Die Polizei brauchte bloss einen Anlass, um eine Razzia durchzuführen, weil sie unter starkem öffentlichen und medialen Druck stand.

For the record: Er soll gemäss «Weltwoche» gesagt haben: «Jene aber, die nicht in die Gemeinschaft zurückkehren und nicht dort beten, sollten getötet werden». Sie waren nicht anwesend, behaupten aber trotzdem, Shaik Abudrrahman habe das nicht so gesagt? Woher wollen Sie das denn wissen?

Ich glaube, es handelt sich um einen Interpretationsfehler. Auch in der Bibel gibt es Stellen, die gewalttätig sind.

Diese Stellen werden aber nicht in der Kirche gepredigt, schon gar nicht ohne kontextuellen Rahmen.

Schauen Sie, jemand, der so extrem ist, wie von Abdurrhaman jetzt behauptet wird, wird nicht Prediger. Wir kennen unseren Islam und es gibt genügend Leute in der Moschee, die den Koran gut kennen. Wenn er so was gesagt hätte, wären auch sie eingeschritten. Aber es ist richtig. Man wusste, dass man im Fokus steht, man hätte so ein Thema nicht wählen sollen.

Soll das heissen, bei einem anderen Thema wäre mehr Radikalität problemloser?

Nein, natürlich nicht. Aber der Vorstand hätte mit dem Imam klarer absprechen sollen, worüber gepredigt wird. Das Thema Beten war nicht das richtige in dieser Situation. Daran zeigt sich, dass der Vorstand zu schwach ist. Ich kenne das aus meiner Zeit als Präsident, ich war auch ein paar Mal alleine, wir waren immer unterbesetzt. Ich habe dann Leute beauftragt, die kontrollierten, was gesagt wird, wenn ich nicht da bin.

Also muss der Vorstand dem Imam ganz klar sagen, was er sagen darf und was nicht, und sonst predigt er radikal? Das kann doch nicht ihr Ernst sein.

Natürlich nicht. Aber das Thema hätte man geschickter wählen können. Das wählt der Imam, das geht auf Vertrauensbasis. Es zeigt sich wieder einmal: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Aber man müsste jedes Mal eine Kopie verlangen, die man durchlesen kann. Dann hätte man das Thema steuern können.

Und warum tut man das denn nicht?

Weil die Zeit fehlt. Das läuft alles auf ehrenamtlicher Basis.

Haben Sie während Ihrer Zeit besonders konservative Imame eingestellt?

Nein, überhaupt nicht. Schauen Sie, ein Imam soll ein Vorbild sein. Er soll traditionell angezogen sein, wie früher, als Vorbild für die Jugendlichen. Deswegen sehen sie vielleicht konservativ aus.

Gibt es eine Verbindung von Ihnen zum sogenannten «IS»?

Nein.

Gemäss der «Weltwoche» haben Sie aber Wesam A., der wegen Unterstützung der Terrororganisation «IS» verurteilt wurde, Motorfahrzeugpolicen verkauft. In Ihrem Umfeld gibt es also Menschen mit Verbindungen zum «IS».

Ja, habe ich, aber danach ist er verschwunden. Und ich wusste nicht mehr, wo er ist. Aber wenn man so viele Leute kennt wie ich, Leute, die auch wissen, dass man Deutsch kann, dann kommen sie natürlich zu mir mit ihren Geschäften. Die Italiener und Türken machen das auch so.

Sie wussten also nicht, dass er Verbindungen zum sogenannten «IS» hatte?

Woher sollte ich das wissen? Denken Sie, diese Leute kommen und sagen: «Hey, ich sympathisiere mit dem «IS»?» Die werden das ganz sicher im Geheimen machen. Wenn ich Präsident von einem Verein mit 100 Leuten bin, kann ich doch nicht von jedem einzelnen das Hirn scannen und wissen, was er denkt.

Der Serbe Samir S., der laut «Weltwoche» 2013 zum «IS» ging, war zuletzt auf der Adresse der An'Nur-Moschee gemeldet.

Wir hatten noch einen anderen, der ohne unser Wissen seine Adresse bei uns angegeben hat und plötzlich Briefe erhielt.

Ein weiterer Fall ist Franziska S., die anfangs 2016 in der Türkei festgenommen wurde. Sie verkehrte auch bei Ihnen.

Ich kannte diese Frau nicht.

Razzia in umstrittener An'nur Moschee in Winterthur (02.11.2016)
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Die Moschee im Winterthurer Stadtteil Hegi geriet mehrmals wegen mutmasslicher Radikalisierung von Jugendlichen in die Schlagzeilen.
Mehrere Jugendliche waren nach Syrien gereist und hatten sich der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) angeschlossen.
Erst vergangene Woche wurde bekannt, dass die An'Nur-Moschee voraussichtlich Ende Jahr schliessen muss.
Die Vermieter lassen den Vertrag mit dem umstrittenen Gotteshaus auslaufen, und der Islamverein findet keine neuen Räume.
Stefan Oberlin, Mediensprecher der Kantonspolizei Zürich, beantwortet Fragen nach der Polizei-Razzia.
Auch Corinne Bouvard, Sprecherin der Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Zürich stellte sich den Fragen der Medienschaffenden.

Razzia in umstrittener An'nur Moschee in Winterthur (02.11.2016)

Beat Kälin/newspictures

Gemäss «Tages-Anzeiger» gibt es Polizei-Aufnahmen, die Männer zeigen, die einen jungen Mann verabschieden, der danach in den Dschihad reisen wollte.

Warum erwähnt eigentlich nie jemand, dass wir auch zwei Personen davon abhalten konnten, zum «IS» zu gehen?

Weil es in der Gesamtbilanz zu wenig ins Gewicht fällt, vielleicht? Was ist denn Ihre Erklärung dafür, dass so viele Leute, die vorher in der An'Nur-Moschee verkehrt haben, später zum «IS» reisten?

Das sagen die Medien, dass gerade von unserer Moschee viele Leute abreisen. Die Medien haben die An'Nur als Mittelpunkt genommen. Von den anderen wissen wir einfach nichts. Gestern wurde wieder ein Fall aus Genf bekannt, wir haben von Fällen aus Basel, Kreuzlingen, Wil gehört. Es passiert nicht nur in unserer Moschee. Wie titelte «20 Minuten»? «Kein harter Schlag gegen die Salafisten-Szene», so wird es sein. Die Schliessung unserer Moschee ist nicht die richtige Massnahme. Die Leute werden ausserhalb der Moschee gesucht. Jugendliche mit Problemen, die leicht zu beeinflussen sind.

Sie glauben also, es ist Zufall, dass das alles um die An'Nur passiert?

Ich glaube einfach, ich wüsste es, wenn es etwas mit der Moschee zu tun hätte. Wir haben Massnahmen ergriffen. Jemand vom Vorstand war jeden Abend anwesend, bei den Lektionen für Jugendliche war ebenfalls immer jemand dabei, der alles auf Deutsch übersetzte, weil nicht alle Arabisch können.

Kann es sein, dass Sie es nicht gemerkt haben, dass Jugendliche bei Ihnen für den «IS» rekrutiert wurden?

Ja, das könnte sein. Ich kann nicht von jedem das Handy kontrollieren und schauen, was er sich für Videos anschaut.

Sie müssen sich vorwerfen lassen, nicht genug getan zu haben, um die An'Nur-Moschee vom Ruch des «IS»-Rekrutierungsbüros befreit zu haben.

Ich sage nicht, ich habe genug gemacht, aber ich habe getan, was ich konnte. Die Jugendlichen werden über das Internet radikalisiert, nicht über uns.

Jetzt ist die An'Nur geschlossen. Bereuen Sie Ihr Vorgehen?

Ich bereue, dass vielleicht die einzige arabische Moschee in Winterthur bald geschlossen wird. Dass die rund 3000 arabischen Muslime hier, die zum Teil Arabisch können, nicht mehr die Möglichkeit haben werden, hier zu beten und die grossen Feste zu feiern. Sie werden nach Zürich gehen müssen. Das bereue ich. Der Imam muss sicher die Konsequenzen tragen, sollte er das gesagt haben, aber die Moschee sollte nicht geschlossen werden.

Gestehen Sie Fehler ein?

Nobody is perfect. Aber ich war bei meiner Arbeit auch oft auf mich allein gestellt. Wir waren viel zu wenig im Vorstand für so einen grossen Verein. Die Leute haben ja keine Zeit. Und als die Medienaufmerksamkeit einmal da war, wollte sowieso niemand mehr. Niemand will mit sowas in Verbindung gebracht werden. Der Fehler ist also, dass wir als Verein nicht zusammengehalten haben.

Übernehmen Sie Verantwortung für die Vorkommnisse in der An'Nur-Moschee?

Darauf will ich nicht antworten. Ich habe mein Bestes gegeben. Jetzt bin ich nicht mehr Präsident und werde mich nicht mehr engagieren.

Es kann doch nicht so schwierig sein, einen gemässigten arabischen Imam zu finden. Andere schaffen das ja auch.

Doch, das ist sehr schwierig. Als die Demonstrationen nach dem arabischen Frühling abebbten, sind viele Imame wieder zurück in ihre Länder gegangen. Die, die hier geblieben sind, sind schon besetzt. Jeder unserer neuen Imame, die wir nach den ganzen Medienberichten vorgestellt haben, war nicht gut genug. Es braucht einfach mal einen Verband, der das in die Hand nimmt.

Sie hätten gerne mehr Hilfe bei der Suche nach Imamen?

Ja, ein Verband sollte die Imame in der Schweiz ausbilden und kontrollieren. Sie sollten seine Ansichten kontrollieren und seinen Hintergrund checken. Das Problem in der Schweiz ist, dass der Islam die zweitgrösste Religionsgemeinschaft, aber nicht als solche anerkannt ist und niemand das kontrolliert. Wir wären froh, wenn ein Verband für uns Imame suchen würde.

Ihr Dachverband, die Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich, will die An'Nur-Moschee jetzt ausschliessen.

Ja, das verstehe ich. Sie stehen auch unter Druck. Sie wollen nicht, dass wegen eines Mitglied alles kaputt geht, was sie aufgebaut haben. Kaputt ist schnell alles, aufgebaut nicht.

Denken Sie, dass der Journalist Shams Ul-Haq, der bei Ihnen verdeckt recherchierte, alles erfunden hat?

Nicht erfunden, er hat bloss alles wiederholt, was bereits zuvor berichtet wurde.

Sind Sie ein sehr konservativer Muslim?

Sehe ich so aus? Ich sitze hier mit Ihnen, abends.

Was halten sie von der Taqiyya, dem Prinzip, dass Muslime Ungläubige täuschen dürfen?

Muslime dürfen genau in drei Fällen lügen: Im Krieg, wenn sie verfolgt werden, wenn sie jemandem Komplimente machen, die nicht wahr sind, und wenn sie durch Lügen Streit schlichten können.