Pflege

Verband wehrt sich gegen Seniorenpflege für 3 Franken pro Stunde

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Die Pflege von Senioren in ihrem Zuhause boomt. Das nützen Billigvermittler schamlos aus. Sie zahlen osteuropäischen Betreuerinnen Stundenlöhne von 3 bis 5 Franken. Ein Verband will dem nun einen Riegel schieben.

Die Werbebotschaft tönt verlockend: «Unsere 24-Stunden-Betreuung entlastet die Angehörigen und erlaubt es alten, pflegebedürftigen Menschen, ihren Lebensabend liebevoll umsorgt in den eigenen vier Wänden zu verbringen.» So preist die Berliner Vermittlungsagentur «Pflege zuhause» ihre Dienste an. Beziehungsweise die der billigen Arbeitskräfte, die sie in die Schweiz lotst.

Keine zwei Stunden, nachdem «Der Sonntag» unter falschem Namen eine Betreuerin für den angeblich bettlägerigen Vater (72) angefordert hat, kommt der Kostenvoranschlag. Für die 24-Stunden-Betreuung inklusive Putzen, Waschen, Kochen und Einkaufen verlangt die Agentur 3730 Franken pro Monat.

Eine Stunde Wartezeit

Eine Stunde später folgt das Profil einer slowakischen Mitarbeiterin mit vollem Namen, Foto und Handynummer. Sie wird vorgestellt als «nette Betreuerin, die jahrelange Erfahrungen mit der Pflege von älteren und kranken Menschen gesammelt hat». Falls sie 100Prozent des bezahlten Betrags erhält (was bezweifelt werden darf), beträgt ihr Stundenlohn Fr. 5.18.

Noch billiger geht es bei der «Pflege Fee» mit Sitz in Ungarn. Sie preist die 24-Stunden-Betreuung für Fr. 4.15 pro Stunde an. Bei der Schweizer Anbieterin «McCare» in Beckenried NW gibt es die gleiche Dienstleistung sogar für Fr. 3.36 bis 3.78 pro Stunde, je nach Erfahrung der Betreuerinnen. Für diesen Hungerlohn sind sie, abgesehen von einem freien Tag pro Woche, dauernd ans Haus gebunden. «Die Betreuerin wohnt im Haushalt des Pflegebedürftigen mit und ist praktisch 24 Stunden anwesend», verspricht Geschäftsführer Edwin Keller.

Solche sklavenartigen Zustände seien in der nichtmedizinischen Betreuung häufig, sagt Margaretha Stettler, Inhaberin der Hauspflegeservice GmbH in Wallisellen, einem der ältesten Unternehmen dieser jungen, aber rasch wachsenden Branche. «Es gibt viele Missstände bei nicht seriösen Firmen. Die Frauen kommen oft kaum aus dem Haus. Es gibt keinen Schutz, keinen klaren Auftrag, keine Ausbildung, keine Kontrolle. Oft werden sehr tiefe Löhne gezahlt und die Arbeitszeiten nicht eingehalten, wenn sie überhaupt geregelt sind.»

Neuer Verband gegen Missbrauch

Um diesen Missbräuchen einen Riegel zu schieben, haben 15 Schweizer Hauspflegeanbieter mit insgesamt 1500 Mitarbeitern letzte Woche den Verband «Zu Hause leben» gegründet. Sein vorrangiges Ziel ist der Abschluss eines Gesamtarbeitsvertrags (GAV) mit allgemein verbindlichen Mindestlöhnen, Höchstarbeits- und Ruhezeiten. Bereits hat der Verband Gespräche mit der Gewerkschaft Unia geführt. Nächste Woche beginnen die Verhandlungen. Den minimalen Stundenlohn will der Verband ungefähr auf dem Niveau ansetzen, das der Normalarbeitsvertrag für die Hauswirtschaft vorschreibt. Das wären dann Fr. 18.20 für Ungelernte ohne Erfahrung und 20 Franken für Angestellte mit über vier Jahren Erfahrung.

Die Unia fordert wesentlich höhere Löhne. Aber an einem GAV hat sie ebenfalls ein grosses Interesse. Denn sie will, dass die schwarzen Schafe vom Markt verschwinden. Heute sei es schwierig, die Arbeitsbedingungen zu kontrollieren, sagt GeschäftsleitungsmitgliedVania Alleva. «Es gibt viele ausländische Anbieter, die sehr undurchsichtig operieren. Wir haben Fälle angetroffen, wo ausländische Mitarbeiterinnen für eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung 1500 bis 2000 Franken pro Monat erhalten.»

«Es gibt Frauen, die das Haus nicht verlassen dürfen»

Auch Schwarzarbeit, Arbeit auf Abruf, kleine Pensen, die jederzeit wieder abgesagt werden können, und die Nichteinhaltung von Arbeitszeitregelungen kämen häufig vor. Viele Betreuerinnen seien zudem in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. «Es gibt Frauen, die im Haus der Betreuten wohnen und arbeiten und auch in der Freizeit das Haus nicht verlassen dürfen.»

Pflege in den eigenen vier Wänden ist ein rasch wachsender Markt. Zunehmend haben hochbetagte Menschen das Bedürfnis, möglichst lange zu Hause zu bleiben, auch wenn sie pflegebedürftig sind. Deshalb schiessen die Vermittler für Pflegekräfte wie Pilze aus dem Boden. «Es herrscht eine Art Goldgräberstimmung», sagt Margaretha Stettler. Sie schätzt, dass die Branche bereits 80 Firmen mit insgesamt 8000 vorwiegend weiblichen Angestellten umfasst. Darin sind die schätzungsweise 30000 Billigpflegerinnen aus Osteuropa allerdings nicht eingerechnet.

Die Kosten für die Betagtenpflege zu Hause belaufen sich laut Stettler aktuell auf etwa 7,5 Milliarden Franken. Bis 2018 sei mit einem Umsatz von rund 18 Milliarden Franken zu rechnen.

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