Grüne Politik ist nicht en vogue. Das haben die Schweizer Grünen vor einem guten halben Jahr bei den Nationalratswahlen deutlich gespürt. Ihre Deputation schrumpfte von 15 auf
11 Mitglieder. Der Wähleranteil sank von 8,4 auf 7,1 Prozent. Besserung ist nicht in Sicht. Umweltschutz und Klimawandel landen im Sorgenbarometer regelmässig hinter Themen wie Migration oder Ausländer, die auch in der Schweiz erfolgreich von Rechtspopulisten beackert werden.

Umso schöner fühlt sich für die kriselnden Grünen der Wahlsieg des ehemaligen Grünen-Parteichefs Alexander Van der Bellen im östlichen Nachbarland an. «Der grüne Bundespräsident steht für redliche, nachhaltige und menschliche Politik. Grün ist die Zukunft!», frohlockt Parteichefin Regula Rytz (BE) auf Twitter. Und der Zürcher Nationalrat Bastien Girod schreibt, der Wahlsieg zeige, «mit Ausdauer, guten Kandidaten und richtigem Zeitpunkt können die Grünen (fast) alles gewinnen. Erleichtert reagiert auch Fraktionschef Balthasar Glättli (ZH): «Mutig in die neuen Zeiten.» Und Nationalrätin Maya Graf (BL) frohlockt: «Grosse Freude. Grünes Glück für Demokratie und Menschlichkeit. Herzliche Gratulation.»

Erste Reise führt nach Bern

Die Freude über Alexander Van der Bellens Sieg wird hierzulande auch von zahlreichen SP- und CVP-Politikern geteilt. Juso-Chef Fabian Molina etwa twittert: «Die österreichische Demokratie ist vorerst mit einem blauen Auge davongekommen. Uff! Jetzt brauchts linken Politikwechsel – für Europa!» Etwas prosaischer äussert sich SP-Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer (BL). «Zum grossen Glück», hält sie kurz und bündig fest.

Auch wenn der neue Bundespräsident in einem TV-Duell sagte, er wolle Kontakte zu südostasiatischen Staaten knüpfen, dürfte ihn seine erste Ausland-Reise in die Schweiz führen. So will es die Tradition. Politisch spielt die Frage, wer in der Wiener Hofburg Einsitz nimmt, für unser Land indes eine untergeordnete Rolle, da in Österreich der Kanzler Politik macht und nicht der Bundespräsident. Da Van der Bellen aber ein überzeugter Europäer ist, hat die Schweiz zumindest keinen neuen Freund in Wien gewonnen, der helvetischen Sonderlösungen besonders hold gestimmt wäre.