Eduardo träumte von seiner eigenen, kleinen Schreinerei und drei Kindern. Die gemeinsame Zukunft schien ihm damals sicher.

Aber seine Frau hat ihn verstossen. Unterstützt habe sie ihn nie, sagt Eduardo heute, vielleicht habe sie ihn nicht einmal richtig geliebt. Jetzt lebt er im Väterhaus Aargau, wo von häuslicher Gewalt betroffene Männer ein vorübergehendes Zuhause finden. Es ist nach Mitternacht, und der 33-Jährige ist wie so oft als Einziger noch wach. Auf seinem Gesicht zucken die Lichter des Fernsehers. Der Bolivianer greift sich ins volle, schwarze Haar, blickt zu Boden. Er fährt mit den Fingern über ein Foto seiner beiden Töchter, lächelt kurz, bis ihn fast die Tränen übermannen. Wortlos schliesst er das Fotoalbum wieder.

Zwei Pilotprojekte in der Schweiz

Eduardo ist ein Opfer häuslicher Gewalt. Inzwischen ist jedes fünfte Opfer von Gewalt in der Partnerschaft ein Mann. In der Schweiz gibt es 17 Frauenhäuser und zwei Pilotprojekte für so genannte Männer- oder Väterhäuser. Vor etwas mehr als einem Jahr hat in der Nähe von Aarau der «ZwüscheHalt» eröffnet, getragen durch einen privaten Verein, finanziert durch Spenden. In den ersten zwölf Monaten fanden 11 Väter mit Kindern sowie 11 weitere ohne ihre Kinder eine vorübergehende Bleibe.

In denselben zwölf Monaten wurden schweizweit über 2000 männliche Opfer erfasst. «Es ist sicher so, dass sich Männer sehr schwertun damit, Hilfe zu holen», sagt Gewaltexperte Peter Mösch dazu. Der Professor an der Hochschule Luzern mit Schwerpunktgebieten Opferschutz und Sozialrecht meint, schuld sei das Rollenbild: Dass sich ein Mann keine Blösse geben darf. «Es dauert Generationen, bis sich solche Bilder verändern. Erst, wenn bewiesen ist, dass es wirklichen Bedarf gibt, werden sich die Männerhäuser etablieren.» Frauen seien nach wie vor häufiger von häuslicher Gewalt betroffen. Aber ob Mann oder Frau: Gewalt schleicht sich oft heimlich in die Partnerschaft.

Als Eduardo seine spätere Frau Sabrina kennen lernte, studierte er in seiner Heimat Geologie und engagierte sich in der Arbeit mit Obdachlosen. Die 23-jährige Entwicklungshelferin aus der Schweiz gefiel ihm. Nach knapp zwei Jahren kündigte sich Nachwuchs an - die beiden heirateten. Auch auf Zuraten seines Schwiegervaters zog Eduardo dann mit Sabrina und Tochter Minka in die Schweiz. Da er das Studium in Bolivien nicht abgeschlossen hatte, arbeitete er in der Spenglerei des Schwiegervaters. Dort sollte er helfen, Liegenschaften in Familienbesitz zu renovieren. Anfangs sei er damit zufrieden gewesen, erzählt Eduardo, doch das habe sich rasch geändert. «Der Schwiegervater kommandierte mich herum. Ich hatte das Gefühl, ihm nicht gut genug zu sein», behauptet er.

«Meine Frau unterstützte mich nie»

Einmal habe er ihm gesagt, er sei unfähig, bringe nicht einmal die einfachsten Arbeiten zustande. Die Zementsäcke solle er wie in Bolivien ins Dachgeschoss tragen - den Lift dürfe er nicht benutzen. «Meine Frau hat mich nicht verteidigt. Sie unterstützte mich nie, egal, was ich tat.» Als der Hobbymaler einmal die Chance hatte, eine eigene Ausstellung zu präsentieren, sei seine Frau nicht einmal zur Vernissage gekommen. Sogar die 4-jährige Minka bekam die Streitigkeiten mit. Sie ahmte den Grossvater und die Mutter nach, beschimpfte ihren Vater. Bis Eduardo die Bohrmaschine hinwarf und sagte: «No más». Genug.

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«Wir beraten Männer in allen Lebenslagen. Mehr als die Hälfte davon musste schon häusliche Gewalt erleiden», sagt Väterhausleiter André Müller. «Männer erleiden aber nicht primär körperliche, sondern vielmehr psychische Gewalt. Frauen schreien, werfen Gegenstände und spielen Psychospielchen.» Das sei im Einzelfall gravierender als eine Ohrfeige. Zu einem ähnlichen Schluss kommt die Bundesfachstelle gegen Gewalt. Am häufigsten wird von Eifersuchtsattacken, Kontaktverboten, Post-, Telefon- und Mailkontrolle berichtet. Oder von üblen Beschimpfungen, Einschüchterungen und Drohungen.

Experte Peter Mösch sagt dazu: «Bei solch subtilen Formen von häuslicher Gewalt ist es oft schwierig, den Täter oder das Opfer zu benennen.» Es sei einfacher, um Hilfe zu bitten, wenn man körperliche Gewalt erfahren hat. Deshalb würden es Männer «immer ein bisschen schwieriger haben, im gleichen Ausmass Unterstützung zu erhalten wie die Frauen». Grundsätzlich sind sich viele Experten einig darin, dass kein Opfer immer nur Opfer ist. So banal das klingen mag: Für einen Streit braucht es immer noch zwei.

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Nicht viel anders muss es bei Eduardo gewesen sein. Seit über zwei Monaten lebt er im Väterhaus. André Müller und die freiwilligen Helfer des «ZwüscheHalt» sind ihm auf seinem Weg in eine ungewisse Zukunft zur Seite gestanden. Man organisierte einen Spanisch sprechenden Dolmetscher, führte Korrespondenzen mit Behörden und der Anwältin. Man half bei der Wohnungs- und Stellensuche. All das hätte er alleine nie gekonnt, sagt Eduardo. Alles, was er dafür zahlen musste, sind ein paar Franken für die Übernachtungen. Neben dem Fernsehgerät stehen zwei DVDs; ein Kindertrickfilm und das deutsche Reality-Drama «Der entsorgte Vater». Eduardo hat sich bis heute weder das eine noch das andere angeschaut.

Das Fotoalbum hat Eduardo wieder in seinem Zimmer verstaut. Am nächsten Morgen, nachdem er seinen Kaffee ausgetrunken und draussen eine Marlboro geraucht hat, setzt sich Eduardo an den Wohnzimmertisch. Da sitzt Hausleiter Müller, gegenüber Ervin Melunovic mit seinem 4-jährigen Sohn Kilian. Ervin ist ebenfalls ein Geschädigter, der lange im «ZwüscheHalt» lebte und wieder einmal zu Besuch ist. Als er hier wohnte, habe er schlecht oder gar nicht geschlafen, sei oft krank gewesen. «Ohne André ginge es mir heute nicht so gut», sagt er.

Er sei dank der Hilfe von André Müller auf dem besten Weg, den Sohn weiterhin bei sich behalten zu können. Eduardo beobachtet Ervin und den Kleinen aus den Augenwinkeln. Er lebt von seiner Familie getrennt und wartet gerade auf das Urteil zum Eheschutzverfahren, welches bis zur Scheidung vorübergehend die Besuchs-, Obhut- und Alimentenfragen regelt. «Es ist schwierig», sagt er. «Ein grosser Schmerz.»

Genug, hatte er damals gesagt. Nach dem Streit mit dem Schwiegervater wollte Eduardo nicht mehr in dessen Betrieb arbeiten. Also jobbte seine Frau Sabrina 60 Prozent. Sie war besser bezahlt, und er kümmerte sich um Tochter Minka. Doch Eduardo sagt, die Beziehung sei bereits kaputt gewesen. Sabrina habe ihn oft angeschrien und beleidigt. «Warum sie mich so schlecht behandelt hat, warum sie sich nach der Hochzeit so verändert hat, das weiss ich heute nicht mehr.» Aber Sabrina wurde ein zweites Mal schwanger und brachte Tochter Leonie zur Welt.

Eduardo war zum Hausmann geworden. Nur: Kaufte er seinen Kindern Schokolade, war das Sabrina nicht recht. Reparierte er alte Spielsachen vom Flohmarkt, weil sie nicht viel Geld hatten, wurde sie wütend. Seine Frau und er stritten sich, regelmässig. «Einmal kratzte sie mich so fest, dass ich am Hals blutete und verarztet werden musste.»

Am 7. Juli 2010, als im Fernsehen das WM-Halbfinale zwischen Deutschland und Spanien lief, war Eduardo alleine zu Hause. Als seine Frau mit Leonie und Minka nach Hause kam, setzten sich die Töchter zu ihm. Sie hatten Spass. Sabrina aber habe die Töchter unverzüglich ins Bett geschickt. Das machte ihn wütend, und es brach ein heftiger Streit aus, der sich rasch ins Schlafzimmer verlagerte. Sex habe in Eduardos Ehe immer eine grosse Rolle gespielt, weiss auch Väterhausleiter André Müller zu berichten.

Vielleicht war es das Einzige, was die beiden überhaupt noch zusammenhielt. Doch an diesem Abend sollte auch das nicht mehr helfen. Wenige Tage später - Sabrina war vorläufig bei ihren Eltern untergekommen - tauchte der Schwiegervater auf. Er holte seine Nichten und nahm sie mit. Eduardo konnte es nicht verhindern. Am Nachmittag kam dann die Polizei, denn Sabrina hatte ihren Mann wegen versuchter Vergewaltigung angezeigt. Er streitet diesen Vorwurf zwar bis heute als Verleumdung ab. Doch es hat dazu beigetragen, dass Eduardo seine Töchter seit vier Monaten nicht mehr gesehen hat. Das Verfahren wegen angeblicher Vergewaltigung ist weiterhin hängig.

Verfahren dauern sehr lange

«Männer sind in Trennungs- und Scheidungsverfahren im Nachteil. Sie verpassen oft den Moment, wo sie sich rechtlich wehren müssten.» Die meisten Trennungen und Eheschutzverfahren, bei welchen entschieden wird, wer die Obhut erhält, gingen von der Frau aus, sagt André Müller. «Solche Verfahren dauern dann immer sehr lange. Und bis ein Gericht ein Urteil fällt, hat sich die neue Situation schon so stark gefestigt, dass die Kinder nur sehr selten noch zu ihrem Vater können.»

Er trauert mit Eduardo, denn die Schilderungen des Bolivianers erscheinen ihm glaubwürdig. Auch im deutschen «Gender Datenreport» heisst es: Für Männer sei es schwieriger als für Frauen, nach einer Trennung oder Scheidung weiter den Kontakt zu ihren Kindern zu halten. Nicht immer werden die Fälle detailliert überprüft, nicht immer die Männer, noch seltener die Kinder befragt.

Eduardo hatte die letzten Wochen nur noch auf das Urteil des Gerichts gewartet. Auf seinem Bett liegen zwei Puppen seiner Töchter. Auf dem Nachttisch eine Blockflöte und Nähzeug, mit dem er sich einen Schal und eine Mütze gestrickt hat, weil er sich keine aus dem Laden leisten kann. Ein Schrank, ein Schreibtisch, ein Bett. Nicht viel mehr als eine Notunterkunft. Doch just zum Ende des zweitägigen Journalistenbesuches im Väterhaus hat Eduardos Warten ein Ende.

Gerade hat er den Brief vom Gericht erhalten. Fassungslos starrt er auf das Papier: Solange die Trennung von seiner Frau andauert, darf er seine Töchter nur noch zwei Tage im Monat für 12 Stunden sehen. Ihre bolivianischen Pässe muss er abgeben, damit er nicht flüchten kann, vorher darf er die Kleinen nicht mehr wiedersehen. Und er muss sich eine eigene Wohnung suchen, im Väterhaus darf er nicht bleiben. Eduardo muss sich wie ein Verbrecher vorkommen. «Ich denke, ich gehe zurück nach Bolivien», sagt er. Was aber wird aus den Töchtern? Eduardo zögert, überlegt einen Moment. Erst verliert er seine Familie und jetzt offenbar noch seinen Mut. Denn alles, was er dazu sagt, ist: «Hier habe ich keine Zukunft mehr.»

* Die Namen Eduardo, Sabrina, Minka und Leonie sind frei erfunden.