Herr Catrina, Sie sind Chef Sicherheitspolitik von Bundesrat Ueli Maurer. Im Bundeshaus nennt man Sie auch «Mister Gripen». Gefällt Ihnen der Titel?

Christian Catrina: Je nach Ausgang der Abstimmung ist das keine besonders schmeichelhafte Bezeichnung (lacht). Im Ernst: Andere VBS-Angestellte haben mehr Zeit in den Gripen investiert als ich.

Am 18. Mai kommt der Kampfjet-Kauf an die Urne. Wie nervös sind Sie?


Das Projekt hat viele schwierige Etappen hinter sich, die zu Beginn unüberwindbar schienen. Die Abstimmung ist nicht der kniffligste Moment.

Was war noch kniffliger?

Entgegen allen Erwartungen war die parlamentarische Debatte die grösste Herausforderung.

Die sicherheitspolitische Kommission des Nationalrates sass Ihnen mehr als ein Jahr auf der Pelle. War das lästig?

Psychologisch war es nicht sehr angenehm. Der Druck der Kommissionen und der Medien verschaffte uns aber auch Vorteile. Wir konnten den Schweden sagen: Wenn der Deal auch nur zehn Millionen Franken mehr kostet, ist das Geschäft politisch tot.

Die FDP schoss am schärfsten gegen den Gripen, obwohl sie traditionell als armeefreundliche Partei gilt. Wie erklären Sie sich das?

Die Militanz, mit der sie ihre Einwände vorbrachte, überraschte mich. Ich hatte immer gedacht: Wenn die Mitteparteien CVP und BDP für den Gripen sind, ist auch die FDP dafür. Wir mussten dann versuchen, ihre Forderungen zu erfüllen und mit Schweden zusätzliche Garantien auszuhandeln.

Ging es der FDP um die Sache oder wollte sich die Partei ohne grosses Risiko politisch profilieren?

Das ist eine Frage, die ich als einfacher VBS-Angestellter nicht beantworten sollte (lacht).

Ihr Vorgesetzter, Bundesrat Ueli Maurer, sagt: Wer gegen den Gripen ist, ist gegen die Armee. Stimmt das?

Politische Aussagen vor einer Abstimmung sind in der Regel nicht die gleichen, die man unter Schwur in einem Gerichtssaal von sich gibt.

Das heisst, die Aussage ist falsch?

Es ist eine Verkürzung, die er als Politiker machen darf, ich als einfacher Angestellter aber unterlassen sollte.

In der Causa Gripen kam es zeitweise fast wöchentlich zu Indiskretionen. Was motivierte die Maulwürfe?

Vermutlich wünschten sich die Betroffenen ein anderes Flugzeug. Leider gefährdeten sie damit die Beschaffung insgesamt. Das war sehr ärgerlich.

Misstrauten Sie manchmal Ihren eigenen Mitarbeitern?

Gemütlich war es nicht. Am besten schaltet man in solchen Situationen einen Gang zurück und beruhigt die Arbeitskollegen. Die Erde dreht sich weiter.

Wird man den Ursprung der Lecks ausfindig machen?

Ich denke nicht. Untersuchungen nach Indiskretionen führen selten zum Ziel.

Könnte es sein, dass Bestechungsgelder flossen?

Bei Rüstungsbeschaffungen dieser Grössenordnung gibt es immer einen Generalverdacht auf Korruption. Ich habe nie etwas dergleichen beobachtet – nicht einmal einen Korruptionsversuch.

Wie eng arbeiten das Verteidigungsdepartement und der Gripen-Hersteller Saab im Abstimmungskampf zusammen?

Wenn Saab uns um Rat fragt, sagen wir ihnen unsere Meinung. Die direkte Demokratie ist für die Schweden völlig neues Terrain, da können auch Fehler passieren. Wichtig ist, dass sie rasch korrigiert werden.

Wie stark sollen sie sich engagieren?

Es gab eine Phase, in der sie immer etwas mehr machen wollten, als wir für nützlich hielten. Generell finden wir, dass Saab sich zurückhalten soll. Die Öffentlichkeit goutiert das finanzielle und mediale Engagement eines ausländischen Akteurs nicht.

Als Argument für den Gripen-Kauf nennen Sie immer wieder die Gegengeschäfte. Doch die sind umstritten: Bei der F/A-18-Beschaffung floss laut der Eidgenössischen Finanzkontrolle nur ein geringer Teil der Kaufsumme zurück in die Schweiz. Warum sollte es dieses Mal anders sein?

Die Armasuisse ist bis heute der Meinung, dass die Einschätzung der Finanzkontrolle die Sachlage nicht richtig wiedergibt, hat aber trotzdem Verbesserungsmassnahmen eingeleitet.

Konkret?

Wir überlegen uns zum Beispiel, Gegengeschäfte mit einem hohen Technologietransfer stärker zu gewichten. Nehmen wir an, die ETH Zürich erhält einen Auftrag für 20 Millionen Franken. Statt mit nur 20 könnten wir diesen mit 30 oder 40 Millionen bewerten, wenn es ein wertvoller Auftrag ist. Dieses Vorgehen erlaubt uns zu steuern, wohin die Investitionen fliessen sollen. Umgekehrt sinkt damit aber die Kompensationssumme.

Dem Vernehmen nach stellt der regionale Verteilschlüssel ein Problem dar: Die lateinische Schweiz soll proportional gleich viele Aufträge wie die Deutschschweiz erhalten, obwohl ihre Maschinen- und Hightech-Branche vergleichsweise unbedeutend ist.

Die Frage stellt sich, wie stark wir den Verteilschlüssel rechtlich fixieren können, ohne das Wettbewerbsprinzip auszuhebeln. Wir arbeiten mit Saab daran und sind zuversichtlich, einige Verbesserungen zu erreichen.

Das heisst, der Verteilschlüssel ist nicht sakrosankt?

Er ist sakrosankt, vorausgesetzt, dass Unternehmen alle Regionen wettbewerbsfähige Angebote einreichen. Wenn wir stur auf dem Schlüssel beharren, hiesse das für Saab in letzter Konsequenz, dass sie auch nicht wettbewerbsfähige Angebote annehmen müssten – das wollen wir nicht. Wir sind aber zuversichtlich, dass es klappt.

Nehmen wir an, das Stimmvolk sagt Ja zum Gripen. Was passiert dann mit den 54 veralteten Tiger-F-5-Kampfjets?

Die ersten 18 könnten wir möglicherweise noch 2014 verkaufen. Offerten liegen vor. Die restlichen 36 dürften bis spätestens Mitte 2016 aus dem Verkehr gezogen werden.

Wer sind die Interessenten?

Die US Navy stand bisher als Abnehmer im Vordergrund. Ein Teil der Tiger könnte auch an amerikanische Privatfirmen gehen, welche die Flieger zu Ausbildungszwecken nutzen wollen. Sollten wir keinen Käufer finden, werden die Jets in der Schweiz entsorgt. Ich halte das aber für unwahrscheinlich.

Welchen Preis können Sie pro Jet erzielen?

In der Vergangenheit waren es, so weit ich mich erinnere, ungefähr eine halbe Million Franken.

Was würde ein Nein zum Gripen für die Luftwaffe bedeuten?

Sie müsste ab 2016 mit nur 32 F/A-18 auskommen. Die Frage einer Erneuerung der Flotte würde zwar weiter im Raum stehen. Das Verteidigungsdepartement würde aber nach der Abstimmung kaum sofort wieder eine neue Beschaffung initiieren. Es würde sich wohl mehrere Jahre nichts tun.

Die Luftwaffe könnte sich einem internationalen Verbund anschliessen.

Wenn die Luftwaffe nur für die Luftpolizei da wäre und sich die Frage der Abwehr militärischer Bedrohungen nicht stellt, spricht neutralitätspolitisch wenig gegen einen Verbund. Das ist aber nicht der Fall: Sie muss auch den Luftraum verteidigen, aufklären und das Heer am Boden unterstützen. Ein Zusammengehen mit einem anderen Staat ist daher nicht mit dem Neutralitätsprinzip vereinbar.

Aber rein praktisch wäre es die effizientere Lösung.

Nein. Erstens käme es uns nicht günstiger. Zweitens müssten wir die militärische Abwehr und die Luftpolizei unter hoher Spannung weiterhin selber bewältigen. Wenn wir schon für die Friedenszeit mit einem anderen Staat zusammenspannen, wären wir wohl kaum in der Lage, die viel anspruchsvollere Aufgabe der Verteidigung im Konfliktfall allein zu meistern. Viel sparen würde man wohl kaum. Kooperation gibt es nicht zum Nulltarif.