Interview
US-Botschafterin: «Die Schweiz ist für die USA von grosser Bedeutung»

Seit zwei Jahren vertritt Botschafterin Suzan LeVine die USA in der Schweiz – ein Gespräch über Obamas Bilanz, Trumps Kandidatur und Amerikas Zukunft.

Christian Dorerund Antonio Fumagalli
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US-Botschafterin Suzan LeVine beim Interview in ihrer Residenz in Bern. Ihr gefällt es in der Schweiz ausserordentlich gut – und doch muss sie wohl schon bald die Koffer packen. Sandra Ardizzone

US-Botschafterin Suzan LeVine beim Interview in ihrer Residenz in Bern. Ihr gefällt es in der Schweiz ausserordentlich gut – und doch muss sie wohl schon bald die Koffer packen. Sandra Ardizzone

Sandra Ardizzone

Die Residenz in der Nähe des Bundeshauses hat schon manche US-Botschafter kommen und gehen sehen. Zwei Dinge ändern sich bei jedem Wechsel: Erstens die Fotos – sie zeigen zwar immer den Hausherrn mit dem US-Präsidenten beziehungsweise aktuell die Hausherrin Suzan LeVine mit Barack Obama. Und zweitens die Kunst – die kann die Botschafterin aus dem reichen Fundus der US-Regierung auswählen. Das Gespräch findet um 8.30 Uhr statt, neben der Botschafterin begrüssen uns auch ihre Presseattachés und, besonders stürmisch, Pudel Vegas.

Frau Botschafterin, Sie haben Obama im Wahlkampf geholfen und wurden deshalb mit dem Botschafter-Posten betraut. Kämpfen Sie nun für Hillary Clinton?

Suzan LeVine: Ich vertrete zwar die aktuelle, demokratische Regierung, meine Funktion ist aber absolut unparteiisch. Deshalb verrate ich Ihnen nicht, wen ich wählen werde.

Können Sie uns dafür erklären, wie es ein Kandidat wie Donald Trump ohne jegliche politische
Erfahrung zum Präsidentschaftskandidaten schafft?

Über einzelne Personen darf ich nicht reden. Was ich sagen kann: Um Kandidat zu sein, müssen Sie mindestens 35 Jahre alt sein, als US-Bürger geboren worden sein und insgesamt mindestens 14 Jahre im Land gelebt haben. Das lässt viele Optionen offen.

Aber können Sie nachvollziehen, dass Trump viele Menschen in Europa irritiert?

Wir haben in der Vergangenheit immer wieder Kandidaten mit verschiedensten Lebensentwürfen gehabt. Auch kam es schon vor, dass Geschäftsleute ohne politische Erfahrung direkt in ein öffentliches Amt gewählt wurden. Das zeigt die Vielfalt unserer Nation und unserer Demokratie.

Dann schauen wir aufs Grundsätzliche: Worin gründet dieser Protest am Polit-Establishment?

Ich sehe das völlig anders. Den USA ging es noch nie so gut wie heute. Wir haben Wirtschaftswachstum, die Anzahl Jobs nimmt zu, die Leute leben gesünder, die Kriminalität sinkt und der Zugang zu Technologie war noch nie so flächendeckend.

Wenn dem so ist, müsste es Sie umso mehr beunruhigen, wenn jetzt ein Kandidat den Abbruch von Handelsbeziehungen zu China und die Errichtung einer Mauer zu Mexiko fordert.

Nochmals: Ich äussere mich nicht zu einzelnen Kandidaten. In den USA gibt es ein schönes Sprichwort: Die Politik endet an der Wasserkante. Sobald wir das Land verlassen, sind wir Vertreter des gesamten Staates und nicht mehr einer Partei oder einer Bewegung.

Wie wichtig ist das Geld im Wahlkampf?

Barack Obama wurde in seiner Kampagne von unzähligen Kleinspendern unterstützt, Bernie Sanders verfolgt eine ähnliche Strategie. Dabei geht es aber längst nicht nur um Geld. Die Kandidaten scharen damit eine riesige Basis von Freiwilligen hinter sich, die Telefonanrufe tätigen oder von Tür zu Tür gehen. Zumindest bei Obama war diese Mundpropaganda absolut entscheidend für den Wahlerfolg. Auch jetzt wird derjenige Kandidat das Rennen machen, der die Basis besser mobilisieren kann.

Wie wichtig sind dabei die sozialen Medien?

Sie werden immer wichtiger. Ein Beispiel aus dem Wahlkampf 2012: Spezialisten fanden heraus, dass Leute, die das Computerspiel «Farmville» mögen, tendenziell republikanisch wählen, aber eine unterdurchschnittliche Wahlbeteiligung aufweisen. Es gibt viele weitere solcher Zusammenhänge. Weiss ein Kampagnenmanager davon, so kann er auf die richtigen Zielgruppen fokussieren.

Suzan LeVine

Genau seit zwei Jahren amtet US-Botschafterin Suzan LeVine in der Schweiz und hat weiterhin sichtlich Spass an ihrem Job. Zuvor arbeitete sie in leitender Funktion für die Grossunternehmen Microsoft und Expedia in den USA. Dank ihres Engagements als Wahlhelferin für Barack Obama wurde sie danach mit dem Posten in Bern betraut. Weil der neue Präsident oder die neue Präsidentin wohl eine neue Vertretung in der Schweiz nominieren wird, dürfte der Aufenthalt von LeVine in der Schweiz schon bald zu Ende gehen. Die 46-Jährige ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Sind die USA bereit für eine Frau an der Spitze?

Die Fähigkeit, Präsident oder eben Präsidentin zu sein, hängt selbstverständlich nicht vom Geschlecht ab. Die USA sind bereit für eine qualifizierte Person an der Spitze – egal, ob Mann oder Frau. Alles andere entscheiden die Wähler. Grundsätzlich gilt in der ganzen Geschlechterdiskussion: Unternehmen, Regionen und Staaten funktionieren besser, wenn nicht ein Geschlecht dominiert.

Das ist Theorie – in der Praxis sieht es oft anders aus. Oder wurden Sie in Ihrer Karriere nie diskriminiert, weil Sie eine Frau sind?

Doch, weil unbewusst Vorurteile mitspielen. Ich habe das selber erlebt: Als ich zum zweiten Mal schwanger wurde, führte ich bei meinem damaligen Arbeitgeber ein Team. Wir gingen durch schwierige Zeiten, also trieb ich es zu Höchstleistungen an. Die Resultate waren entsprechend gut. Trotzdem versetzte man mich danach, weil man mir vorwarf, ich hätte mein Team überstrapaziert. Ein männlicher Kollege von mir tat genau dasselbe – bei ihm jedoch fanden das alle toll und er wurde befördert!

Wie immer die Wahlen herauskommen: Die Amtszeit von Präsident Barack Obama endet im Januar. Wie beurteilen Sie seine Bilanz?

Obama hat bemerkenswerte Leistungen erbracht. Man kann diese auf vier Bereiche herunterbrechen: Wirtschaft, Gesundheit, Vielfalt und Zusammenarbeit. Erinnern Sie sich daran, wie die US-Wirtschaft am Boden lag, als er im Januar 2009 sein Amt antrat? Es hat eine Weile gedauert, um das Ruder herumzureissen, aber nun stehen wir bei 74 aufeinanderfolgenden Monaten, in denen der private Arbeitsmarkt gewachsen ist. Insgesamt wurden in dieser Zeit mehr als 14,5 Millionen Jobs geschaffen. Das ist beeindruckend.

Okay, aber womit wird er in die Geschichte eingehen?

Die Menschen werden ihn als denjenigen in Erinnerung behalten, der eine der gefährlichsten Rezessionen überwunden hat.

Das wird doch in ein paar Jahren vergessen sein.

Nennenswert ist auch die Gesundheitsreform, dank der die Anzahl der unversicherten Personen halbiert werden konnte. Ich weiss: In der Schweiz mag man darüber lachen, weil die obligatorische Krankenversicherung seit Jahren etabliert ist, aber für uns ist das eine grosse Errungenschaft. Trotz Widerstand im Kongress wird diese Reform Bestand haben, davon bin ich überzeugt.

Sie müssen Obama loben, er ist schliesslich Ihr Chef. Es gibt aber auch die andere Seite: In Guantánamo sitzen immer noch Häftlinge, obwohl er die Schliessung des Camps versprochen hat.

Die Anzahl der Inhaftierten hat stark abgenommen, fast 150 sind in andere Haftanstalten transferiert worden.

Obama ist der mächtigste Mann der Welt und hat versprochen: Guantánamo wird geschlossen.

Die USA sind doch keine Diktatur! Entscheide des Präsidenten müssen vom Kongress abgesegnet werden. Dass nicht alle Ideen vollständig umgesetzt werden können, ist in einer Demokratie normal. Mehr noch: Es zeigt, dass sie funktioniert.

Wann verlässt der letzte Häftling Guantánamo?

Ich weiss es nicht. Ich kann nur auf den Fahrplan des Präsidenten und des Verteidigungsministers verweisen. Dieser zeigt die letzten notwendigen Schritte auf.

Auch ein flächendeckender Mindestlohn blieb Wunschdenken.

Wenn man allein die gesetzliche Basis anschaut, dann ist dem so. Das greift aber zu kurz: Obamas Pläne haben viele Staaten und Städte dazu animiert, auf regionaler oder lokaler Ebene einen Mindestlohn einzuführen. Die Regierung hat einen Stein ins Rollen gebracht, der nicht mehr so schnell aufgehalten werden kann.

Sollten Präsidentschaftskandidaten vielleicht den Mund nicht so voll nehmen?

Ich werde mich nicht zur Taktik von Präsidentschaftskandidaten äussern. Aber ich kann Ihnen garantieren, dass die Obama-Regierung hart daran gearbeitet hat, ihre Versprechen einzulösen.

Wie eng ist eigentlich Ihr Kontakt zu Obama?

Zuletzt sah ich ihn im März, als alle US-Botschafter in Washington zusammenkamen. Einige von uns lud er danach ins Weisse Haus ein – ich gehörte auch zu den Glücklichen. Da habe ich ihm dargelegt, welche Projekte im Lehrlingswesen wir mit Schweizer Hilfe aufgegleist haben.

Interessiert sich Obama für ein so kleines Land wie die Schweiz?

Ja klar, er interessiert sich für alle unsere Partnerländer. Die Schweiz ist in den Top 10 der ausländischen Direktinvestoren, und dass sie gerade bei der Berufslehre führend ist, hat bei ihm besondere Aufmerksamkeit geweckt. Dass Aussenminister John Kerry in jüngster Zeit so oft hier war, zeigt die Wichtigkeit der Schweiz auf.

Kerry ist oft da, aber warum kommt Obama nie?

Wir haben ihn dazu ermutigt, aber er muss halt viele Dienstreisen unternehmen. Vizepräsident Joe Biden hat dafür im Januar die Schweiz besucht.

Die USA und die Schweiz verband das Schutzmandat auf Kuba. Das ist nun überflüssig geworden. Versinken wir damit in der diplomatischen Bedeutungslosigkeit?

Keinesfalls. Als neutraler Staat ist die Schweiz in verschiedenster Hinsicht von grosser Bedeutung – etwa, indem am Cern in Genf Kernforschung über die Grenzen hinweg betrieben wird oder hierzulande diplomatische Gipfelgespräche abgehalten werden. Und vergessen Sie nicht: Die Schweiz dient im Iran weiterhin als Schutzmacht der USA.

Apropos Verhältnis Schweiz - USA: Man hat das Gefühl, dass die wichtigen Geschäfte gleich auf Minister-Ebene besprochen werden. Konnten Sie als Botschafterin dennoch Akzente setzen?

Wir konnten die wirtschaftliche Verflechtung zwischen beiden Staaten vergrössern – zum Beispiel mit den erwähnten Lehrlings-Ausbildungen oder im Bereich von Start-ups. Besonderen Fokus legten wir auf die Bekämpfung von gewalttätigem Extremismus. Die Schweiz spielt dabei eine besonders wichtige Rolle.

Die Schweiz? Warum?

Die USA und die Schweiz haben ein gemeinsames Projekt namens GCERF ins Leben gerufen, das in fragilen Staaten wie Bangladesch, Mali oder Nigeria wirkt. Das Ziel besteht darin, lokale Gemeinschaften zu fördern, die extremistische Tendenzen bekämpfen. Im Kampf gegen den Terrorismus sind nicht nur militärische Aktionen nötig, es braucht auch Vorbeugungsmassnahmen, um den Terrororganisationen den Nachwuchs zu entziehen.

Gleichzeitig spielen sich die USA gerne als Weltpolizist auf. Die Irritation hier war gross, dass Fifa-Funktionäre auf Anordnung der USA in Zürich verhaftet wurden.

Alle diese Personen haben einen Bezug zu den USA, entweder sind sie Staatsbürger oder ihre Transaktionen liefen über unser Land. Zudem hat das Schweizer Justizdepartement auch eigene Ermittlungen durchgeführt. Im Kampf, Korruption zu besiegen, arbeiten wir sehr eng zusammen. Das sind wir dem Fussball schuldig, einer Sportart, die weltweit so viele Menschen wie keine andere verbindet. Ich sehe das an meinen eigenen Kindern, sie spielen hier auch ständig Fussball.

Vielleicht müssen sich die Kids bald einen neuen Klub suchen – Ihre Zeit in der Schweiz endet im Januar, da Sie von Präsident Obama entsandt sind. Oder hoffen Sie auf Verlängerung?

Das hängt alles auch vom nächsten Präsidenten ab. Eins ist klar: Es gefällt mir hier sehr gut. Es gibt keinen Grund, das Land früher zu verlassen als notwendig (lacht).

Was wird Ihnen in Erinnerung bleiben?

Die Freundlichkeit der Leute, die atemberaubend schönen Landschaften und das intakte Wertesystem. Wenn Sie eine Anekdote wollen: Bei einem Firmenbesuch in Genf traf ich einen Wissenschafter, der als Jugendlicher ein ziemlicher Schwerenöter gewesen war. Nachdem er seine Lehre angetreten hatte, begann er sich für Chemie zu interessieren, holte die Matur nach und studierte an der Uni. Heute ist er ein leitender Forscher. Eine Lehre in der Schweiz ist kein Abstellgleis, sondern öffnet Türen. Das hat mich als Mutter beeindruckt – und davon können die USA einiges lernen.