Er gehörte zu den frühesten Unterstützern von Donald Trumps Präsidentschaftskandidatur. Seit vergangenem Herbst ist Ed McMullen US-Botschafter für die Schweiz und Liechtenstein. Der gebürtige New Yorker empfängt uns über den Mittag in der Botschafterresidenz in Bern. Er scheint sich gut eingelebt zu haben: Bevor das Gespräch beginnt, reicht ihm seine Mitarbeiterin ein Ricola-Bonbon.

Herr McMullen, Sie sind seit November US-Botschafter in Bern. Wie steht es um Ihr Deutsch?

Ed McMullen: Das hängt davon ab, in welchem Kanton ich mich gerade befinde (lacht). Ich hatte bislang keine Deutschkenntnisse und lerne nun einfache Wörter.

Zum Beispiel?

Ich werde es gar nicht versuchen. Mein Französisch und mein Italienisch sind auf jeden Fall besser als mein Deutsch. Die Verständigung in der Schweiz verläuft aber glücklicherweise reibungslos.

Der Posten in Bern ist unter angehenden US-Botschaftern besonders beliebt: Bilaterale Probleme zwischen den beiden Ländern sind keine in Sicht, und das Risiko, entführt zu werden, ist quasi inexistent.

Ich stehe jeden Tag um 6 Uhr morgens auf und gehe um 23 Uhr zu Bett. Ich beschäftige mich selten mit etwas anderem als wichtigen Fragen. Was stimmt: Die Schweiz ist ein sehr sicheres und schönes Land.

Sie sind ein sogenannt politisch ernannter Botschafter, kein Karrierediplomat. Haben Sie den Posten wie schon Ihre Vorgänger als Dank für Ihre Verdienste im Wahlkampf von US-Präsident Trump erhalten?

Keinesfalls. Die Vereinigten Staaten haben viel Erfahrung mit politisch ernannten Botschaftern. Die Idee dahinter ist, sicherzustellen, dass die Stimme des Präsidenten auch im Ausland gehört wird. Etwa bei einem Drittel aller Botschafter handelt es sich um «Political Apointees».

Doch der diplomatische Background fehlt Ihnen.

Wir haben hier in der Botschaft in Bern hervorragendes diplomatisches Karrierepersonal vom Aussenministerium in Washington, darunter mein Stellvertreter. Das sind Leute, die auf der ganzen Welt im Einsatz standen. Viele erfahrene Diplomaten absolvieren in der Schweiz die letzte Station ihrer Laufbahn. Die Mischung zwischen diplomatischer Expertise und meiner Erfahrung als Geschäftsmann ist viel wert.

Und Sie kennen den Präsidenten persönlich.

Ja, wir haben schon verschiedentlich zusammengearbeitet. Sollte es einmal nötig werden, kann ich direkt auf ihn zugehen.

Haben Sie seine Telefonnummer?

Dazu äussere ich mich nicht. Unsere Gespräche sind vertraulich und nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.

Donald Trump ist in vieler Hinsicht ein sehr ungewöhnlicher Präsident. Das gilt auch für den Umgang mit seinen wichtigsten Angestellten. Vor wenigen Wochen hat er Aussenminister Rex Tillerson entlassen. Der erfuhr davon über Twitter.

Diese Information stammt aus unverifizierten Medienberichten. Die amerikanische Öffentlichkeit war gewiss nicht überrascht, dass ihr Präsident einen Twitter-Account hat. Es ermöglicht ihm, direkt mit der Bevölkerung zu kommunizieren. Ich glaube, dass er damit auch Massstäbe für künftige Präsidenten setzt. Im Übrigen unterstützt die Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung seine politische Agenda. Der Wirtschaft geht es so gut wie schon lange nicht mehr.

Donald Trump machte Sie 2015 zum Vorsitzenden seiner Wahlkampf-Organisation in South Carolina. Was war Ihre Aufgabe?

Ich stellte als Vorsitzender ein Team zusammen, das die Kampagne in South Carolina führte. Ich war aber nicht der Wahlkampfmanager. Ich beriet den Präsidenten, wenn er meine Einschätzung wünschte.

Kamen Sie auch mit Cambridge Analytica in Kontakt? Die Firma ist unter Beschuss geraten, weil sie mit gestohlenen Daten von Facebook-Nutzern den Wahlkampf von Donald Trump und anderen Politikern unterstützte.

Nein, ich hatte nie mit Cambridge Analytica zu tun. Ich war nur bis im Februar 2016 im Vorwahlkampf in South Carolina engagiert. Das war eine begrenzte Zeit. Ich möchte mich aber nicht politisch äussern.

Um eine weitere unangenehme Frage aus dem Weg zu räumen: In den USA beschäftigt eine angebliche Affäre zwischen der Pornodarstellerin Stormy Daniels und Donald Trump im Jahr 2006 die Öffentlichkeit. Daniels hat übers Wochenende ein viel beachtetes Interview gegeben. Ihre Einschätzung?

Wer ist das? Aus irgendeinem Grund scheine ich das nicht mitbekommen zu haben (lächelt).

Lesen Sie keine Zeitungen?

Doch. Aber ich lese wichtige Stories, die für die Weltwirtschaft von Bedeutung sind.

Sie haben sich in den wenigen Monaten in der Schweiz bereits einen Namen als Netzwerker gemacht. Dem Vernehmen nach haben Sie so gut wie alle Bundesräte getroffen.

Das ist korrekt. Mit einer Ausnahme habe ich alle Bundesräte kennen gelernt. Ich bin sehr positiv überrascht von der Offenheit, die mir entgegengebracht wird, und dem Enthusiasmus meiner Schweizer Gesprächspartner, gemeinsame Projekte anzugehen.

Donald Trump ist in diesem Januar ans World Economic Forum (WEF) nach Davos gereist. Doch einen Staatsbesuch eines US-Präsidenten in der Schweiz hat es noch nie gegeben. Könnte sich das ändern?

Präsident Donald Trump liebt die Schweiz und hat grossen Respekt für ihre wirtschaftlichen Errungenschaften. Ob ein Staatsbesuch möglich ist, kann ich leider nicht sagen. Was ich sicher weiss: Beim bilateralen Treffen in Davos verstanden sich Präsident Trump und Bundespräsident Alain Berset hervorragend. Unsere Länder arbeiten sehr gut zusammen.

US-Botschafter in der Schweiz Edward MC Mullen sagt: "Trump gefällt es in der Schweiz, er ist top fit und braucht keine Pause."

«Trump gefällt es in der Schweiz, er ist top fit und braucht keine Pause.» US-Botschafter Ed McMullen am WEF 2018 in Davos.

Ist es denkbar, dass Donald Trump einen Schweizer Bundespräsidenten im Weissen Haus empfängt?

Eine weitere hypothetische Frage (lacht). Es kommt immer auf die Umstände an. Der Präsident ist sehr zugänglich und verschanzt sich gewiss nicht im Weissen Haus. Die Liste der Staatschefs, die er bereits empfangen hat, lässt sich sehen.

Was sind Ihre eigenen Ziele für die nächsten Jahre in Bern?

Der Wahlkampf-Slogan von Präsident Trump lautete: «Make America Great Again». Das heisst aber nicht, dass wir alles alleine machen: Gerade im Bereich der wirtschaftlichen Zusammenarbeit sehe ich in der Schweiz sehr viel Potenzial.

Konkret?

Die Eidgenossenschaft steht bei den ausländischen Direktinvestitionen in den USA an siebter Stelle. Das ist enorm für ein Land Ihrer Grösse und macht die Schweiz in den Augen des Präsidenten zu einem wichtigen Player. Die kürzlich beschlossene Steuerreform und der eingeleitete Regulierungsabbau haben auch das Interesse von kleineren und mittleren Schweizer Firmen an einer Expansion ihrer Geschäftstätigkeit in die USA erhöht. Dasselbe gilt für amerikanische Unternehmen, die hierzulande tätig sein wollen. Ich weiss von mehreren grossen Firmen, die kurz vor dem Sprung in die Schweiz stehen.

Können Sie Namen nennen?

Leider nicht. Aber sie werden schon bald davon erfahren. Es handelt sich um einige der grössten Firmen der USA.

Donald Trumps Steuerreform hat doch vor allem das Ziel, dass US-Konzerne ihre Vermögenswerte aus dem Ausland abziehen und wieder zurück in die Staatenkommen.

Das schreiben Medien. Geschehen ist bis jetzt nichts dergleichen.

Sie wollen nicht, dass amerikanische Firmen zurückkehren?

Im Fall der Schweiz sehe ich wirklich keinen Grund dafür. Amerikanische Unternehmen haben sich aufgrund der Standortattraktivität hier niedergelassen. Es geht um Faktoren wie Forschung, den starken Finanzplatz oder die Cybersicherheit. US-Firmen sind nicht hierhergekommen, um dem amerikanischen Fiskus zu entfliehen. Unsere Unternehmen profitieren vom Wirtschaftsstandort Schweiz.

Bei der Handelspolitik vertritt Donald Trump aber eine andere Linie als der Schweizer Bundesrat: Er gilt als Befürworter von Strafzöllen und Handelsbarrieren und nicht als Freund des Freihandels.

Sie schauen zu viel CNN! (lacht) Präsident Donald Trump ist von Kopf bis Fuss ein Freihandelsbefürworter. Schon der Philosoph und Ökonom Adam Smith sagte, damit es Freihandel geben kann, braucht es Reziprozität. Es braucht faire und ausgeglichene Regeln. Präsident Trump kritisiert seit langem, dass China Stahl und Aluminium zu Dumping-Preisen auf dem Weltmarkt verkauft. Das hat negative Folgen für die amerikanische Wirtschaft, die Beschäftigung und die nationale Sicherheit. Hier müssen wir wieder ein Gleichgewicht herstellen.

Trotzdem sorgen seine Äusserungen zur Handelspolitik für Nervosität. Die Schweiz steht in den USA auf einer Beobachtungsliste von Ländern, die mutmasslich ihre Währung zur Förderung der Exporte gezielt schwächen.

Das US-Finanzministerium ist nicht der Meinung, dass die Schweiz ihre Währung manipuliert, um sich beim Export ungerechtfertigte Vorteile zu verschaffen. Die Situation als kleines Land mit einer starken Währung ist speziell. Die USA anerkennen das.

Es droht uns kein Handelskrieg?

Nein.

Die USA selber könnten schon bald von einem milliardenschweren Rüstungsauftrag aus der Schweiz profitieren. Die Armee will im Hinblick auf den Kauf neuer Kampfflugzeuge auch zwei amerikanische Jettypen – die F-35 und die F/A-18 Super Hornet – evaluieren.

Die Hersteller Boeing und Lockheed produzieren die besten Kampfflugzeuge der Welt. Wenn die Schweiz einen Kauf ins Auge fassen sollte, ist das in unserem Interesse. Als Botschafter kann ich nur auf die hervorragende Qualität unserer Produkte verweisen.

Haben Sie sich selber in den Beschaffungsprozess eingeschaltet?

Das Prozedere steht noch ganz am Anfang. Als Nächstes befasst sich das Parlament meines Wissens mit der Frage, ob es zu einer Volksabstimmung kommen soll.

Die Schweiz vertritt als Schutzmacht seit Jahrzehnten die diplomatischen Interessen der USA im Iran, ein internationaler Hotspot. Wie beurteilen Sie diese Kooperation?

Die USA schätzen die Dienste der Schweiz im Iran sehr. Wir selber unterhalten keine diplomatischen Beziehungen mit Iran. Die Eidgenossenschaft kümmert sich beispielsweise um die Betreuung amerikanischer Gefangener. Dafür sind wir sehr dankbar.

Könnte die Schweiz auch in den geplanten Gesprächen zwischen den USA und Nordkorea eine Rolle spielen?

Die Schweiz hat sich im Lauf der Jahre immer wieder als Veranstaltungsort für Verhandlungen anerboten. Das Dossier Nordkorea liegt aber nicht in meinem Verantwortungsbereich.

Sprechen wir zum Schluss von Ihrem persönlichen Portfolio: Sie besitzen Anteile an einem Weingut in der Toskana. Haben Sie sich seit Ihrem Amtsantritt bereits in Italien aufgehalten?

Bis jetzt nicht, ich plane aber Ferien im August.

Sie produzieren Ihren eigenen Wein?

Eine kleine Menge Sorso, die wir aber nicht verkaufen. In der Botschaft serviere ich ihn meinen persönlichen Gästen, wenn sie italienischen Wein mögen.

Und bei offiziellen Botschaftsempfängen?

Da wird amerikanischer Wein serviert, meist aus dem Napa Valley in Kalifornien. Ich mag aber auch Schweizer Weine sehr!

Zum Beispiel?

Ich will keine Markennamen nennen. Aber der Rotwein aus dem Kanton Tessin und der Weisswein aus dem Wallis schmecken mir und meiner Frau sehr gut.