Unbekannte Schweiz

Urnäsch, ein Dorf wie eine Zeitmaschine

Urnäsch, zu hinterst im Appenzeller Hinterland: 2273 Einwohner und 98 Landwirtschaftsbetriebe.

Urnäsch, zu hinterst im Appenzeller Hinterland: 2273 Einwohner und 98 Landwirtschaftsbetriebe.

Die Gemeinde Urnäsch im Appenzeller HInterland will anders sein und ist anders. «Es guets Neus» wünscht man sich hier am 13.Januar, dem alten Silvester.

«Die Toilette befindet sich auf der Hinterseite», sagt die Kioskfrau beim Urnäscher Bahnhof. «Oha lätz.» Besetzt, aber nicht abgeschlossen. «Entschuldigung», sagt der ältere Herr, der mit heruntergelassenen Hosen auf der Toilette sitzt. Die Urnäscher sind wohl doch nicht so verschlossen, wie sie von den Nachbarn beschrieben werden. Und doch sind sie anders. Ein bisschen wie bei Asterix und Obelix. Man wehrt sich zwar nicht partout gegen Einflüsse von aussen, solange diese mit der Tradition vereinbar sind.

Aber nirgends sonst im Appenzellerland wird das urtümlich so gepflegt wie zuhinterst im Hinterland. Silvesterchlausen, Alpab- und -auffahrt, Alpstobete, Sennenball, Bloch, Viehschau, Streichmusik. Man grüsst sich auf den Strassen. In den Beizen wird gesungen. Die Kinder gehen barfuss zur Schule. Heidiland im Kleinformat. Und die Anhänger werden immer mehr. «Es gab noch nie so viele Chlausen-Schuppel», sagt Hans Konrad Frischknecht. «Ich hatte noch nie so viele Hackbrett-Schüler», sagt Walter Alder.

Wir treffen Hans Konrad Frischknecht im 2008 eröffneten Reka-Dorf. Der Ur-Urnäscher ist 38, Leiter der Ferienanlage und solange er sich zurückerinnern kann, mit dem Chlausen-Virus infiziert. Das Silvesterchlausen ist der wichtigste Anlass des Jahres. Quasi der USP der 2273-Einwohner-Gemeinde. Oder: Wer den Urnäscher verstehen will, muss erst das Silversterchlausen verstehen.

Vier Jahre an einer neuen Haube

Anders als in Herisau wird in Urnäsch auch der alte Silvester (13. Januar) zelebriert. Frischknecht sagt, dass der alte Silvester der «wahre Silvester» sei. Der alte Silvester ist das letzte Überbleibsel eines selbstbewussten Widerstands gegen die Gregorianische Kalenderreform. Die Urnäscher wollen sich nicht befehlen lassen, wann sie ihre Feste zu feiern haben.

Alter Sylvester wird gefeiert

450 Arbeitsstunden stecken in einer Chlausen-Haube. 32000 Perlen werden per Handarbeit angebracht. Und alle vier Jahre bastelt Frischknecht wieder eine neue Haube. Was passiert mit den alten? «Alles, bloss nicht verkaufen», sagt Frischknecht. «Nicht mal für 10000 Franken gäbe ich eine her. Das Chlausen darf man nicht vermarkten. Einladungen zu Firmenanlässen lehnen wir ab, weil man unter dem Jahr nicht chlausen geht. Und wenn jemand unsere Gruppe mit einem Hunderternötli zu sich locken will, dann gehen wir erst recht nicht hin.»

Frauenstimmrecht aufgezwungen

Es ist diese Sturheit, die den Appenzellern die Landsgemeinde gekostet hat. «Damals dachten wir, die Auswärtigen hätten uns das Frauenstimmrecht aufgezwungen. Die Abschaffung war dann eine Art Trotzreaktion. Schade. Heute wäre es uns recht, wenn wir die Landsgemeinde noch hätten», sagt Walter Alder. Es gebe zwar heute ein Komitee zur Wiedereinführung der Landsgemeinde. Doch die Chancen sind wohl gering, prognostiziert Frischknecht. Doch es ist auch diese Sturheit, die den Urnäschern beispielsweise die Post gerettet hat. 800 Unterschriften wurden gesammelt, um die Schliessung der Post und die damit verbundene Eröffnung eines Mercato-Shops zu verhindern. «Seither gehen die Leute wieder vermehrt auf die Post, statt den Geldtransfer über E-Banking abzuwickeln», sagt Frischknecht.

Sein Minergie-Reka-Feriendorf liegt gleich nebenan. Heute ist die Anlage mit 316 Betten ein Symbol für ein neues Urnäsch. «Dabei gab es einige Skeptiker. Heute realisieren die Menschen, dass dieses Dorf für die Gemeinde ein Glücksfall ist. Auch dank den Touristen sind immer noch je zwei Bäckereien und Metzgereien in Betrieb», sagt Frischknecht.

«Kein Playback-Chalb»

«Hoi, ich bin der Walter.» In einen Bademantel gehüllt kommt Walter Alder aus der Dusche. «Ich dachte, dass ihr den Weg nicht findet und deshalb zu spät kommt.» Walter Alder, Vertreter der vierten Generation der Musikanten-Dynastie, wohnt noch immer auf dem abgelegenen Hof, auf dem er aufgewachsen ist. Was irgendwie in krassem Gegensatz zu seinem Wesen steht. Denn Alder bricht gerne aus. Er ist der Rock’n’Roller unter den Volksmusikanten. Er heiratet eine katholische Innerrhödlerin, als das noch mehr als nur ungewöhnlich war. Er lässt sich von ungarischer und rumänischer Musik inspirieren. Er hat den Tonumfang des Hackbretts von drei auf viereinhalb Oktaven erweitert. Er liebt Jazz. Und er lässt schon mal appenzellische Volksmusik mit Tango oder Jazz verschmelzen.

Um sich zu emanzipieren, gründete er die «Alderbuebe». Immer wieder wurde über ein belastetes Verhältnis zwischen den «Alderbuebe» und der Original Streichmusik Alder spekuliert. Walter Alder sagt, das Verhältnis sei gut. «Ich helfe sogar hin und wieder aus, weil schon etliche Musiker gestorben sind.» Und beim Bligg-Hit «Volksmusig» waren Sie auch dabei? «Nein. Ich bin auch froh darüber. Schliesslich mache ich nicht gerne das Playback-Chalb. Ausserdem hat Bligg die Melodie zu ‹Rosalie› von einer meiner Kompositionen verwendet.» Sauer? «Nein. Seit wir die Geschichte geklärt haben, kriege ich auch etwas ab vom Kuchen.»

Für viele ist er nur «der vom Bahnhof». «Hoi, ich bin der Urbi.» Vor zehn Jahren hat der St. Galler Künstler Thomas «Urbi» Urben den Bahnhof Zürchersmühle (ein Weiler der Gemeinde Urnäsch) gekauft. Seither heisst der Bahnhof Ziithof. Im Erdgeschoss ist die Galerie, oben die Wohnung. Ein «heisses Völkli» seien die Urnäscher, sagt Urbi. «Obwohl ich ein fremder Fötzel bin, haben mich die Leute von Beginn weg akzeptiert. Urnäsch ist wie aus einer anderen Zeit.»

Die Zeit ist ein zentrales Thema in Urbis Schaffen. Die einen hätten zu viel, die anderen zu wenig; und keiner wisse, wie man mit der Zeit umgehen soll. Nicht die Funktionalität, sondern die Kunst steht im Zentrum seiner Zeitobjekte. Und irgendwie erinnern Urbis Uhren an Werke von Jean Tinguely. Eine unterbewusste Inspiration nennt er Tinguely. Seine Werke seien eine Hommage an den Augenblick. Und er träumt davon, eine Zeitmaschine zu bauen. Einen besseren Ort als Urnäsch gibt es dafür nicht.

Com&Com Bloch

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1