Der Kanton Uri war auf bestem Wege, seinen ersten Bundesrat zu erhalten. 1891 schien die Wahl des Urner Landammanns Gustav Muheim reine Formsache. Das Ganze hatte aber einen Haken: Muheim selbst wollte nicht. «So steht also fest, dass ich Bundesrat werden könnte, wenn ich wollte», schrieb er an seine Frau. «Aber ich will nicht, um keinen Preis und unter keinen Umständen.»

Das war 1989 bei Franz Steinegger anders. Er galt als aussichtsreichster Kandidat für die Nachfolge von Elisabeth Kopp, die zurücktreten musste. Er wollte Bundesrat werden, doch die FDP-Fraktion nominierte Kaspar Villiger. Dieser wurde mit 124 Stimmen gewählt. Steinegger erhielt 35 Stimmen. 2003 galt Steinegger als natürlicher Villiger-Nachfolger, schaffte die Nomination in der Fraktion aber nicht. Gewählt wurde Hans-Rudolf Merz.

Uri gehört mit Nidwalden, Schwyz, Jura und Schaffhausen zu den fünf Kantonen, die keinen Bundesrat hatten. Doch 2018 hat der Kanton intakte Chancen für eine Bundesrätin, falls Heidi Zgraggen (CVP) Ja sagt zu einer Kandidatur. Als gut vernetzte Frau und Zentralschweizerin erfüllt die Regierungsrätin (52) zwei zentrale Kriterien, um auf Doris Leuthard zu folgen.

«Strategisch und sehr politisch»

«Ich beschäftige mich mit dem Thema Bundesrats-Kandidatur», sagt die Justizdirektorin. Frauen-Frage und Vertretung der Zentralschweiz seien «zwei wichtige Themen, die ich in meine Überlegungen miteinbeziehe», hält Zgraggen fest. «Ich diskutiere sie im Moment mit der Familie und Freunden.» Als Regierungsrätin habe sie gesehen, «wie sehr Frauen in den diversen Gremien untervertreten» seien. Und als Präsidentin der Zentralschweizer Regierungskonferenz habe sie realisiert, «wie wichtig es ist, dass diese Region im Bundesrat vertreten ist».

Franz Steinegger, Urgestein der Urner Politik, stellt Heidi Zgraggen ein gutes Zeugnis aus. «Sie denkt sehr strategisch und sehr politisch», sagt der FDP-Mann über die CVP-Frau. «Sie ist für eine Regierungsrätin national überdurchschnittlich gut vernetzt.» Zgraggen sass im Präsidium der CVP Schweiz, ist Mitglied des Leitendenden Ausschusses der Konferenz der Kantonsregierungen (KdK) und seit 2018 Präsidentin der Eidgenössischen Natur- und Heimatschutzkommission in Doris Leuthards Umweltministerium (Uvek).

«Es wäre Zeit, dass es endlich ein Urner Bundesrats-Mitglied gibt», sagt Flavio Gisler, Urner CVP-Präsident. Heidi Zgraggen sei aus seiner Sicht «bestens geeignet für das Bundesratsamt». Als Regierungsrätin seit 2004 habe sie langjährige Exekutiverfahrung, sei auf verschiedenen politischen Ebenen erfahren und gut vernetzt.

Zgraggen ist nicht die einzig mögliche Urner Bundesrats-Kandidatin. Überlegungen machen sich auch die Ständeräte. «Ich möchte eine Kandidatur nicht ganz ausschliessen», hält Isidor Baumann (CVP) fest. Sein Alter (63) sei aber ein Handicap. Und Josef Dittli (FDP) sagt: «Zum jetzigen Zeitpunkt schliesse ich eine Kandidatur nicht aus.»

Überlegungen zu Kandidaturen machen sich auch Nidwaldner Politiker. «Ich brauche noch ein paar Tage», sagt FDP-Ständerat Hans Wicki. «Im Moment befinde ich mich in Diskussion mit Fraktionsmitgliedern, Familie und Freunden.» Den Entscheid kommuniziere er nächste Woche.

Wicki betont ebenfalls die Bedeutung der Zentralschweiz. «Sie ist seit längerem nicht mehr im Bundesrat vertreten. Das spürt man bei den Entscheiden in Bern», sagt er. Sie werde «weniger berücksichtigt». Wicki: «Die Zentralschweiz hat aber in den letzten zwanzig Jahren eine sehr starke wirtschaftliche Entwicklung gemacht. Vier von sechs Kantonen – Nidwalden, Obwalden, Schwyz und Zug – sind Geberkantone im Finanzausgleich.» Deshalb habe die Region eine Berechtigung, «auch etwas zu fordern».

Wicki wie Dittli spüren: Nidwaldner und Urner hoffen auf ihren ersten Bundesrat. «Dass wir noch nie einen Bundesrat hatten, ist in Nidwalden ein grosses Thema», sagt Wicki. Und Zgraggen sagt: «Es ist sicher so, dass der Kanton Uri als Gründungsmitglied der Eidgenossenschaft stolz darauf wäre, ein Mitglied des Bundesrats zu haben.» Urner hätten «eine hohe Bodenhaftung», seien «sehr stark verwurzelt im Kanton, in der Schweiz und im politischen System des Landes».

1989 und 2003 waren die Erwartungen gross bei Steineggers Kandidaturen, und die Enttäuschungen auch. 1891 sah das anders aus. Nicht der Urner Muheim wurde erster CVP-Bundesrat, sondern der Luzerner Josef Zemp. Das verführte den Landammann zu Freudentänzen. «Ich bin kindlich froh, dass dieser Kelch an mir vorüberging», sagte er. Muheim habe es sich, so die Presse, schlicht nicht vorstellen können, sein geliebtes Urnerland zu verlassen und nach Bern zu ziehen.