Herr Urbaniok, bei der aktuellen Serie von Anschlägen in Europa fällt etwas besonders auf: Viele der Attentäter standen in der Vergangenheit in psychiatrischer Behandlung. Neigen psychisch kranke Menschen eher zu Gewalttaten?

Frank Urbaniok: Nein, wer psychisch krank ist, ist nicht automatisch gefährlich. Es ist ein weitverbreiteter Fehler unter Psychiatern und Psychologen, aus psychiatrischen Krankheitsbildern Rückschlüsse auf die Gefährlichkeit einer Person zu ziehen.

Wo verläuft die Grenze zwischen Krankheit und Gefährlichkeit?

Es existieren mehr als 90 Risiko-Eigenschaften, anhand derer ein Forensischer Psychiater oder Psychologe die Gefährlichkeit einer Person beschreiben kann. Da gibt es zum Beispiel Menschen, die wollen andere Menschen kontrollieren und dominieren, mächtiger sein. Auch extremistische Glaubensvorstellungen können ein Element eines Risikoprofils sein. Mit psychischer Krankheit hat das aber nichts zu tun. 

Viele Asylbewerber sind psychisch angeschlagen

Viele Asylbewerber sind psychisch angeschlagen

Tödliche Vorfälle durch psychisch kranke Asylbewerber häufen sich. 

Also werden psychisch kranke Menschen nicht eher zu Attentätern?

Wenn schon, ist der Kausalzusammenhang umgekehrt: Wer gefährlich ist, also eine oder mehrere Risiko-Eigenschaften aufweist, hat auch eine gewisse Chance, psychisch krank zu sein. Der Amokläufer von München wurde psychiatrisch behandelt, doch das war nicht der Grund für seine Tat. Mehr als 99 Prozent der psychisch kranken Menschen werden nie gewalttätig. Allerdings gibt es bestimmte psychische Störungen, die das Risiko für Gewalttaten erhöhen.

Der gesunde Menschenverstand sagt uns: Jemand, der wahllos andere erschiesst, sich in die Luft jagt, muss doch krank sein.

Ob jemand im psychiatrischen Sinne krank ist, ist von wissenschaftlichen Diagnosesystemen abhängig, und sagt nichts darüber aus, ob er gefährlich ist. In der Tendenz ist man zurückhaltend bei der Diagnosestellung psychischer Krankheiten.

Warum?

Denken Sie an den Nationalsozialismus oder an die Sowjetunion, damals presste man Menschen mit einer falschen Einstellung kurzerhand in psychiatrische Krankheitsbilder. Man muss sehr vorsichtig sein. Sonst riskiert man, sozial auffällige Menschen automatisch für krank zu erklären.

Wie kann der Staat gefährliche Menschen frühzeitig erkennen?

Die Sicherheitsbehörden überwachen Personen mit Anzeichen von Radikalisierung heute schon. Ausgeprägte Risiko-Eigenschaften drücken im Verhalten eines Menschen früher oder später durch. Bei Personen mit einer ausgeprägten Gewaltneigung manchmal schon in der Kindheit oder Jugend. Der Amokläufer fährt an den Schauplatz anderer Amokläufe, der Hassprediger ruft zu Gewalttaten auf. Der Schläfer, der bis zu seiner Tat nie auffällig wurde, ist sehr selten. Die meisten Delinquenten durchlaufen vom ersten Gedanken bis zur Realisierung ihrer Tat einen Prozess. Das eröffnet Präventionsmöglichkeiten.

Könnte man das Personal in Asylheimen stärker sensibilisieren, etwa mit Checklisten für Risiko-Eigenschaften?

Ich denke, diese Arbeit sollte man der Polizei und den Ermittlungsbehörden überlassen. Im Normalfall reicht der gesunde Menschenverstand: Wenn sich jemand radikal äussert, sich aufbrausend und gewalttätig verhält, sollte die Polizei verständigt werden. So lassen sich viele Täter frühzeitig abfangen. Das ist sinnvoller, als flächendeckend Checklisten zu verteilen. Sie können aber nicht 100 Prozent der Taten verhindern.

Was können die Behörden gegenüber heute besser machen?

Sie machen schon vieles gut. Ich bin zum Teil selber involviert und weiss: Im Hintergrund geschieht sehr viel. Es ist aber auch wichtig, dass man nicht in eine allgemeine Stimmung der Panik verfällt. Jedes Ereignis ist schrecklich, doch das Risiko für eine einzelne Person, Opfer eines Anschlags zu werden, ist sehr klein. Wir sollten jetzt nicht unsere Gewohnheiten ändern. Denn je grösser die Kollateralwirkung einer Tat, je mehr dadurch die Gesellschaft verändert werden kann, desto attraktiver wird sie.

Die mediale Aufmerksamkeit ist nach Attentaten enorm. Wie gross beurteilen Sie das Risiko von Nachahmern?

Diese Gefahr besteht. Potenzielle Amoktäter interessieren sich immer für andere Amoktäter. Ein von einer anderen Person begangener Amoklauf kann wie ein Katalysator wirken, ist aber alleine kein Grund für die Tat, sondern verändert nur das Timing.