Reportage

Unterwegs auf der A1: Nachts um vier lädt einer im Cindy's seinen Akku

Kleines Rätsel: Sofort rast das Herz, wenn alles Blech zum Stillstand kommt – wo ist das? Richtig: auf der Autobahn im Stau. Am Schauspielhaus Zürich hat am 28. Mai ein Stück über die Nationalstrasse Premiere. Eine Nacht auf der A1 als Einstimmung.

Einsam unterwegs: Das wird oft besungen als hartes Gefühl. Immer grundiert eine Strasse die moderne Melancholie. Aber eben – wird gern besungen. Etwas daran muss nicht ganz so schlimm sein, eher angenehm, vielleicht gar romantisch: die Welt offen, das Herz frei und so weiter. Längst fliegt die Seele auch im Auto aus, wie ein Hund, stets mit vergnügtem Schwips. In unserem Fall in einem Diesel-Audi mit Tempomat, bei abgeschaltetem GPS, dafür aufgedrehtem «Nachtschwärmer»-Programm aus Radio DRS.

Nach Mitternacht kommt Musik meist aus der Vinyl-Ära. Als Musik noch gut war. Als die Luft, die Nacht, das Cruisen im Strassenkreuzer noch Seele versprach. Jedenfalls keinen miesen Deal. Etwas, das nirgendwo lag, aber überall mitschwang. Tracy Chapman zum Beispiel, sie sang im Radio: «Du hast eine schnelle Karre, vielleicht reissen wir was. Ich muss mir selbst nichts beweisen.» Und Bob Seger, gleich danach: «Im Chevy folgten wir den Bewegungen der Nacht, Mysterien ohne Hinweis oder Plan, einen Sommer lang.»

Nachtschwärmer fliegen, als Insekten, zielstrebig ins Licht; menschliche Nachtfalter steuern ziellos ins Dunkel hinaus. So, wie das besungen wird, und so, wie es uns auch der Film erzählt, ist das Verbrennen beidseits garantiert. Als gäbe es für den, der nachts losfährt, keinen Morgen, kein Zurück. Als ende jedes Leben auf der Überholspur an einem «Zabriskie Point», wo alles in Flammen aufgeht.

Die Nationalstrasse folgt dem Nationalcharakter

Die erste Wahrheit aber war: Nirgends mehr ging eine Tür auf. Noch fehlte eine Stunde bis Mitternacht, als im weitläufigen Grauholz, kurz vor Bern, bereits die Bars aufgestuhlt und die Trottoirs hochgeklappt wurden. Die Nationalstrasse folgt dem Nationalcharakter; der trägt Zipfelmütze und ist Bürokrat. Es dauerte bis weit nach Mitternacht, führte tief in die Romandie, da wir endlich einen Kaffee serviert bekamen: im Wild Bean der Rose de la Broye. Das klang wie Poesie, während die gnadenlose Zweckarchitektur auf die Stimmung drückte. Und doch war das Amalgam von beidem wieder Poesie.

Zwei Beamte der Gendarmerie mit schusssicherer Weste nahmen eine Fertigpizza Toscana mit. Der Schmächtige nach ihnen, einer aus der wachsenden Schattenarmee der Prekarier – grünlicher Teint, gelbe Strähnen, Schuhe ohne Schnürsenkel – kaufte Chäschüechli, eine grüne Cola, Muratti blau und Schoko-Reiswaffeln Nippon. Am Tag dominieren die starken Fäden, an denen diese Leute alle gezogen und in ihre Aufgaben eingebunden werden; nachts wird überdeutlich, wie zufällig die Fäden laufen, sich nie verknüpfen, wie lose sie durchhängen, draussen im Dunkel.

Tatsächlich ist das Gefühl, allein unterwegs zu sein, wenn alles schläft, ein Sonderkommando-Gefühl; man gehört nicht mehr recht zum zivilen Rest. Auch wenn du dich an die Regeln hältst: Die Autobahn macht dich zum Outlaw. Schlafen bei Schatzi im Trückli, am Kinn den Speichelfaden eines letzten verhehlten Traums, um bei Morgengrauen aufzustehen für die gleiche Büez – auf der Autobahn wirkt das so elend und falsch. Wachbleiben hingegen, an jeder Ausfahrt vorbei, vor sich einen zitternden Schein, wird so gegenwärtig wie wahr. «Hölle steckt im Hallo», sang Lee Marvin, noch zur Vinylzeit, «Himmel dort, wo ich Tschüss sage, wo es Zeit ist, zu gehen.»

Kein bisschen Licht, aber ein Vogel schmettert im Wald

So wirst du an einer leeren Raststätte namens Gurbrü stehen, als letzter Mohikaner: in der Hand eine PET-Flasche Mineral aus dem Automaten, die für den Rest der fünfhundert Kilometer am Autoboden hin und her rollen wird.

Neue Bäumchen, von Balkendreiecken ebenso eingeschnürt wie gestützt, sollen an dem Ort Wurzeln schlagen, wo du verwurzelt niemals zu sein wünschst: Mensch und Baum, nebeneinander im Augenblick nach Mitternacht, die Landeshymne aus der offenen Autotür, mobile neben stabiler Kreatur: des Bäumchens dünner Halt und deine schnelle Rast als Dunst vor dem Gesicht, von Schwenkkameras erfasst, deren Endlosbänder einer erst sichtet, nachdem ein Kapitalverbrechen geschehen ist; bis du merkst, sofern du dir hier überhaupt etwas merken willst: Alles ist genauso bedeutsam wie bedeutungslos. Und gerade im Flüchtigen zauberhaft: Wie nur heisst der Vogel, der so frisch, so unermüdlich aus dem schwarz gezackten Wald schmettert?

Nicht anders verläuft ein Stopp bei Kirchberg, unter einem Fenster mit rosa Neonherz im Gewerbe-Niemandsland. Neben der Tür auch ein Automat, für vier Sorten Kondome diesmal, mit der Warnung: «Nur Fünflieber kein Euro». Vier Wörter, zwei Fehler. Gäbe es hier eine Spur von Anrührendem, wäre es wohl das: Jede Dienstleistung ist durchökonomisiert, hundert Pro anonym – und die Menschenspur verrät sich doch; sie bleibt eben fehlerhaft.

Reduziert auf seine Bedürfnisse, die unerfüllten Sehnsüchte, auf seine Einbildungen vielleicht, beides vom Gewerbe zu plündern mit deprimierender Leichtigkeit, wird der Einzelne nun kläglich neben dem Trott, sehr billig neben der Autobahn; er verwischt, meist schmutzig, selten als schöne Fluoreszenz; kurz hier, nie wirklich da.
«Das Sozialamt gab ihm keine Kleider, und Sam fragte: ‹Howard, wo soll ich denn noch hin?› Howard zeigte nur mit der Knarre zur Strasse und sagte: ‹Da runter, die Highway 61.›» Jetzt gar noch Dylan im Radio – dabei nahmen wir Cohens «Winter Lady» aus dem Wild Bean fast bis Lausanne mit: «Bleib eine Weile, bis die Nacht vorüber ist. Ich bin eine Station an deinem Weg, ich weiss, dein Geliebter bin ich nicht.»

Was nachts den Rhythmus prägt, wird exakt gemessen

Längst gleiten wir dahin … im Flow. Auf den ersten hundert Kilometern bedrückt und schwer, da man wie ein Kartoffelsack im Wagen hängt, wird man mit jedem Kilometer leichter danach, quasi frei, zur Bewegung selbst. Es zieht in einem selbst. Auch das Aussen zieht innen durch – die Glühnester menschlicher Siedlung, der bleiche Mond, die LED-Girlande eines Camions mit Ausnahmebewilligung. Zu dieser Stunde scheinen die Brummis zu schweben, als wäre die Strasse erst nachts ihr Element. Das Nachtfahrverbot, infolgedessen auf jeder Raststätte Trucker stehen, matt glänzend von fern wie aufgereihte Kakerlaken, wirkt heute stur, als habe die Bürokratie buchstäblich eine Parkkralle ums Rad der Entwicklung gelegt.

Der Rhythmus weisser Strichmarken auf Asphalt taktet uns jetzt völlig synchron. Die Autobahn verlängert sich ins Innere. Ihre Mittellinie nähert sich der Wirkung einer Gebetsmühle: hypnotische Marken steuern eine nicht stille, keinesfalls langsame und dennoch ruhige Meditation – Autobahn ist Thai-Chi, ist Qi-Gong, Autobahn entspannt.

Freilich nicht sehr lang. In den Genuss des A1-Flows kommt man hierzulande nur von zwei Uhr morgens bis um vier. Nur da ist man entspannt, unisono mit der Strasse und dennoch frei. Zweiundzwanzig Stunden lang pro Tag überwiegt «Dichtestress». Es ist unglaublich, welche Volksmassen bereits vor fünf Uhr wieder zur Werkmühle eilen, als strebten sie berauscht zum Himmelstor. Und schon jagt auch Polente mit Blaulicht wieder irgendwen.

Die A1 ist die dichteste Rennbahn hiesigen Pflichtbewusstseins, das diagonal als Band übers Land gelegte Hamsterrad für helvetischen Einsatzwillen, Reue und Fleiss. Hier gondelt niemand ziellos durch die Gegend, schon gar nicht des Nachts. Es ist bizarr, wie Sonderschichten morgens um drei peinlich genau den Pannenstreifen putzen. Es ist surreal, um halb eins ein Fahrzeug parkiert zu sehen, das die Leuchtkraft aufgemalter Strichmarken misst. Und es ist rätselhaft, dass eine österreichische Firma hier die Aufgabe übernimmt, dabei aber deutsche Kennzeichen trägt.

Das eigenartigste Rätsel aber stellt sich an der amerikanischsten Raststätte der Schweiz: im Cindy’s bei den Betonschalen von Deitingen, auf dem Weg zurück. Die Damen im Hufeisen des Schnellimbisses plaudern, weil wenig Kundschaft aus dem Dunkel hereintropft, ausführlich über ihre Schichten und den Unterschied zwischen Angst und Respekt, den sie hätten, des Nachts: «Sobald ich Angst habe, quittiere ich den Job», sagt Cornelia Boss.

Woher kam der Mann geflogen? Über die Autobahn?

Ein ungefähr dreissigjähriger Mann fragt nach einer Steckdose. In der Hand hält er einen Akku. Ein zweites Kabel steckt er ein, um sein GPS ebenfalls aufzuladen. Es ist 3.27 Uhr. Der Mann bestellt Hamburger, Spiegeleier und Fanta. Die zweite Dame im Cindy’s, Susanne Richard, beugt sich über die Fritteuse, augenscheinlich immun gegen den Fettdunst. Wir beschliessen, aufzubrechen, ehe sich unser Magen umdreht. Draussen steht das Fahrzeug des Mannes mit dem leeren Akku: ein Flyer, ein Elektrovelo.

Woher kam der Mann geflogen mit seinem silbern sirrenden Rad? Über die Autobahn? Andererseits: Wo holt man sich denn Pfus fürs Velo, morgens um halb vier, wenn nicht auf der Autobahn? Am einzigen Ort zwischen der französischen Grenze und Härkingen-Luterbach, wie Cornelia Boss sagte, «wo es noch etwas Warmes zu essen gibt»?

Alles vernünftig. Doch ein unerklärlicher Rest hielt uns noch lange wach.

Meistgesehen

Artboard 1