Lawinenunglück
Unsichtbare «Mine»: Warum Altschnee besonders heimtückisch sein kann

Am Unglücksort in Tirol lag heimtückischer Altschnee. Das Risiko einer solchen Lawine ist meist klein. Aber wehe, wer ausgerechnet auf die Schwachstelle tritt.

Sabine Kuster
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Ein Lawinenabgang im Bereich des Jochgrubenkopfs in Tirol hat vier Todesopfer gefordert.
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Alle vier stammen aus dem Aargau. Vier andere konnten sich selbst retten oder wurden gerettet. Sie gehören alle dem Männerturnverein Brittnau an.
Kopie von Lawinenunglück in Schmirn
Einer der Verschütteten musste rund zwölf Meter unter der Oberfläche geborgen werden.
Die Unglücksstelle mit einem Handschuh eines der Opfer.
Die Lawine ging unterhalb des 2453 Meter hohen Jochgrubenkopfes nieder.

Ein Lawinenabgang im Bereich des Jochgrubenkopfs in Tirol hat vier Todesopfer gefordert.

Keystone

Es gibt Tage, da ist die Gefahr in den Bergen für jeden offensichtlich: Es hat am Vortag viel geschneit und überall sind Lawinen sichtbar. Nur wenige trauen sich dann auf eine Skitour. Doch letzte Woche herrschten in den Tuxer Alpen in Tirol alles andere als einfache Verhältnisse. Die Gefahr hatte sich zurückgezogen und lauerte tief unten: im Altschnee.

Schwachschichten im Altschnee sind tief verschneit und dadurch unsichtbar. «In der Regel lösen Skifahrer dort keine Lawinen aus, weil ihr Gewicht zu gering ist», sagt Kurt Winkler, Lawinenwarner beim Lawinenforschungsinstitut SLF in Davos. «Bei solchen Verhältnissen sind Lawinen selten.» Aber wer das Pech habe, dass er ausgerechnet einen der wenigen «Hotspots» treffe, löse meist eine gefährlich grosse Lawine aus.

«Bei Altschneesituationen kann es einfach sein, dass irgendwo, irgendeinmal einer auf die Mine tritt», sagt Kurt Winkler. «Dann darf man nicht denjenigen beschuldigen oder vorverurteilen, der nur tat, was andere bei solchen Verhältnissen vielleicht auch taten, dabei aber mehr Glück hatten.»

Wurde zu wenig gewarnt?

Hätte aber der Lawinendienst nicht die Gefahrenstufe erhöhen sollen wegen der Altschneegefahr? Nicht unbedingt, sagt der Lawinenexperte, denn die Gefahrenstufe sei immer eine Mischrechnung aus Anzahl Gefahrenstellen und Lawinengrösse. Winkler erklärt: «Bei Altschnee ist die Gefahr oft so wenig verbreitet, dass das eigentlich der Stufe 1, also gering, entsprechen würde. Aber an den wenigen Gefahrenstellen kann die Lawine gross werden, was eher zu Stufe 4 passt. Die korrekte Gefahrenstufe liegt dann irgendwo dazwischen.»

Verflixter Altschnee

Doch was ist Altschnee überhaupt? Lawinenwarndienste meinen damit eine Schneeschicht mit grossen, kantigen Kristallen, die sehr schlecht miteinander verbunden sind und deshalb eine Schwachstelle bilden. Solche Kristalle entstehen typischerweise bei schönem Wetter an der Schneeoberfläche, wenn diese sich nachts unter dem wolkenlosen Sternenhimmel stark abkühlt.

Diese Schwachstellen bleiben oft über Monate bestehen. Je tiefer sie eingeschneit werden, desto schwieriger sind sie auszulösen – aber wenn es doch passiert, werden die Lawinen umso grösser.

Es ist kein Zufall, dass in Teilen Tirols solche Verhältnisse herrschen. Kurt Winkler vom SLF sagt: «Inneralpine Gebiete sind von der Altschneegefahr besonders betroffen. Auch im zentralen Wallis, in Mittelbünden und im Unterengadin schneit es oft nur wenig, und dünne Schneedecken sind besonders schwach.» Im Tessin beispielsweise sei die Gefahr für Altschneelawinen normalerweise kleiner: Entweder schneie es viel und die Schneedecke verfestige sich danach schnell, oder es schneie gar nicht.

Auch gestern herrschten übrigens solche Verhältnisse in den Alpen. Das SLF warnte trotz Gefahrenstufe 2, «mässig»: «Lawinen können vereinzelt schon mit geringer Belastung in tiefen Schichten ausgelöst werden. Die Gefahrenstellen sind selten aber auch für Geübte kaum zu erkennen.»