Unseriöses Hilfswerk
Getäuschte Spender: Ihr Geld versickerte in einer Stiftung – jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft

Sergej Gerasjuta meinte es gut. Er sammelte Geld für Menschen in Not. Doch nur ein kleiner Teil kam bei ihnen an. Nun sitzt er in U-Haft.

Andreas Maurer
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In der Kritik: Sergej Gerasjuta 2015 in der Sendung «Kassensturz».

In der Kritik: Sergej Gerasjuta 2015 in der Sendung «Kassensturz».

SRF Screenshot

Er sieht sich als Wohltäter. Der 51-jährige Ukrainer Sergej Gerasjuta hat eine Stiftung mit Sitz in Zürich gegründet, die er nach sich selber benannt hat. SOS Gerasjuta, heisst sie. Sie hat den Zweck, bedürftigen Menschen in der Ukraine zu helfen.

Zuoberst auf seiner Website hat Gerasjuta ein Zitat von sich selber gestellt. Es lautet:

«Werden Sie zum Lebensretter und auch Ihr Leben wird dadurch sinnvoller und reicher.»

Die Zeilen haben eine unfreiwillige Doppeldeutigkeit. Gerasjutas Leben wurde durch seine Stiftung tatsächlich reicher. Als Geschäftsführer zahlte er sich einen Jahreslohn von netto rund 100'000 Franken aus. Wie sinnvoll seine Tätigkeit aber war, ist umstritten.

Vom Wohltäter zum Täter?

Die Zürcher Staatsanwaltschaft sieht Gerasjuta nicht als Wohltäter, sondern als mutmasslichen Täter. Am 20. Januar liess sie seine Wohnung durchsuchen und ihn festnehmen. Seither sitzt er in Untersuchungshaft. Er wird verdächtigt, gewerbsmässigen Betrug, ungetreue Geschäftsbesorgung, Geldwäscherei und weitere Delikte begangen zu haben. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Die Stiftung hat jährlich Spenden von bis zu einer Million Franken eingenommen. Das Fundraising betrieb sie über emotionale Bettelbriefe. Eine Partnerstiftung in der Ukraine fotografierte verletzte Menschen, zum Beispiel mit schweren Verbrennungen, und schrieb in deren Namen handgeschriebene Briefe auf Deutsch. Diese wurden persönlich adressiert an Telefonbucheinträge in der Schweiz. Die Empfänger erhielten so den Eindruck, sie würden einen persönlichen Brief eines Menschen in grösster Not erhalten und könnten diesem mit dem beigelegten Einzahlungsschein direkt helfen.

Die Stiftung SOS Gerasjuta sammelt Geld mit Einzelschicksalen.

Die Stiftung SOS Gerasjuta sammelt Geld mit Einzelschicksalen.

Facebook

Die notleidenden Menschen gab es zwar tatsächlich. Sie hatten meistens aber schon Hilfe erhalten. Das eingezahlte Geld war für ähnliche andere Fälle bestimmt.

Das Geld verschwindet im Verwaltungsapparat

Die fragwürdige Werbemasche ist das eine Problem. Das andere ist, dass nur ein Bruchteil der Spenden bei den Bedürftigen ankam. Gerade einmal 15 Prozent des Geldes floss in Hilfsprojekte. 85 Prozent ging für die Verwaltung der Stiftung drauf, etwa für die Lohnkosten des Geschäftsführers und von 15 Angestellten eines Partnerhilfswerks in der Ukraine.

Gerasjuta verteidigt im Strafverfahren die Verwaltungskosten mit zwei Argumenten. Erstens sei es bei einem kleinen Hilfswerk normal, dass der Anteil höher sei als bei einem grossen. Zweitens seien die in der Ukraine bezahlten Löhne auch als Wirtschaftshilfe zu betrachten. Dies widerspricht allerdings dem Zweck seiner Stiftung, der nicht etwa lautet, eine Partnerstiftung zu finanzieren.

Wie viel die anderen Hilfswerke für ihre Verwaltung ausgeben

Ein Vergleich der Verwaltungskosten der zehn grössten Schweizer Hilfswerke zeigt, dass diese stark variieren. Am grössten ist der Anteil bei Amnesty International Schweiz mit 32 Prozent des Betriebsaufwands, der für Fundraising, Kommunikation und Administration verwendet wird. Am kleinsten ist der Anteil bei der Glückskette mit nur gerade einmal drei Prozent.

Die Verwaltungskosten der grössten Hilfswerke

in Prozent des Betriebsaufwands
Fundraising und Kommunikation
Administration
0102030Amnesty I.WWFRotes KreuzHeksCH BerghilfeHelvetasCaritasÄrzte o. G.HeilsarmeeGlückskette

Der Vergleich zeigt zudem, dass der Anteil der Verwaltungskosten nicht immer kleiner wird, je grösser die Organisation ist. Das Schweizerische Rote Kreuz gehört zum Beispiel mit Einnahmen von 126 Millionen Franken zu den grössten der Branche, generiert aber gleichzeitig auch einen beträchtlichen Verwaltungsaufwand von 15 Prozent.

Die Hilfswerke mit den grössten Einnahmen

Aufwand in Millionen Franken
0100200300Ärzte o. G.HeilsarmeeHelvetasRotes KreuzCaritasHeksGlücksketteWWFCH BerghilfeAmnesty I.

Das ist aber immer noch weit entfernt vom Grenzwert, der für das Gütesiegel Zewo gilt. Demnach dürfen die Verwaltungskosten höchstens 35 Prozent betragen. Und dies wiederum ist weit entfernt von den 85 Prozent bei SOS Gerasjuta.

Gewarnt wurde schon lange, doch die Aufsicht griff erst spät ein

Das Erstaunliche an der Geschichte des in Erklärungsnot geratenen Hilfswerks ist, wie lange es dauerte, bis die Stiftungsaufsicht endlich einschritt.

Schon im Jahr 1997 berichtete das Gesellschaftsmagazin «Quer» des Schweizer Fernsehens über die unseriösen Bettelbriefe, die Sergej Gerasjuta damals noch in anderer Organisationsform verschickte.

2009 gründete er schliesslich seine Stiftung. Die Konsumentenmagazine «Beobachter» und «K-Tipp» warnten umgehend davor. Aber erst im Jahr 2015, als auch der «Kassensturz» des Schweizer Fernsehens kritisch berichtete, schaltete sich die Eidgenössische Stiftungsaufsicht ein.

Danach dauerte es allerdings drei Jahre, bis diese einen Sachverwalter einsetzte, der die Kontrolle über die Stiftung übernahm. Wiederum ein Jahr verstrich, bis die Stiftungsaufsicht alle Sammeltätigkeiten verbot.

Die Stiftung half sich selbst

Die Aufsichtsbehörde schreibt in einer Verfügung, die Stiftung habe sich mit der Vermarktung von dramatischen Einzelschicksalen Vorteile im Spendenmarkt verschafft. Die beworbenen Direktleistungen habe sie aber nicht umgesetzt und dies den Spendern verschwiegen.

Der von der Stiftungsaufsicht eingesetzte Sachverwalter hat schliesslich die Strafanzeige gegen Gerasjuta eingereicht. Er schreibt in einem Bericht, die Stiftung hätte nicht so viele Spenden sammeln können, wenn die Spender gewusst hätten, dass von einem investierten Franken nur 15 Rappen bei hilfsbedürftigen Personen ankommen. Ein grösserer Anteil sei auf dem Lohnkonto von Gerasjuta und seiner Halbschwester gelandet. Die Spenden hätten vor allem dazu gedient, die «Sammlungsmaschinerie» am Laufen zu halten.

Opfer einer Verschwörung?

Gerasjuta selber beschreibt sich in einer Mitteilung als Opfer einer Verschwörung. Die Schweizer Justiz würde seine Stiftung «killen», weil er als Ausländer im hiesigen Spendenmarkt nicht willkommen sei. Er sei nicht genehm, weil er sich nicht dem Diktat der Zertifizierungsstelle Zewo unterwerfen wolle.

Bis vor Bundesgericht hat er dafür gekämpft, aus der Untersuchungshaft entlassen zu werden. Ohne Erfolg. Das höchste Gericht weist seine Beschwerde hauptsächlich aus drei Gründen ab. Die umfangreiche Strafuntersuchung befinde sich erst am Anfang, die mutmasslichen Wirtschaftdelikte seien schwerwiegend und es bestehe Verdunkelungsgefahr.

So sitzt er derzeit in seiner Zelle und sieht sich noch immer als Lebensretter. Doch sein Leben wird dadurch nicht mehr reicher.

So spenden Sie richtig

Es gibt einen einfachen Weg und einen aufwendigeren

Der einfache Weg: Achten Sie auf das Gütesiegel Zewo.

Der aufwendigere Weg: Klären Sie die wichtigsten drei Fragen selber ab.
1. Erhalten Sie aussagekräftige Informationen, wofür das Geld genau verwendet und wie das dokumentiert wird?
2. Finden Sie heraus, wer hinter der Organisation steht?
3. Hängt alles nur an einer Person oder besteht eine interne Kontrolle?