Radioaktive Wolke
Unsere Luftschutzkeller taugen oft nichts

Wie gut sind unsere Luftschutzkeller für einen Atom-Unfall gerüstet? Der Schweizer Zivilschutzverband weist auf gravierende Mängel hin.

Pirmin Kramer
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«Zieht eine radioaktive Wolke über ein Gebiet, dann macht es Sinn, sich für ein paar Stunden in den Schutzraum zu begeben», sagt Pascal Aebischer vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz. «Denn dort ist man vor Strahlung 50- bis 100-mal besser geschützt als im Freien.»

Doch ob die Menschen im Notfall tatsächlich in einem Schutzbraum Unterschlupf finden würden, ist zweifelhaft. «Derzeit wäre bei einem kurzfristigen Notfall nur jeder zweite Schutzraum in der Schweiz bezugsbereit», schätzt Franco Giori, Vizepräsident des Schweizerischen Zivilschutzverbandes. Die Räume seien häufig so überstellt, dass es nicht möglich wäre, sie in 24 Stunden zu räumen. «Das bedeutet, dass etwa im Fall eines Super-GAUs in der Schweiz für Millionen Menschen die Gefahr besteht, nicht rechtzeitig Unterschlupf in einem Schutzraum zu finden.»

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz beurteilt dies anders: «Wir gehen davon aus, dass man in den meisten Schutzräumen für ein paar Stunden genug Platz finden würde, obwohl manche sicher ziemlich überstellt sind», sagt Pascal Aebischer. In der Schweiz gebe es mehr Schutzplätze als Menschen. Doch diese sind ungünstig verteilt - an manchen Orten stehen zu viele, an anderen zu wenige Plätze zur Verfügung. «Manche Gebiete, vor allem in Innenstädten und in Randregionen, weisen noch Lücken auf», sagt Aebischer.

Zivilschutzverbands-Mitglied Giori weist ausserdem auf die Problematik hin, dass viele der Räume nicht ausreichend schützen würden. «Sehr vorsichtig geschätzt sind derzeit 10 Prozent aller Schweizer Zivilschutzräume in einem kurzfristigen Notfall unbrauchbar, vermutlich ist die Zahl beträchtlich höher.» Denn bei manchen lasse sich nicht einmal die Türe schliessen. «Bei anderen sind die Dichtungen bei den Türen alt und brüchig, oder die Luftfilteranlage funktioniert nicht.»

Im Falle eines Nuklearunglücks wäre ausserdem problematisch, dass in alten und kleinen Schutzräumen oftmals keine Luftfilteranlage vorhanden sei, welche für saubere Atemluft im Raum sorgen würde.

Nationalrat Theophil Pfister (SVP/SG) findet es nicht sinnvoll, die Menschen in einem Fall eines GAUs in kleine isolierte Bunker zu schicken. «Die Menschen sollten in so einem Fall besser flüchten.» Im Schutzraum sei man extrem schlecht über die Lage und über konkrete Massnahmen informiert.

Pfister setzte sich im Parlament dafür ein, die Schutzraum-Baupflicht für Private aufzuheben - diese sei ein «antiquiertes Ärgernis, also nicht mehr zeitgemäss». Der Nationalrat stimmte der Baupflicht-Aufhebung letzte Woche mit 82 zu 68 Stimmen zu. Im Zusammenhang mit diesem Entscheid spricht Gio-ri vom Schweizerischen Zivilschutzverband von einem «Schlag ins Gesicht».