Bahnverkehr

Unpünktliche SBB? So schummeln sich unsere Nachbarländer ihre Zug-Verspätungen schön

Schweizer Züge hatten zuletzt vermehrt Verspätungen. Doch wie pünktlich sind sie im Vergleich zum Ausland? Wir haben dies nachgeprüft.

Schweizer Züge hatten zuletzt vermehrt Verspätungen. Doch wie pünktlich sind sie im Vergleich zum Ausland? Wir haben dies nachgeprüft.

Die Schweiz ist der Inbegriff von Pünktlichkeit. Nun haben die SBB erstmals zugegeben, dass sie ein Problem mit Verspätungen haben. Doch wie steht es eigentlich in anderen Ländern um die Pünktlichkeit? Der Blick über die Grenze zeigt: Es ist alles eine Frage der Messmethode.

Die Pünktlichkeit der Schweizer Züge gilt als legendär. In den vergangenen Jahren ist sie tendenziell sogar noch gestiegen. Doch 2018 kamen weniger Kunden pünktlich an als im Jahr zuvor - nämlich noch 90,1 Prozent.

Auf der Paradestrecke Zürich–Bern, in der Romandie und im Tessin war die Lage zeitweise sogar «unbefriedigend», wie die SBB unterdessen selbst einräumen mussten.

Zusätzlich zu schaffen macht dem Bahnkonzern, dass dank privater Plattformen jetzt detaillierte Pünktlichkeitswerte zu einzelnen Strecken verfügbar sind. Jetzt wird transparent, wenn die Realität nicht so gut aussieht, wie es die SBB gerne hätten.

SBB versprechen Besserung

Nun hat die Konzernleitung reagiert, wie Informationen von CH Media zeigen: Die SBB-Spitze hat eine Reihe von Massnahmen eingeleitet, um die Probleme mit der Pünktlichkeit in den Griff zu bekommen. So hat sie etwa eine Expertengruppe eingesetzt, die «konkrete Handlungsempfehlungen zur Sicherstellung der Pünktlichkeit» vorschlagen soll. Über die Bücher gehen die SBB auch bei der Information der Kunden.

Die Ansprüche hierzulande sind hoch. Allein: Trotz der jüngsten Abstriche sind die Schweizer bei der Pünktlichkeit weiterhin sehr verwöhnt – das zeigt gerade der Blick ins nahe Ausland.

Die Schweiz gelte als «Bahn-Musterländle», schwärmte die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» erst kürzlich. «Wenn ein Zug in der Eidgenossenschaft auch nur ein oder zwei Minuten später als geplant im Bahnhof eintrifft, blicken die am Gleis Wartenden sogleich ungeduldig und ungläubig auf die Uhr.»

Wie berechnen andere Bahnen die Pünktlichkeit? Der Blick in drei Nachbarländer:

Deutschland: Anhaltende Probleme

Der Vergleich mit Deutschland ist aus Schweizer Sicht in vielerlei Hinsicht interessant. Nicht nur, weil die Schweizer im Durchschnitt doppelt so viel Zug fahren wie die Deutschen. Auch bei Pünktlichkeitsmessungen sind die SBB deutlich strenger als die Deutsche Bahn.

Im nördlichen Nachbarland gilt ein Zug noch als pünktlich, wenn er 5 Minuten und 59 Sekunden verspätet ist. Erst ab sechs Minuten wird er als unpünktlich gewertet. In der Schweiz ist ein Zug bereits unpünktlich, wenn er mehr als drei Minuten verspätet ist.

Ein ICE-Zug der Deutschen Bahn.

Ein ICE-Zug der Deutschen Bahn.

Im Jahr 2018 mussten auch Kunden der Deutschen Bahn häufiger mit unpünktlichen Zügen rechnen als in den Jahren zuvor – wobei die Werte deutlich unter jenen der Schweiz lagen. Unzuverlässig war vor allem der deutsche Fernverkehr: Im Jahresdurchschnitt erreichten nur 74,9 Prozent der ICE, Intercitys und Eurocitys ihre Ziele pünktlich, so Angaben der Deutschen Presse-Agentur.

Frankreich: Verschiedene Massstäbe

Frankreich ist stolz auf seine Staatsbahn SNCF und sein Netz mit Hochgeschwindigkeitszügen. Die 600 Kilometer lange Strecke von Paris nach Bordeaux legen Passagiere etwa in gut zwei Stunden zurück. Im Regelbetrieb beträgt die Höchstgeschwindigkeit eines TGV bis zu 320 Stundenkilometer.

Bei der Messung der Pünktlichkeit setzen die Franzosen auf ein abgestuftes Modell: Bei Fahrten von weniger als 90 Minuten gilt ein TGV als verspätet, wenn er mehr als fünf Minuten nach seiner geplanten Ankunft eintrifft. Bei Fahrten von 90 bis 180 Minuten gelten 10 Minuten als Massstab, bei Fahrten von mehr als 180 Minuten schliesslich 15 Minuten.

Der TGV verkehrt mit bis zu 320 Stundenkilometern.

Der TGV verkehrt mit bis zu 320 Stundenkilometern.

In den vergangenen Jahren vermeldete die Staatsbahn bei der Pünktlichkeit oft Einbussen. Zwischen 2014 und 2017 gab es Verschlechterungen in fast allen Streckenkategorien.

Im TGV-Fernverkehr sank der Anteil der pünktlichen Züge innert drei Jahren von 90 auf knapp 85 Prozent. Diesen Monat folgte dann eine gute Nachricht: Im ersten Quartal 2019 stieg die Pünktlichkeit der TGV auf 91,4 Prozent – laut SNCF-Angaben der beste Wert seit dem Jahr 2014.

Österreich: Hohe Pünktlichkeit

Österreich ist einwohnermässig ein wenig grösser als die Schweiz, mit 1,3 Millionen Passagieren pro Tag sind in den beiden Ländern jedoch ähnlich viele Menschen im Zug unterwegs. Auch in der Alpenrepublik wird gerne und kontrovers über die Pünktlichkeit der Eisenbahn diskutiert. Die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) sind ebenfalls stolz, zu den pünktlichsten Bahnen Europas zu gehören. Schlagzeilen wie «Fast alle ÖBB-Personenzüge waren im ersten Halbjahr pünktlich» gehören zur Tagesordnung. Allerdings: In Österreich wird die 5-Minuten-Pünktlichkeit herangezogen, der Massstab ist also nicht so streng wie in der Schweiz. Ein direkter Vergleich der Werte ist deshalb wiederum nicht möglich.

Zum Angebot der ÖBB gehören auch Nachtzüge.

Zum Angebot der ÖBB gehören auch Nachtzüge.

Im Jahr 2018 kamen rund 96 Prozent der österreichischen Reisezüge pünktlich an. Auf einer Website informieren die ÖBB monatlich über die aktuellen Pünktlichkeitswerte, auf Wunsch auch für einzelne Bundesländer.

Nachdem die Pünktlichkeit im Januar dieses Jahres auf 92,9 Prozent fiel, kletterte sie bis im März wieder auf 96,1 Prozent.

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Autor

Sven Altermatt

Sven Altermatt

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