Renzo Ruf, Washington/a-z.ch

Er kann es nicht lassen. Erneut hat der libysche Herrscher Muammar al-Gaddafi seinem Drang zur Provokation nachgegeben und bei seinem ersten Auftritt vor der UNO-Vollversammlung in New York eine 90-minütige Brandrede gehalten. Ziel seiner Polemik war allerdings nicht, wie im Vorfeld häufig befürchtet, die Schweiz - der angebliche «Sponsor des Terrors», den Gaddafi gerne zerschlagen möchte.

Vielmehr richtete sich seine Kritik gegen den UNO-Sicherheitsrat und gegen die Grossmachtpolitik der fünf ständigen Mitglieder USA, Grossbritannien, Frankreich, Russland und China. In einer langfädigen Rede, die das ihm zugedachte Zeitkontingent von 15 Minuten weit überschritt, klagte Gaddafi das angeblich diktatorische Vetorecht der fünf Staaten an. «Wir akzeptieren dies nicht», donnerte er wiederholte Male.

Denn gemäss der 1945 verabschiedeten UNO-Charta seien allen Mitgliederstaaten die gleichen Rechte zugedacht. Zum Beweis blätterte er mehrmals in dem Büchlein, und zerriss auch einige Seiten, wie der «Tages Anzeiger» in seiner heutigen Ausgabe schreibt. Gaddafi sprach sich dafür aus, den kleinen Staaten genauso viel Macht einzuräumen wie den Grossmächten. Dabei warf er der Uno vor, ihre eigene Charta zu brechen, wo alle Länder als gleichberechtigt bezeichnet werden. Die Vereinten Nationen würden aber von einigen wenigen Ländern dominiert. «Das akzeptieren wir nicht, und das erkennen wir nicht an», sagte er sichtlich erregt, hielt ein Exemplar der Charta hoch und zerriss einige Seiten. Die Besetzung des Uno-Sicherheitsrats mit Nuklearmächten sei «Terrorismus». «Er sollte nicht Sicherheitsrat heissen, er sollte Terrorrat heissen», sagte Qadhafi.

Eine Aufstockung des Gremiums um neue Vetomächte wie Deutschland oder Japan komme nicht infrage, sagte er. «Wir sagen bei uns: Wenn man mehr Wasser beigibt, gibt es mehr Matsch.» Stattdessen schlug der Diktator vor, solle der Sicherheitsrat aus Vertretern verschiedener Kontinente zusammengesetzt werden, damit auch afrikanische oder südamerikanische Staaten am Tisch der Mächtigen versammelt seien.

Neue Ermittlungen zum JFK-Attentat

Ein Vorschlag, der sicherlich debattierwürdig wäre; allerdings ist es zweifelhaft, ob Gaddafis weitschweifende und mit häufigen Ausfällen gespickte Rede der richtige Weg war, um diese Diskussion anzustossen. Im UNO-Versammlungssaal jedenfalls schüttelten zahlreiche Delegierte den Kopf, je länger Gaddafi sprach - beispielsweise als er aufgrund der Terrorangst in New York eine Verschiebung des UNO-Hauptsitzes nach Peking oder Delhi vorschlug. Oder als er neue Ermittlungen gegen den «Israeli» Jack Ruby forderte, der 1963 den Mörder von John F. Kennedy getötet hatte. «Darf ich um Ihre Aufmerksamkeit bitten», musste Gaddafi einmal gar sagen. Bisweilen war für die Verwirrung aber auch der Übersetzer verantwortlich, der mit dem Redestil des Revolutionsführers zunehmend Mühe hatte.

Lob für «Afrikas Sohn» Obama

Komplimente setzte es hingegen für Barack Obama ab, der unmittelbar vor Gaddafi gesprochen hatte. Der libysche Revolutionsführer nannte ihn «unseren Sohn», da Obamas Vater aus Kenia stammt. Der US-Präsident hatte zu diesem Zeitpunkt allerdings bereits den Raum verlassen. Gaddafi hatte auch lobende Worte für den Inhalt von Obamas Rede übrig, dem ersten Auftritt des US-Präsidenten vor der UNO-Vollversammlung. Darin war der Präsident vom generellen Führungsanspruch seines Landes dezidiert abgerückt. Obama: «Diejenigen, die früher Amerika für Alleingänge gerügt haben, können nun nicht einfach nur darauf warten, dass Amerika die Probleme der Welt allein löst.» Obama forderte die Weltgemeinschaft auf, gemeinsam Frieden im Nahen Osten zu schaffen und Nordkorea und Iran zur Aufgabe ihrer Atomwaffenprogramme zu bewegen. Irans Präsident Machmud Achmadinedschad hörte diesen Ausführungen mit unbewegtem Gesicht zu. Seine Replik am Rednerpult erfolgte nach Redaktionsschluss.