Die Debatte dauerte so lange, dass nicht alle bis zum Schluss blieben. Im April versammelte sich die Philosophisch-Naturwissenschaftliche Fakultät der Universität Basel – und stritt. Denn die Universität Basel soll eine Stiftungsprofessur für Komplementärmedizin erhalten, bezahlt aus anthroposophischen Kreisen. Der Entscheid ist gefällt, nur öffentlich kommuniziert ist noch nichts. Im Juni hat das Rektorat den Naturwissenschafter Carsten Gründemann formell mit einer auf zunächst fünf Jahren befristete Assistenzprofessur für «translationale Komplementärmedizin» gewählt.

Der Entscheid ist bei den Naturwissenschaftern hoch umstritten. Aus dem vorliegenden Rektoratsbeschluss geht hervor, dass in der Fakultätsversammlung nach der hitzigen Diskussion mit 34 Mitgliedern zwar eine Mehrheit für die Berufung stimmte, doch ein Wissenschafter votierte dagegen und 21 enthielten sich der Stimme. Das ist aussergewöhnlich, wie ein Abgleich mit ähnlichen Berufungen in den vergangenen Jahren zeigt. Diese Entscheide fallen in der Regel einstimmig; vereinzelt gibt es wenige Gegenstimmen oder Enthaltungen.

Seit Jahren versucht die anthroposophische Medizin universitäre Weihen zu erhalten, indem sie Lehrstühle finanziert.

Seit Jahren versucht die anthroposophische Medizin universitäre Weihen zu erhalten, indem sie Lehrstühle finanziert.

Doch die Universität will verhindern, dass gegen aussen der Eindruck eines Konflikts entsteht. Die Berufung ist zwar faktisch erfolgt, die Vertragsformalitäten sind aber noch nicht bereinigt. Deshalb ist unklar, wann Gründemann seine Lehr- und Forschungstätigkeit in Basel aufnimmt. Besonders für Wissenschafter am Biozentrum ist die Stiftungsprofessur eine Provokation. Damit wird ein medizinisches Verständnis in ihre Nähe gerückt, das auch der Eurythmie oder Globuli-Kügelchen heilende Wirkung zuschreibt. Gut unterrichte Quellen berichten von «sehr breitem Unmut» und «Ärger» gegenüber der von Anthroposophen gestifteten Professur.

Allerdings getrauen sich die Gegner nicht, ihre Haltung öffentlich zu machen. Einer der uni-internen Kritiker wollte sich gegenüber dieser Zeitung zuerst äussern; kurz darauf sagte er ab und verwies auf das Dekanat. Dekan Martin Spiess teilt auf Anfrage mit: «Das Thema Komplementärmedizin wird an der Universität – wie auch in der Gesellschaft – debattiert und es sind nicht alle einer Meinung, was in der Fakultätsversammlung in etlichen Enthaltungen Ausdruck fand.»

Komplementärmedizin steht im Gegenwind

Deutlicher äussert sich Christoph Meier, Departementsleiter der Pharmazie: «In gewissen Forschungszweigen der naturwissenschaftlichen Fakultät besteht eine generelle Skepsis zumindest gegenüber Teilen der Komplementärmedizin. Sie sehen diese als nicht vereinbar mit der naturwissenschaftlichen Forschung.» Sein Departement stehe jedoch hinter der Professur.

Meier sagt: «Indem die Professur in den Forschungsbetrieb eingebunden wird, bieten wir keine Hand zur Scharlatanerie.» Für ihn spielen auch pragmatische Gründe eine Rolle. Für Pharmazeuten und Mediziner gehöre Komplementärmedizin zum Tagesgeschäft. Entsprechend wichtig sei es, dass diese ebenfalls nach wissenschaftlichen Standards erforscht würden.

In der Schweiz übernehmen die Krankenkassen ärztliche Leistungen im Bereich der anthroposophischen Medizin, der traditionellen chinesischen Medizin, der Homöopathie und der Phytotherapie. Das beschlossen die Stimmbürger 2009 in einer Volksabstimmung. Doch was eine Vielzahl von Menschen als heilsam empfindet, lässt sich wissenschaftlich kaum oder nicht belegen. Das trifft insbesondere auf die Homöopathie zu. Der Wind hat jedoch gedreht, einige Länder ziehen nun bereits die Reissleine. Frankreich hat der Homöopathie den Status einer anerkannten Therapieform aberkannt, in Deutschland läuft die Diskussion in die gleiche Richtung.

Eine Mäzenin, umtriebige Stiftung und Hersteller geben Geld

Mit der Basler Stiftungsprofessur setzt die anthroposophische Lobby einen Meilenstein. Seit Jahren versucht die anthroposophische Medizin universitäre Weihen zu erhalten, indem sie Lehrstühle finanziert. Ihre Medizin sieht sich dabei als «Erweiterung» zur gängigen Schulmedizin. Krankheiten werden nicht als zufällig auftretende Fehlfunktionen verstanden. Vielmehr gelten sie als Prozesse, «die als körperliche oder seelische Störung oder Veränderung auftreten, wenn die Wechselbeziehungen zwischen Körper, Geist und Seele eines Patienten nicht mehr harmonisch ineinander greifen». Kritiker sagen: Dieses Konzept vermenge Wissen und Glauben. Wie steht der gewählte Carsten Gründemann zu diesem Vorwurf?

Auf Anfrage verweist er auf den nicht abgeschlossenen Berufungsprozess. Bevor nicht alle Formalitäten geregelt seien, nehme er keine Stellung. Dabei zielt die in Basel laut gewordene Kritik nicht auf seine Person – sondern auf seinen künftigen Lehrstuhl. Gründemann, der heute an der Universität Freiburg (D) im Zentrum für Naturheilkunde arbeitet, geht an der Universität Basel bereits ein und aus. Von Freiburg aus betreut er ein Forschungsprojekt, an dem sich die Universitäten Basel und Zürich beteiligen und das vom Nationalfonds mit 1,3 Millionen Franken unterstützt wird. Dabei untersucht er die Wirksamkeit von Phytopharmaka bei psychischen Problemen in Schwangerschaften. In seiner Forschung widmet er sich primär der Wirksamkeit von anthroposophisch entwickelten Medikamenten – auch von Weleda.

Die Firmenstiftung der deutschen Software AG ist eine der treibenden Kräfte der «Akademisierung anthroposophischer Therapieformen». Dieses Ziel weist sie auf ihrem Stiftungsportal aus. Dabei soll die anthroposophische Medizin «auf Augenhöhe und im Austausch zur konventionellen Schulmedizin diskursfähig» gemacht werden. Nach eigenen Angaben hat die Stiftung dazu bereits elf Habilitationen von Anthroposophie-nahen Medizinern finanziert und mit Millionen zur Schaffung von Stiftungsprofessuren beigetragen. Dies vor allem in Deutschland, aber auch in der Schweiz. So gehört sie zu den Geldgebern der Basler Stiftungsprofessur, ist aber auch bei einer entsprechenden Stiftungsprofessur involviert, die geräuschlos vor fünf Jahren an der Universität Bern eingerichtet worden ist.

Dass die Software AG in Basel mitfinanziert, zeigen die Verträge der Stiftungsprofessur für Komplementärmedizin, die diese Zeitung einsehen konnte. Daraus geht hervor, dass der Lehrstuhl für fünf Jahre gesichert und mit drei Millionen Franken alimentiert ist. Die grösste Geldgeberin ist die in Basel bestbekannte Mäzenin Beatrice Oeri. Sie finanziert über die zuvor nicht in Erscheinung getretene Stiftung Metsi die Stiftungsprofessur mit einer Million Franken. Nächst-grösster Geldgeber ist der anthroposophische Kosmetik- und Pharmakonzern Weleda mit 575 000 Franken, gefolgt von der erwähnten Software AG (550 000 Franken). Wirtschaftliche Interessen verfolgt auch die Wala Heilmittel (Dr. Hauschka-Produkte), die 100 000 Franken beisteuert. Die restlichen 575 000 Franken bringen weitere anthroposophische Institutionen auf.

Die Unterlagen zeigen auch, dass die Basler Professur eine Zangengeburt war. Sie hätte bereits früher etabliert und «Stiftungsprofessur für integrative und anthroposophische Medizin» heissen sollen. Das «anthroposophisch» ist nun aber aus dem Titel gestrichen und durch das unverdächtige «translationale Komplementärmedizin» ersetzt.

In der umständlich formulierten Präambel der Stiftungsverträge rechtfertigt die Universität Basel die Schaffung des Lehrstuhls damit, dass es von Volk und Gesetzgeber erwünscht sei, Komplementärmedizin zu erforschen und zu lehren. Erst am Ende heisst es, dass der Lehrstuhl sich an das anthroposophische Modell zu halten habe. Schliesslich sei die anthroposophische Medizin als «Prototyp» für eine integrative Medizin anzusehen.

Das Goetheanum ist das Zentrum der Anthroposophen.

Das Goetheanum ist das Zentrum der Anthroposophen.

Basel im Zentrum von Pharma und Steiner-Bewegung

Die sperrige Formulierung im Vertrag zeigt das Dilemma der Universität Basel. Mit der Forderung mehr Drittmittel zu generieren, kann sie sich kaum verweigern, wenn drei Millionen Franken für eine Stiftungsprofessur bereitliegen. Gleichzeitig kann sie sich keine gespaltene Fakultät leisten, in der sich Mitglieder um den wissenschaftlichen Ruf sorgen.

Die Basler Uni ist in dieser Sache besonders gefordert: Die Stadt ist nicht nur ein weltweites Zentrum der Pharmaindustrie. Vor ihren Toren liegt in Dornach auch das weltweite Zentrum von Rudolf Steiners Anthroposophie-Bewegung. Deshalb ist wohl nur in Basel möglich, dass mit Mäzenin Oeri – deren geerbtes Vermögen aus Roche-Aktien besteht – der Lehrstuhl der Anthroposophen massgeblich finanziert wird.