Mit 18 Jahren entschied Kilian Karrer, wie sein Leben bis zum Tod verlaufen sollte. Er hatte als Gast zwei Wochen im Kloster Mariastein verbracht und danach nur noch einen Wunsch. Er wollte Mönch werden. Er erledigte die letzten Aufgaben seines bisherigen Lebens, Matur und Militär, und trat mit 19 ins Kloster ein. Mit 23 legte er die ewige Profess ab. Er gelobte, nach der Regel des heiligen Benedikts das ganze Leben zölibatär im Kloster zu verbringen, und verpflichtete sich zu Gehorsam gegenüber der Gemeinschaft und der klösterlichen Obrigkeit. Im Gegenzug garantierte das Kloster, für ihn zu sorgen, auch wenn er alt, krank und schwach werden sollte.

Heute, drei Jahrzehnte später, sucht Karrer nach Worten, um seinen damaligen Entscheid zu erklären. Er habe eine normale Pubertät durchlebt, aber ja, er sei in der Schulzeit ein Aussenseiter gewesen. Seine Interessen: Geschichte, Bücher und klassische Musik. Im Kloster liebte er die gregorianischen Gesänge, die Arbeit in der Sakristei und die fixen Tagesstrukturen. Er arbeitete sieben Tage die Woche, von früh morgens bis spät abends, und absolvierte mehr als das Doppelte einer 42-Stunden-Woche. Er war einer der Engagiertesten und mit seinen 51 Jahren einer der Jüngsten. Zudem genoss er ein hohes Ansehen. Er war einer der Mönche, die zum Priester geweiht wurden und Gottesdienste leiteten. Umso grösser war der Schock, als Karrer sich outete.

Frauenbesuch im Kloster

Vor zwei Jahren lernte der Benediktinermönch die Frau kennen, die sein Leben aus den klösterlichen Strukturen werfen sollte: Natascha Imark, die Sakristanin der katholischen Kirche von Witterswil SO, einem kleinen Dorf in der Nähe des Klosters. Die Sakristanin lebte im Pfarrhaus und war für den Unterhalt der Kirche sowie die Vorbereitung der Gottesdienste zuständig. Zum Beispiel schlug sie dem Priester jeweils das liturgische Buch an der richtigen Stelle auf. Kilian Karrer war der Seelsorger des Sakristanen-Verbands der Region Basel. So kreuzten sich ihre Wege.

Sie besuchte ihn fortan im Kloster, wo sie durch den Garten spazierten und er sie in die Geheimnisse der liturgischen Bücher einführte. Der Mönch und die Sakristanin führten eine platonische Liebesbeziehung. Sie seien damals nie intim geworden und hätten höchstens mal im Versteckten Händchen gehalten, sagen sie.

Anderthalb Jahre lebte Pater Kilian mit seinem Geheimnis. Im Januar dieses Jahres weihte er seine Mitbrüder ein. Die Männergemeinschaft verarbeitete den Ausnahmezustand auf ihre ganz eigene Art: mit Schweigen. Im Februar verliess Karrer das Kloster, zog nach Witterswil und reichte einen Antrag für Exklaustration ein. Mit diesem Verfahren, das sechs Monate bis drei Jahre dauert, wird der Austritt vorbereitet. In dieser Zeit lebt ein Mönch ausserhalb des Klosters, ist aber weiterhin an sein Gelübde gebunden. «Es ist wie die Bewährungsfrist beim Austritt aus einem Gefängnis», sagt Karrer. Die Klosteroberen legen die Bewährungsauflagen fest. Sie sagen, wo der Mönch wohnen und was er arbeiten darf. Das Ziel des Klosters ist, dass der Bruder in dieser Zeit wieder andere Interessen als die menschliche Liebe sowie den Weg zurück zur Gemeinschaft findet.

Im April erhielt Karrer den Indult, den Gnadenverweis, des Schweizer Benediktiner-Verbands. Darin wurde ihm mitgeteilt, dass der Prozess in seinem Fall drei Jahre dauern werde. Denn der Schriftenverkehr geht bis nach Rom. Karrer hätte also drei Jahre lang nicht mit seiner Geliebten zusammenleben dürfen.

Aus dem Pastoralraum Solothurnisches Leimental erhielt er ein Angebot. Man stellte ihm eine Anstellung als Pastoralraum-Assistent in Aussicht. Doch auch dafür hätte er zuerst die dreijährige Frist abwarten müssen. Bevor die Situation mit dem Kloster nicht geklärt sei, komme eine Anstellung nicht infrage, liess der Bischof verlauten.

Auch für sein Liebesproblem wurde ihm eine katholische Lösung angeboten: Er hätte im Pfarrhaus leben dürfen und seine Frau als Haushaltsangestellte deklarieren können.
Für das Paar kam eine Scheinlösung nicht infrage. Die beiden wollten heiraten, um ihren Glauben gemeinsam leben zu können. Dazu sahen sie nur einen Weg: Sie konvertierten und traten der reformierten Kirche bei. Im Mai heiratete das Paar auf dem Zivilstandsamt und im Juni vor fast 80 Leuten an einem reformierten Gottesdienst.

Kilian und Natascha Karrer sitzen nebeneinander im Restaurant Landhuus in Witterswil. Er legt seinen Arm um ihre Schulter und streicht über ihre Bluse. Sie strahlt und sagt: «Es ehrt mich sehr, dass er für mich alles aufgegeben hat.» Doch ihre Augen füllen sich mit Tränen. Die beiden fanden ihr persönliches Glück, aber damit begannen die beruflichen Probleme.

Natascha Karrer erhielt einen eingeschriebenen Brief. Der Kirchenrat suspendierte sie teilweise von ihrem Amt. Sie bleibt Sakristanin, verliert aber ihre kirchlichen Aufgaben. Das heisst, sie darf eigentlich nur noch die Kirche putzen. Der Sakristanendienst war für sie mehr als ein Job, sie sah ihn als ihre Berufung. Sie engagierte sich stark für die katholische Kirche, einige warfen ihr vor, sie sei überengagiert. Nun könnte sie alles verlieren. Vor einem Monat fand in Witterswil eine Kirchgemeindeversammlung statt, an der sogar gefordert wurde, das Paar solle die Gemeinde verlassen.

Bei seinem Besuch in Genf pries Papst Franziskus die Ökumene. Doch in Witterswil ist eine Reformierte im Dienst der katholischen Kirche unerwünscht. Wie in vielen ähnlichen Fällen leidet auch bei den Karrers die Partnerin des Priesters noch mehr als er selber. Sie sagt: «Ich fühlte mich schuldig. Ich wurde als die Böse, die Verführerin, stigmatisiert.»

Ein fortschrittliches Bistum?

Der Fall zeigt, dass sich das Bistum Basel nicht so sehr vom Bistum Chur unterscheidet, wie man meinen könnte. Dort gab Marcel Köhle, der Priester von Brigels, am vergangenen Sonntag im Gottesdienst seine Demission bekannt. Auch er hatte sich in eine Frau verliebt. Im konservativen Bistum Chur dürfte es für ihn besonders schwierig werden, eine neue Stelle zu finden. Das Bistum Basel versucht sich hingegen progressiv zu positionieren und gibt an, den Betroffenen jeweils neue Lösungen anzubieten.

Natascha und Kilian Karrer sagen: «Die katholische Kirche hat sich in unserem Fall nicht darum bemüht, uns zu behalten.» Sie hätten zwar viele positive Rückmeldungen erhalten, aber wenig konkrete Unterstützung.

Wenn Fälle wie in Brigels und Mariastein publik werden, beginnt die Debatte um die Abschaffung des Zölibats stets von Neuem. Besonders intensiv geführt wird sie, wenn hohe Würdenträger wegen der Liebe ihr Amt verlieren wie 1995 beim Rücktritt des Basler Bischofs Hansjörg Vogel. Allein im Bistum Basel gab in jüngster Zeit alle zwei Jahre ein Priester sein Amt auf, weil er das Zölibat nicht mehr ausgehalten hatte. Die Personalprobleme verschärfen sich dadurch. Doch Veränderungen geschehen in der Kirche noch langsamer als in der Politik.
Selbst wenn das Zölibat dereinst abgeschafft werden sollte, wären die Probleme aus Karrers Sicht nicht gelöst. Auch die Obrigkeitshörigkeit im religiösen Bereich, die Hochstilisierung des Priesters, müsste beendet werden, fordert er.

Kilian Karrer möchte in zwei Jahren als reformierter Pfarrer arbeiten. Im Herbstsemester beginnt er dafür die Ausbildung an der theologischen Fakultät der Universität Basel. Derzeit hält er sich mit einem Teilzeitjob als Produktionsmitarbeiter einer Lampenfirma über Wasser. Zudem hat er sich beim Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum gemeldet.

Als eine der grössten Herausforderungen seines neuen Alltags empfindet Karrer die Bürokratie. Bisher kümmerte sich das Kloster um alles. Nun musste er zuerst ein Bankkonto eröffnen. Eine Tradition aus seinem alten Leben führt er allerdings fort. Mit seiner Frau betet er mehrmals täglich. Natascha und Kilian Karrer hoffen, ihr neues Leben werde eine gute Wendung nehmen.