Imame
Uni-Bildung gegen Extremismus

Zwar herrscht gemäss einer Nationalfonds-Studie ein breiter Konsens für eine Imam-Ausbildung in der Schweiz, doch das einzige konkrete Projekt liegt seit Jahren auf Eis.

Merken
Drucken
Teilen
Imam

Imam

Keystone

Karen Schärer

Behörden, Hochschulen, Rechtsexperten und Muslime, die in der Schweiz leben, sind sich einig: Imame und muslimische Religionslehrer sollen sich an Schweizer Hochschulen ausbilden können. Dies geht aus einer Untersuchung hervor, die der Schweizerische Nationalfonds gestern in Bern vorgestellt hat.

Heute bilden sich die in der Schweiz tätigen Vorbeter an Universitäten im Ausland aus. Viele werden von anderen Staaten in die Schweiz geschickt; häufig sind sie mit dem hiesigen Rechtssystem, den Sitten und Bräuchen nicht vertraut und beherrschen die Landessprachen nur schlecht. Die genaue Zahl der Imame in der Schweiz ist nicht bekannt; es gebe «mehrere Dutzend Vollzeit-Imame» sowie «etliche Dutzend Freizeit-Imame», hiess es an der Pressekonferenz. Für muslimische Religionslehrer wird in der Deutschschweiz ein privater Kurs angeboten.

Reimann: «Die Ausbildung allein reicht nicht»

Herr Reimann, es besteht offenbar ein breiter Konsens darüber, dass es wünschenswert wäre, wenn Imame in der Schweiz ausgebildet werden könnten. Was sagen Sie dazu?
Lukas Reimann: Ich fände das nicht schlecht. Es ist besser, wenn die Prediger hier ausgebildet werden, wo der Islam demokratisch und westlichen Werten verträglich gelehrt wird, als zum Beispiel in Riad in Saudi-Arabien. Auch die Imame, die heute in der Schweiz predigen, sollten zumindest einen Teil dieser Ausbildung absolvieren müssen.

Sie verlangten vom Bundesrat ein Prüfungsorgan und eine Bewilligungspflicht für Imame. Das lehnt der Bundesrat ab. Würde eine Ausbildung der Imame in der Schweiz nicht eine ebensolche Kontrolle garantieren?
Reimann: Die Ausbildung ist ein Schritt in die richtige Richtung, doch die Ausbildung allein reicht nicht. Es braucht auch eine permanente Überprüfung der predigenden Imame.

Warum?
Reimann: Es gibt viele Fälle von Imamen, die sehr radikal predigen. Das ist schlecht für die Integration, denn die Imame haben eine starke Wirkung auf Einwanderer.

Sollen die Behörden Spitzel in Moscheen schicken?
Reimann: Die Imame sollen natürlich nicht unbedingt merken, dass sie überprüft werden. Gibt es bei einer Moschee Anzeichen, dass ein Hassprediger am Werk ist, muss man diesen genau anschauen.

Lukas Reimann (27) ist St. Galler
SVP-Nationalrat.

Imame in der Schweiz sollen nach Vorstellung der Muslime nicht nur Vorbeter, sondern auch Seelsorger und Gemeindeleiter sein. Von einer Ausbildung im Land versprechen sich die Befürworter, dass die Imame auch stärker als Vermittler und Kontaktpersonen zur Öffentlichkeit auftreten könnten. Muslime wie auch andere befragte Experten äusserten die Hoffnung, dass eine Ausbildung für Imame in der Schweiz einen Schutz vor extremistischem Gedankengut garantiere.

Wer die Ausbildung finanzieren wird, ob es sich um eine Zusatzausbildung für im Ausland ausgebildete Imame oder um eine Imam-Ausbildung von Grund auf handeln wird - darauf gibt die Nationalfonds-Studie keine Antwort. «Die Wissenschaft hat die Meinungen erfasst; konkrete Massnahmen müssen politisch begründet sein», sagt Christoph Uehlinger, Professor am Religionswissenschaftlichen Seminar der Universität Zürich.

FDP, CVP, SP und Grüne befürworten im Grundsatz die Ausbildung von Imamen in der Schweiz. Die offizielle Haltung der SVP ist hingegen ablehnend: «In der Schweiz als christlichem Land kann es nicht angehen, dass staatliche Institutionen die Ausbildung der islamischen Vorbeter übernehmen», sagt Pressesprecher Alain Hauert und fügt an: «Die oftmals radikalfundamentalistische Grundeinstellung der Imame würde durch ein Studium im Inland nicht verändert.» Die SVP ist in dieser Frage aber gespalten; so fände etwa Nationalrat Lukas Reimann einen Studiengang für Imame gut.

Weiterbildungen ab diesem Herbst

Da die muslimischen Gemeinschaften in der Schweiz nach Einschätzung der befragten Musliminnen und Muslime finanziell schlecht gestellt sind, hoffen viele der Befragten auf eine finanzielle Beteiligung des Staates. Fehlende Transparenz bei den Finanzen könnte das Pionierprojekt der Uni Basel zum Scheitern bringen: Die privaten Geldgeber für eine Imam-Ausbildung bedingen sich ein Mitbestimmungsrecht aus; dies lehnt die Universität ab. Das Projekt liegt seit Jahren auf Eis. Diesen Herbst starten an der Universität Freiburg und an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Winterthur Weiterbildungskurse, welche sich u. a. an muslimische Betreuungspersonen richten und die Gegebenheiten in der Schweiz thematisieren.