Coworking-Arbeitsplätze

Ungewöhnlich: Sieben Nationalräte aus sieben Parteien unterstützen ein gemeinsames Projekt

Drei der sieben Unterstützerinnen: Lilian Studer (EVP, AG), Edith-Graf-Litscher (SP, TG) und Lars Guggisberg (SVP, BE).

Drei der sieben Unterstützerinnen: Lilian Studer (EVP, AG), Edith-Graf-Litscher (SP, TG) und Lars Guggisberg (SVP, BE).

Das gibt es selten bis nie: Parlamentarier aus sieben Parteien treiben gemeinsam ein Projekt voran. Sie wollen Coworking Spaces in den Regionen schaffen. Die Bundesverwaltung soll dafür Vorbild werden.

Das Postulat zur Förderung von regionalem Coworking ist ungewöhnlich. Sieben Nationalrätinnen und Nationalräte aus sieben Parteien haben es unterzeichnet. Sie wollen bis 2030 100'000 Coworking-Arbeitsplätze schaffen. Der Bundesrat soll in einem Bericht aufzeigen, wie er das erreichen will.

Sechs der sieben Parlamentsmitglieder sind 2019 neu gewählt worden: Gerhard Andrey (Grüne, FR), Corina Gredig (GLP, ZH), Lars Guggisberg (SVP, BE), Sidney Kamerzin (CVP, VS), Lilian Studer (EVP, AG) und Susanne Vincenz-Stauffacher (FDP, SG). Nur Edith Graf-Litscher (SP, TG) ist bereits seit 2005 Nationalrätin.

Die neuen Parlamentsmitglieder bringen eine erhöhte Bereitschaft mit zur überparteilichen Zusammenarbeit. «Für mich ist Politik keine Ein-Parteien-Angelegenheit», sagt Lars Guggisberg (SVP). «Wir müssen zusammenarbeiten.»

Nicht mehr alle sollen nach Zürich und Bern pendeln

Regionales Coworking ist für alle ein Anliegen. «Mir geht es darum, dass nicht alle nach Zürich oder Bern pendeln müssen», sagt Graf-Litscher, Koordinatorin des Vorstosses. «Ich will die Regionen stärken. Auch der Thurgau und das Engadin sollen die Möglichkeit von Coworking haben.» Das fördere die lokale Wertschöpfung, steigere die Lebensqualität und entlaste die Verkehrsinfrastruktur.

Als Geschäftsführerin des Blauen Kreuzes Aargau/Luzern habe sie zwar ihr fixes Büro, sagt EVP-Nationalrätin Studer. Sie wäre aber froh, könnte sie ihre politischen Arbeiten «in einem Coworking Space erledigen» - und müsste das nicht zuhause tun. Coworking Spaces boomen, spätestens seit der Coronakrise. Sie hat Home Office salonfähig gemacht – und Coworking ins Bewusstsein gerückt.

Die Coronakrise sorgte für ein massives Umdenken

Coworking Space am Impact Hub in Zürich.

Coworking Space am Impact Hub in Zürich.

«Noch vor drei Monaten sagten 90 Prozent der Unternehmen, Home-Office und Coworking kämen nicht in Frage», sagt Jenny Schäpper-Uster, Verantwortliche für das Coworking Ökosystem bei der Genossenschaft Villageoffice. Diese fördert vor allem ländliche Coworking Spaces. Dank der Coronakrise hätten aber die meisten Unternehmen gute Erfahrungen gemacht mit Home Office. «Und die meisten Mitarbeitenden möchten nicht mehr jeden Tag ins Büro pendeln.»

Nur im Home Office zu arbeiten sei aber nicht für alle eine gute Lösung, schreiben die Postulanten. «Oft fehlen der soziale Austausch, die professionelle Infrastruktur und eine Trennung von Berufs- und Privatleben.» Das ist in den 220 Coworking Spaces vorhanden, die es heute laut Villageoffice in der Schweiz gibt.

Villageoffice baut 80 leer stehende SBB-Bahnhöfe um

Alleine das Netzwerk von Villageoffice zählt 72 Standorte. Die Genossenschaft gestaltet in den nächsten drei Jahren im Auftrag der SBB auch 60 bis 80 leer stehende Bahnhöfe in Coworking Spaces um. Es brauche etwa 1000 Coworking Spaces, «damit jede Person in 15 Minuten mit dem Velo oder mit dem ÖV am Arbeitsplatz sein kann», sagt Jenny Schäpper.

Die Postulanten wollen 100'000 zusätzliche regionale Gemeinschaftsarbeitsplätze schaffen. Für den Aufbau der entsprechenden Coworking Spaces brauche es aber die Unterstützung der öffentlichen Hand, schreiben sie.

Uneinigkeit nur beim Geld

Wie diese Unterstützung aussehen soll, darin sind sie sich nicht einig. «Mir ist ganz wichtig, dass wir keine Steuergelder fordern», sagt SVP-Nationalrat Guggisberg. «Der Staat soll Private mit guten Rahmenbedingungen unterstützen, zum Beispiel mit der Raumplanung für die Umnutzung bestehender Gebäude.» SP-Nationalrätin Graf-Litscher hingegen glaubt, «dass vor allem in ländlichen Regionen finanzielle Mittel nötig sind, damit diese Projekte zum Fliegen kommen».

Von der Bundesverwaltung erwarten die Postulanten eine Vorbildfunktion. Mit einer Flexibilisierung der Arbeitsorte könne die Verwaltung 20 bis 40 Prozent der bestehenden Büroarbeitsplätze einsparen, glauben sie. Die frei werdenden Flächen könnten als regionale Coworking Spaces betrieben werden.

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Autor

Othmar von Matt

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