Seegrundstücke
Krummer Millionendeal am Ägerisee: Was für eine Rolle spielte die Regionalbank?

Der Verkaufserlös der Traumresidenz landete auf dem Sperrkonto einer Regionalbank. Hat diese die Herkunft der Gelder sorgfältig abgeklärt?

Kari Kälin
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Traumresidenz in Oberägeri hätte einen geschätzten Wert von 27 Millionen Franken, wurde aber für 16 Millionen verscherbelt.

Traumresidenz in Oberägeri hätte einen geschätzten Wert von 27 Millionen Franken, wurde aber für 16 Millionen verscherbelt.

Bild: Getty

Die Eltern von Sybille B. und Roland B. (alle Namen geändert) hinterliessen ein Vermächtnis: Die familieneigenen Seegrundstücke in Oberägeri, gehalten in Form einer Holding, sollen in Familienbesitz bleiben. Das hinderte Roland B. nicht daran, die Traumresidenz hinter dem Rücken seiner Schwester zu einem mutmasslich viel zu tiefen Preis zu veräussern (siehe Kasten). Seit dem 14. September 2017 ist ein lokaler Superreicher Besitzer der exklusiven Liegenschaft. Gegen Roland B. und seinen Vertrauten Marcel H. laufen Strafverfahren wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung. Sie hatten Sybille B. aus dem Verwaltungsrat der Tochtergesellschaften geworfen, um den Verkauf auf Biegen und Brechen durchzuziehen (wir berichteten).

Am 27. August 2019 gelang es Sybille B., ihren Bruder und Marcel H. aus dem Verwaltungsrat abzuwählen. Damit erlangte sie zwar wieder die Kontrolle über die Holding, doch die liquiden Mittel derselben waren gänzlich verschwunden.

14 Millionen Franken auf Konto abgezweigt

Zwei Monate vor Sybille B.s Machtübernahme verschoben Roland B. und Marcel H. den Verkaufserlös der Grundstücke – oder was davon übrig blieb, nämlich knapp 14 Millionen Franken – auf sogenannte Escrow-Konten bei einer Regionalbank. Dabei handelt es sich um eine Art Sperrkonto, über das ein Escrow-Agent verfügt, im vorliegenden Fall ein Anwalt aus dem Kanton Schwyz. Die Bedingungen für den Zugriff auf die Gelder diktierten Roland B. und Marcel H. Je 2,5 Millionen Franken lenkten sie überdies in eine Art private Kriegskasse zur Abwehr von Rechtsfällen.

Der krumme Millionendeal in Kurzform

Gegen Roland B. und seinen Vertrauten Marcel H. (alle Namen geändert) läuft ein Strafverfahren wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung. Seine Schwester Sybille B. wirft ihnen vor, eine Traumresidenz am Ägerisee im Kanton Zug, gehalten in Form einer Holding, hinter ihrem Rücken und ohne Berechtigung am 14. September 2017 zu einem viel zu niedrigen Preis veräussert zu haben. Der superreiche Käufer aus Oberägeri musste nur 16 Millionen Franken für fast 5000 Quadratmeter Land an exklusiver Lage hinblättern. Die Immobilienberatungsfirma Wüest Partner schätzt den Wert auf 27 Millionen Franken. (kä)

Entzug des finanziellen Sauerstoffs

Ein legitimer Zweck eines Escrow-Arrangements lautet: Man parkiert das Geld solange an einem sicheren Ort, bis eine zwischen zwei oder mehr Parteien vereinbarte Bedingung erfüllt wird. Im vorliegenden Fall aber haben Roland B. und Marcel H. mit sich selbst eine Bedingung abgemacht: Die Holding aufzulösen und die liquiden Mittel als vermeintliches Erbe zu verteilen. Doch dafür ist laut der Zuger Staatsanwaltschaft kein legaler Grund denkbar. Denn es ging nur darum, der Holding das Vermögen zu entziehen. Das Erbe war in Tat und Wahrheit längst verteilt. Die Eltern hinterliessen Roland und Sybille B. je 45 Prozent der Aktien, 10 Prozent gingen an Sybille B.s minderjährige Tochter Sandra.

Kurzum: Roland B. und Marcel H. entzogen der Holding den finanziellen Sauerstoff. Sie zimmerten mutmasslich bloss deshalb ein Escrow-Konstrukt, damit Sybille B. kein Geld mehr für rechtliche Schritte gegen sie haben und zu einem Vergleich Hand bieten würde.

Doch Sybille B. knickte nicht ein und zeigte die beiden stattdessen abermals an. Die Zuger Staatsanwaltschaft, das zeigen die Einvernahmeprotokolle und die Strafakten, dürfte gegen Roland B. und Marcel H. Anklage erheben wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung. Für sie gilt die Unschuldsvermutung. Ersonnen hat das Arrangement eine Anwaltskanzlei im Kanton Schwyz. Gegen den als Escrow-Agenten eingesetzten Anwalt ist eine Strafanzeige wegen Beihilfe zur ungetreuen Geschäftsbesorgung hängig.

Die Bank verweist auf das Bankgeheimnis

Eine Schlüsselrolle in der Escrow-Geschichte spielte eine Regionalbank. Das Finanzinstitut ermöglichte es Roland B. und Marcel H. letztlich, das Holding-Portemonnaie zu verstecken. Hat die Bank aktiv weggeschaut, als sie Hand bot für den Escrow-Deal?

Tatsache ist: Banken dürfen sich nicht an rechts- oder sittenwidrigen Geschäften beteiligen. Die Gesetzgebung zur Geldwäscherei verpflichtet sie zum Beispiel dazu, Hintergründe einer Transaktion abzuklären, wenn sie ungewöhnlich erscheinen. Dazu gehören auch Nachforschungen zum Zweck abgezogener Vermögenswerte. Eine Bank darf grundsätzlich kein Geld annehmen, wenn sie annehmen muss, dass es aus einem Verbrechen stammt.

Die Escrow-Verträge liegen CH Media vor. Daraus und aus den Strafakten geht hervor: Die Regionalbank wusste, dass sämtliche Vermögenswerte der Holding abgezogen würden und der Kontrolle der Gesellschaftsorgane entzogen würden. Sie wusste, dass Roland B. und Marcel H. bald aus dem Verwaltungsrat ausscheiden würden. Die Regionalbank wusste, dass Nachfolgerin Sybille B. damit faktisch handlungsunfähig werden würde. Erschienen der Regionalbank diese Fakten nicht ungewöhnlich? Weshalb hat sie bei Miterbin Sybille B. keine Abklärungen über die Hintergründe über die angeblich beabsichtigte Erbteilung gemacht?

Die Regionalbank nimmt mit Verweis auf das Bankkundengeheimnis keine Stellung zu diesen Fragen. Unserer Zeitung liegt ein bankinterner Bericht vor, in dem die Compliance- Abteilung prüfte, ob eine Verdachtsmeldung wegen Geldwäsche ans Bundesamt für Polizei nötig wäre. Die Regionalbank verneinte Verdachtsmomente. Allerdings klärte sie lediglich ab, ob Roland B. und Marcel H. zum Zeitpunkt, als die Escrow-Konten besiegelt wurden, im Handelsregister als zeichnungsberechtigte Verwaltungsräte fungierten. Und das taten sie im Juni 2019.

Rechtliches Nachspiel für involvierte Bank

Der Escrow-Deal könnte für die Regionalbank trotz intern festgestellter Unbedenklichkeit ein unangenehmes Nachspiel haben. Auch das Obergericht des Kantons Zug taxierte nämlich die Escrow-Konten als evident widerrechtlich. Der Entzug der

Vermögenswerte sei offensichtlich zu privaten Zwecken von Roland B. und Marcel H. erfolgt. Damit sei der Holding ein Schaden entstanden. War das nicht auch für die Regionalbank evident?

Das Obergericht äusserte sich zu dem Fall, weil Roland B. und Marcel H. Beschwerde eingelegt hatten gegen den Entscheid der Staatsanwaltschaft, die verbliebenen 13,5 Millionen Franken auf Konten der Holding zurückzuführen. Die beiden blitzten ab.