Das N-Wort
Und schon wieder «der Neger» – was es mit dem Begriff auf sich hat

Es ging nie nur um die unterschiedliche Hautfarbe, diskriminierender Hintergrund war immer dabei.

Christoph Bopp
Merken
Drucken
Teilen
Sklavenkarawane in Afrika, 1884 – das Verbrechen an schwarzen Menschen («Negern») wurde von weissen Europäern rassistisch rationalisiert.akg-images

Sklavenkarawane in Afrika, 1884 – das Verbrechen an schwarzen Menschen («Negern») wurde von weissen Europäern rassistisch rationalisiert.akg-images

akg-images

Das Berner Polittalent Erich Hess sorgt wieder für Aufregung. In der Diskussion um die Berner Reitschule unterstellt er dort die Toleranz grassierenden Drogenhandels und sieht «Tag und Nacht Neger am Dealen». Das war zwar schon am 29. Juni, aber hat jetzt doch noch den beabsichtigten Wirbel in der Berner Politikszene ausgelöst. Wer solche rassistische und diskriminierende Worte brauche, solle zurücktreten, wird gefordert. Und: Man wolle Hess anzeigen, weil er gegen die Rassismus-Strafnorm verstossen habe.

Das hatten wir alles schon – und zwar mehrmals. Auch der damals Noch-nicht-Bundesrat Ueli Maurer hatte es drauf: «So lange ich ‹Neger› sage, bleibt die Kamera auf mir.»

Und so bleibt sie jetzt auf Erich Hess. Leicht nach vorne und hinten wippend sagt er treuherzig zum Tele-Bärn-Moderator: Nein, keine Angst vor der Justiz. Nichts zu entschuldigen. «Ich habe das Wort nicht abwertend gebraucht.» Treuherzig, wie er ist, verwies Hess auf die Differenz, die immer ins Spiel gebracht wird, wenn unsauberer Sprachgebrauch kritisiert wird: «Ich habe es gar nicht so gemeint.»

So durchsichtig das ist als Strategie, so interessant wird es, weil es auf ein gehätscheltes Lieblingskind der Sprachphilosophen weist: Kann ich Anderes meinen als sagen? Ich kann natürlich irgendetwas meinen, was immer ich sage; aber so ist es hier nicht gemeint. Denn verstanden werden will auch Hess. Schliesslich geht es um ein ernstes Problem, die Reithalle.

Hautfarbe ist nicht per se heikel

Die Bedeutung von Begriffen fächert sich auf: ins Denotat, das was der Begriff «bezeichnet» – sein Gegenstück in der realen Welt (wobei sich hier schon philosophische Abgründe auftun). Die Denotation von «Neger» ist ein Mensch schwarzer Hautfarbe, aus Afrika abstammend etc. Dass man Menschen unterscheiden kann aufgrund ihrer Hautfarbe ist – vom Sehen her – unproblematisch. Es gibt grosse Menschen, kleine Menschen, böse Menschen, gute Menschen, Linkshänder, Rechtshänder, Weinliebhaber und Biertrinker und so weiter. Nicht einmal die Abstammung wäre ein Problem, sofern man als Grundprämisse der Unterscheidung anerkennt, dass alle Menschen «gleich» sind.

Nun, sie sind eben nicht gleich – oder doch?

Das Andere bei der Begriffsbedeutung ist das Konnotat – was man «sich so denkt», wenn man ein Wort gebraucht. Oft bleibt das verborgen. Welche Typen sind sympathischer: die Spitzköpfe, die Rundköpfe oder die Quadratköpfe? Nach drei Sekunden der Besinnung wird man sagen: Was soll das? Was hat die Form des Kopfes mit dem Menschen zu tun, der ihn trägt? Aber vorher, innerhalb der drei Sekunden?

Beim Begriff «Neger» ist es eben so, dass das Wort schon mit einer mehr oder weniger fest mit ihm verbundenen Konnotation in den deutschen Wortschatz kam. «Niger» bedeutet im Lateinischen einfach «schwarz». Einen Menschen mit schwarzer Hautfarbe bezeichnete dann «negro» erst im Spanischen (zum Beispiel). «Schwarze» begegneten uns in Europa im Kontext von Kolonialismus und Sklaverei. Dann ist auf einmal klar, warum das Wort «Neger» im Deutschen (zum Beispiel) immer schon mit der Konnotation «primitiv, faul, minderwertig, unterentwickelt, unzivilisiert etc.» daherkommt.

Im Englischen ist es noch schwieriger: Hier gibt es «negro» – abwertend oder nicht? – und «nigger», das klar einen diskriminierenden Sklavenunterton hat. Singt man in der Schule noch «Negro Spirituals» («Go down, Moses», «Go, tell it on the mountains» – und auch «Kum ba yah, my Lord»)? Früher hat man noch «Negro Spirituals» gesungen – ohne rot zu werden.

Die Konnotation verrät viel über uns. Dass wir (die weissen Europäer) anderen Menschen arrogant und herablassend, grausam und borniert gegenübergetreten sind, ist eine historische Tatsache. Das konnotative Vorurteil kann man als eine mit Scham unterfütterte «Erklärung» des an sich skandalösen westlichen Verhaltens gegenüber den Kolonialisierten sehen. Man «wusste» es doch besser. «Onkel Toms Hütte» funktioniert, weil der Roman das Vorurteil skandalisiert. Der Sklave Tom ist dem weissen Pflanzer Legree moralisch um Welten überlegen. Sogar der an sich unsympathische Monostatos in der «Zauberflöte» kriegt von Mozart heiter- einnehmende Musik. Überhaupt die Mohren. Warum spricht man beim dritten König immer vom «Mohrenkönig» und nie vom «Negerkönig»? Vielleicht, weil man eben die Herkunft meinte.

«Rechtfertigung» der Sklaverei?

Das Bewusstsein, dass wir – die weissen Europäer, wobei hier natürlich auch die weissen Amerikaner mitgemeint sind – eine ziemlich abscheuliche Vergangenheit hatten, kam schrittweise. Wir haben diese auch erfolgreich verdrängt. Wir glaubten, vom Wort «Neger» liesse sich, nach dem Ende der Kolonialzeit und dem Anheben der Epoche der Vereinten Nationen das ganze Konnotation-Gespinst abstreifen. Man erlaubte sich Lizenzen beim Gebrauch und der Visualisierung des Wortes «Neger». «Globi in Afrika», «Babar, der Elefant» und andere Kinderbücher operierten lange mit dem «Baströckli»-Stereotyp. Entwicklungshilfe und paternalistischer Missionarismus anstatt diskriminierende Verachtung. Gut fand das niemand, aber es regte auch niemanden auf. Es dürften die USA der Sechzigerjahre gewesen sein – oder allenfalls das offen rassistische Regime in Südafrika, die unser Bewusstsein wieder weckten. Seither sind wir sensibler und brauchen «Neger» nicht mehr.

Das Konnotationsproblem liegt im Feld «Denken – Sprache». Man kann immer behaupten, man denke etwas anderes, als man sagt. Anders im Denotativen. Da gibt es im Deutschen auch spektakuläre Verschiebungen. «Thiarna» bedeutet im Althochdeutschen noch «Jungfrau», dann «junges Mädchen», heute Prostituierte. Überhaupt die Frauenbezeichnungen: Die «vil edle vrouwe» wurde zum (Edel-)Fräulein und dann zur «Frau»; das unverdächtige «wip» (mhd. einfach für «Frau») erlitt als «Weib» eine Art «Neger»-Schicksal.