Politologie

Und der Wahlsieger heisst: Michael Hermann – er ist der König der Politforscher

Politologe, Geograf, Unternehmer: Michael Hermann.

Politologe, Geograf, Unternehmer: Michael Hermann.

Brauchen Zürcher Medien einen Experten, dann ist Michael Hermann zur Stelle. Er ist in der Deutschschweiz der König der Politforscher. Mehr denn je. Nur SRF-Hauspolitologe Claude Longchamp kann dem 44-jährigen Emmentaler das Wasser reichen.

Michael Hermann erschrickt, als ich ihn am Telefon als Wahlsieger bezeichne. «Wenn meine Prognosen nicht stimmen, dann stehe ich am Sonntag als grosser Verlierer da», antwortet er. Mag sein. Hoch und Tief im Umfragen-Business sind zuweilen nahe beieinander.

Seine Medienpräsenz spricht indes eine andere Sprache: Hermann ist in der Deutschschweiz der König der Politforscher. Mehr denn je. Nur SRF-Hauspolitologe Claude Longchamp kann dem 44-jährigen Emmentaler das Wasser reichen.

Am Fernsehen, vor allem aber in den grossen Zürcher Medien «NZZ», Tamedia und Ringier, überall stossen Politinteressierte auf Analysen und Einschätzungen Hermanns: exklusives Ranking über den Einfluss der Politiker in «Blick» und «SonntagsBlick», Studie über das Abstimmungsverhalten von Jung und Alt für den «Tages-Anzeiger», erstmals ein Links-rechts-Rating für den Ständerat – exklusiv in der «NZZ» sowie eine ebenso ausschliessliche wie umfassende Untersuchung zu den Allianzen im Parlament.

Finaler Höhepunkt: eine Titelgeschichte für die «NZZ am Sonntag», Kanton für Kanton zeigt er auf, wer am Sonntag gewählt werden könnte und wer nicht. Nur die AZ Medien, zu welchen diese Zeitung gehört, haben Hermann keinen Spezialauftrag erteilt. Das Vertrauen in die Urteilskraft der eigenen Bundeshausredaktion scheint hier ausgeprägter zu sein als anderswo.

Wenig lukratives Geschäft

150 000 Franken Umsatz habe sein Forschungsinstitut Sotomo in diesem Jahr alleine mit Aufträgen für die Medien erzielt – dreimal so viel wie vor vier Jahren. «Dennoch», sagt Hermann, der an der Uni Zürich Vorlesungen in Geografie und Politologie gibt, «das Business ist zäh, viel Geld kann eine Firma mit den kriselnden Printmedien nicht mehr verdienen.» Die Budgets würden überall gekürzt, der Druck auf die Preise sei gross.

Wesentlich lukrativer seien da Aufträge aus der übrigen Privatwirtschaft. Evaluationen für grosse Firmen, Studien für mächtige Verbände, Datenbanken für staatliche Planungs- und Ingenieurbüros. «Es wäre schön, wenn man mich zunehmend als Unternehmer und nicht nur als Politgeografen wahrnimmt», sagt Hermann.

«Dämliche Fragebogen»

Wer so im Licht der Öffentlichkeit steht, muss mit Heckenschützen rechnen. Etwa mit Rudolf Strahm. In seiner Kolumne für den «Tages-Anzeiger» schiesst der ehemalige SP-Nationalrat mehrere Giftpfeile ab. Hermanns Einordnung der politischen Allianzen im Parlament ins Links-rechts-Schema sei subjektiv, unwissenschaftlich, donnerte Strahm. Sie entspreche der Einschätzung der rechtsbürgerlichen NZZ-Redaktionen, die bei Hermann die politologische «Fliegenbeinzählerei» in Auftrag gegeben habe.

Auch die «Basler Zeitung» ärgert sich: Hermann habe sich im Sommer 2014 öffentlich vom «kühlen Denken» des nüchternen Beobachters verabschiedet und sich als SVP-Gegner geoutet. «Seither deckt er das Land mit zugespitzten Prognosen und Politiker-Ranglisten ein.» Und SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli bleibt seiner Reputation als Mähdrescher der Nation nichts schuldig. «Die wissenschaftlichen Ranglisten von Hermann bestehen darin, dass er die Parlamentarier fragt, welche Kollegen sie für mächtig halten», frotzelt der Zürcher in seiner «Weltwoche»-Kolumne. Nur Berufspolitiker links der Mitte hätten Zeit, den dämlichen Fragebogen Hermanns auszufüllen.

Wenig Mut zur Analyse

Michael Hermann nimmt die Kritik einigermassen gelassen. Nur Strahms Schelte will er nicht stehen lassen: «Er hat meine Analysen gar nicht richtig gelesen.» Strahm benutze Statistiken nur, wenn sie ihm politisch in den Kram passten.

Hermanns Stern ging ursprünglich dank dem «Tages-Anzeiger» auf. Neuerdings klopfen auch die übrigen Zürcher Medien bei ihm an, wenn sie einen Politexperten brauchen. Warum das so sei, das könne er auch nicht beurteilen.

Wahrscheinlich liegt die «Schweiz am Sonntag» nicht falsch, als sie im Januar in einem Politologen-Ranking konstatierte: «Wie alle medial bekannten Polit-Beobachter profitiert Hermann von der Deutungsschwäche der Polit-Journalisten, denen die Zeit für vertiefte Analysen fehlt und die deshalb auf externe Experten zurückgreifen.»

Auch diese Politologen setzen sich medial in Szene:

Claude Longchamp • Der Mann mit der Fliege leitet nicht nur das Forschungsinstitut GfS Bern, sondern hat bei Abstimmungen und Wahlen einen festen Sendeplatz beim Schweizer Fernsehen. Doch auch in den Zeitungen hat er eine hohe Präsenz. Allein in den letzten zwölf Monaten kommt er auf über 600 Nennungen in der Schweizer Mediendatenbank. • Longchamp liefert fundierte Abstimmungs- und Wahlanalysen. Abstimmungsforschung ist denn auch sein Spezialgebiet. Er befasst sich zudem mit der politischen Kultur und Kommunikation sowie mit Lobbying. • In der Öffentlichkeit überzeugt Longchamp aufgrund seiner Eloquenz. In letzter Zeit musste er aber auch einige Kritik einstecken wegen fehlerhafter Voraussagen. (bas)

Claude Longchamp • Der Mann mit der Fliege leitet nicht nur das Forschungsinstitut GfS Bern, sondern hat bei Abstimmungen und Wahlen einen festen Sendeplatz beim Schweizer Fernsehen. Doch auch in den Zeitungen hat er eine hohe Präsenz. Allein in den letzten zwölf Monaten kommt er auf über 600 Nennungen in der Schweizer Mediendatenbank. • Longchamp liefert fundierte Abstimmungs- und Wahlanalysen. Abstimmungsforschung ist denn auch sein Spezialgebiet. Er befasst sich zudem mit der politischen Kultur und Kommunikation sowie mit Lobbying. • In der Öffentlichkeit überzeugt Longchamp aufgrund seiner Eloquenz. In letzter Zeit musste er aber auch einige Kritik einstecken wegen fehlerhafter Voraussagen. (bas)

Pascal Sciarini • Er ist der wohl profilierteste westschweizer Politologe und lehrt als Professor für Schweizer Politik an der Universität Genf. Mit seinen Analysen gastiert er regelmässig im Westschweizer Fernsehen (RTS). In den Zeitungen kommt er in den letzten zwölf Monaten auf 137 Nennungen. • Sciarini setzt seine Forschungsschwerpunkte auf die direkte Demokratie, den Föderalismus, auf Regierungssysteme, Parteien und Europapolitik. • Er gilt als seriöser, solider und nüchterner Analytiker. In der Romandie erarbeitete er sich dank seiner Medientauglichkeit einen Ruf als Hauspolitologe des RTS. Obwohl Sciarini auch auf Deutsch publiziert, wird er in der Deutschschweizer Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. (BAS)

Pascal Sciarini • Er ist der wohl profilierteste westschweizer Politologe und lehrt als Professor für Schweizer Politik an der Universität Genf. Mit seinen Analysen gastiert er regelmässig im Westschweizer Fernsehen (RTS). In den Zeitungen kommt er in den letzten zwölf Monaten auf 137 Nennungen. • Sciarini setzt seine Forschungsschwerpunkte auf die direkte Demokratie, den Föderalismus, auf Regierungssysteme, Parteien und Europapolitik. • Er gilt als seriöser, solider und nüchterner Analytiker. In der Romandie erarbeitete er sich dank seiner Medientauglichkeit einen Ruf als Hauspolitologe des RTS. Obwohl Sciarini auch auf Deutsch publiziert, wird er in der Deutschschweizer Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. (BAS)

Regula Stämpfli • Sie ist nicht nur in den Politikwissenschaften zu Hause, sondern doziert an verschiedenen Hochschulen. Öffentlich wird sie vor allem als dezidiert linke Kolumnistin wahrgenommen. In den letzten zwölf Monaten schaffte sie es auf etwa hundert Nennungen in der Schweizer Mediendatenbank, wobei sie bei gut hundert weiteren als Autorin verantwortlich ist. • Als Kolumnistin und Autorin äussert sie sich regelmässig zur schweizerischen Politik, zu Europa und auch zu feministischen Themen. • Im Fernsehen ist Stämpfli nicht mehr so häufig zu sehen wie auch schon. Aufgrund ihrer deutlichen Haltung polarisiert sie – sie darf sich dafür auch über einen engen Kern treuer Fans freuen. (BAS)

Regula Stämpfli • Sie ist nicht nur in den Politikwissenschaften zu Hause, sondern doziert an verschiedenen Hochschulen. Öffentlich wird sie vor allem als dezidiert linke Kolumnistin wahrgenommen. In den letzten zwölf Monaten schaffte sie es auf etwa hundert Nennungen in der Schweizer Mediendatenbank, wobei sie bei gut hundert weiteren als Autorin verantwortlich ist. • Als Kolumnistin und Autorin äussert sie sich regelmässig zur schweizerischen Politik, zu Europa und auch zu feministischen Themen. • Im Fernsehen ist Stämpfli nicht mehr so häufig zu sehen wie auch schon. Aufgrund ihrer deutlichen Haltung polarisiert sie – sie darf sich dafür auch über einen engen Kern treuer Fans freuen. (BAS)

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