Umwelt
Hobbygärtner sollen jäten statt spritzen: Politik nimmt Pestizide für Private ins Visier – Branche wehrt sich

Die Palette an Pestiziden für Hobbygärtner soll kleiner werden. Der Bund will weitere Produkte verbieten, doch die Branche wehrt sich. Nun kommt Druck aus dem Parlament.

Maja Briner
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Manche giessen ihre Pflanzen nicht nur, sondern setzen auch Pestizide ein, um sie zu schützen.

Manche giessen ihre Pflanzen nicht nur, sondern setzen auch Pestizide ein, um sie zu schützen.

Walter Schwager / ARC

Die Eisheiligen machen ihrem Namen dieses Jahr keine Ehre - im Gegenteil. Das Wetter lädt derzeit dazu ein, den Spaten in die Hand zu nehmen und im Garten zu werkeln, Radieschen zu säen oder Tomaten zu pflanzen. Die Freude trüben können Schädlinge wie Läuse, Schnecken oder auch Unkraut. Manche Hobbygärtner und -gärtnerinnen greifen dann zu Pflanzenschutzmittel. Und um diese tobt gerade ein politischer Streit.

Schätzungen gehen davon aus, dass zehn Prozent der schweizweit verkauften Pestizide von Privatanwendern eingesetzt werden. Zu viel, sagen manche. Der Bund hat reagiert: Seit 2021 dürfen gewisse Produkte nicht mehr an Hobbygärtner abgegeben werden. Weitere Verschärfungen sind geplant - und nun kommt auch Druck aus dem Parlament.

Wissen sie, was sie tun?

Eine, die sich für Verschärfungen engagiert, ist die grüne Ständerätin Maya Graf (BL). Sie kritisiert, in den Gärten würden zu viele Pestizide eingesetzt. «Hobbygärtner und -gärtnerinnen haben heute Zugang zu teils hochgiftigen Wirkstoffen. Dabei haben sie - anders als Landwirte und Landwirtinnen - keine Ausbildung, auch gibt es keine Kontrolle.» Es mangle an Wissen darüber, wie die Mittel korrekt angewandt würden, beispielsweise, was die richtige Menge sei. «Die Pflanzenschutzmittel belasten Böden mit giftigen Rückständen - ausgerechnet in Privat- und Familiengärten, wo oft Kinder spielen.»

Ständerätin Maya Graf (Grüne/BL)

Ständerätin Maya Graf (Grüne/BL)

Keystone

Eigentlich, sagt die Biobäuerin, sollten in privaten Gärten nur biologische Mittel eingesetzt werden. «Dadurch liefern diese auch einen wichtigen Beitrag für die Biodiversität.» Mit einer Motion will sie nun all jene Pestizide verbieten, die für Menschen, Insekten oder Gewässerlebewesen toxisch sind. Zudem fordert sie, dass die Mittel in kleinen Mengen verkauft werden. Aus Sicht von Graf ist das ein Mittelweg.

Mit ihrem Vorschlag fand sie in der Wirtschaftskommission des Ständerats diese Woche eine knappe Mehrheit. Die Zustimmung ist bemerkenswert, da der Bund bereits Verschärfungen geplant hat. Er schlug letztes Jahr strengere Kriterien für die Zulassung für den privaten Gebrauch vor, zudem sollen alle Herbizide - also Unkrautvernichter - verboten werden. Der Bund befand, Hobbygärtner könnten jäten oder Folien einsetzen statt chemische Mittel.

Die Wirtschaftskommission anerkennt zwar, dass der Bund vorwärts macht. Doch das genüge nicht, fand eine Mehrheit. Erstens seien nicht alle Forderungen erfüllt. Zweitens steht die Befürchtung im Raum, der Bundesrat könnte einen Rückzieher machen und auf geplante Verschärfungen verzichten. Denn gewisse Punkte seien «ziemlich umkämpft», heisst es im Bericht der Kommission.

Palette schon «sehr eingeschränkt»

Insbesondere die Branche wehrt sich gegen Einschränkungen. Pia Guggenbühl vom Verband Scienceindustries sagt, die Palette der zugelassenen Pflanzenschutzmittel für private Anwender sei bereits «sehr eingeschränkt». Die Zulassungsstelle prüfe jeweils, ob die Produkte für den privaten Gebrauch geeignet seien.

Zudem habe die Industrie in den letzten zehn Jahren ihr Produktsortiment im Hobbybereich angepasst, um Risiken zu senken, sagt Guggenbühl. Als Beispiel verweist sie auf die Unkrautvernichter: 90 Prozent des Handelsvolumens der Herbizide für den nichtberuflichen Bereich seien heute Produkte mit den biologischen Wirkstoffen Essigsäure und Pelargonsäure. «Von Produkten mit diesen Wirkstoffen geht kaum eine Gefahr für Mensch, Tier und Umwelt aus.»

Ein pauschales Herbizidverbot hält Scienceindustries daher für verfehlt. Auch gegen weitere vom Bund geplante Verschärfungen wehrt sich der Verband. Bezüglich dem Argument, Hobbygärtner wüssten zu wenig, zieht er in seiner Vernehmlassungsantwort den Vergleich zu Produkten wie etwa Reinigungsmitteln: In diesem Bereich würden auch «keine Produkte verboten mit der Begründung, dass die Verwenderinnen und Verwender die Etiketten nicht lesen und die Anwendungsvorschriften nicht einhalten».

«Zu viel Bevormundung»

Ständerat Hannes Germann (SVP/SH)

Ständerat Hannes Germann (SVP/SH)

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Über Grafs Motion könnte der Ständerat bereits im Sommer diskutieren. Widerstand kommt unter anderem von SVP-Ständerat Hannes Germann: Ihm geht die Motion zu weit. «Das ist gut gemeint, aber über das Ziel hinausgeschossen», sagt er. Er sehe zwar Handlungsbedarf, doch das vorgeschlagene Verbot sei zu umfassend. «Das ist zu viel Bevormundung. Das Gros der Leute geht verantwortungsvoll mit Pflanzenschutzmitteln um.» Zudem sei der Bundesrat ja bereits aktiv geworden.

Bis dieser definitiv entscheidet, dürfte es allerdings dauern: Wie das zuständige Bundesamt erklärt, soll ihm das Thema gemeinsam mit weiteren Verordnungsänderungen vorgelegt werden, die eben erst in der Vernehmlassung waren. Das Gemüse dürfte daher längst geerntet sein, bis der Entscheid fällt.

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