Weltausstellung
Umstrittener Schweizer Auftritt an Welt-Expo: Alpöhi bringt den Kasachen Energiesparen bei

Die umstrittene Weltausstellung in Kasachstan nimmt man hierzulande kaum wahr, obwohl auch die Schweiz aktiv mitwirkt.

Samuel Schumacher
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Der Schweizer Expo-Pavillon in Astana zeigt den Besuchern das Potenzial alternativer Energien auf...
9 Bilder
...wird aber mit Kohlestrom versorgt.
Besucher sehen sich einen Film an im Schweizer Pavillon.
Schweizer Pavillon Weltausstellung Kasachstan Expo
Am 10. Juni ging es in Astana los.
Nicolas Bideau ist Chef von Präsenz Schweiz. Hier posiert er mit einer Mitarbeiterin des Schweiz Pavillons.
"Du kannst jetzt handeln": Diese Botschaft bekommen die Besucher des Schweizer Pavillons vermittelt.
Im Schweizer Teil der Weltausstellung wird auch gekocht.
Wenig überraschend, dreht sich hier die Szene um Kartoffeln.

Der Schweizer Expo-Pavillon in Astana zeigt den Besuchern das Potenzial alternativer Energien auf...

Keystone

Vladimir Putin, Xi Jinping und Narendra Modi sassen vor zwei Wochen in einer Kongresshalle im kasachischen Astana und starrten auf eine Leinwand, über die zum Auftakt der Expo 2017 ein skurriler Werbefilm flimmerte. Im Zentrum des Films stand eine riesige Glaskugel, die um die Welt sauste und schliesslich in Astana landete. Genau da steht sie nun, als Herzstück auf dem Expo-Gelände. 25 Stockwerke hoch, auf dem Dach ein paar Solarzellen, die zeigen sollen, dass es Kasachstan ernst meint mit dem Expo-Motto «Energie der Zukunft». Fünf Millionen Besucher erwarten die Kasachen in den kommenden drei Monaten. Ihnen wollen sie zeigen, dass das Land bereit ist für den nächsten Schritt: Weg vom Erdöl, das jährlich Milliarden in die Staatskasse spült, hin zu nachhaltigen Energien.

Die Idee, ausgerechnet Kasachstan als Förderer alternativer Energien darzustellen, scheint allerdings sogar die Kasachen selbst zu belustigen. Die Zeitung «Astana Times» schrieb, es dürfte wohl viele überraschen, dass sich der Erdölgigant im alternativen Kleid präsentiere. Das Kleid verdeckt die nackten Zahlen nur ganz knapp. Der Verkauf von Erdöl generiert 17 Prozent der Staatseinnahmen. Auch die Schweiz gehört zu den Kunden. 2012 importierte sie 675 000 Tonnen Erdöl aus Kasachstan. Nur Libyen war mit 1,6 Millionen Tonnen der noch grössere Erdöl-Player hierzulande.

Heidi in Astana

Von diesen Zahlen möchte man mit der «Energie der Zukunft»-Expo ablenken. Hier gehts darum, wie alles werden soll, und nicht darum, wie es halt leider noch immer ist. Unter den rund 100 Ländern, die sich in den Expo-Hallen präsentieren, ist auch die Schweiz. Im «Flower Power»-Pavillon, den die Landeskommunikationsstelle Präsenz Schweiz für 4,2 Mio. Franken konzipiert hat, zeigt sich das Land in vier Themenhäusern von seiner besten Seite. In der Monte-Rosa-Hütte steht der helvetische Pioniergeist im Zentrum, im Rösti-Haus wird energiesparend gekocht, im Haus des Wassers Knappheit thematisiert und im Haus der Schweizer Innovation die Grenzen des technisch Machbaren aufgezeigt. Highlight des Pavillons ist das Game «Mission possible», bei dem man mit Heidi und Alpöhi spielerisch übt, den eigenen Energieverbrauch zu optimieren.

Die heile Welt, die Helvetien hier zur Schau stellt, kann aber nicht über die heiklen Hintergründe der kasachischen Expo hinwegtäuschen. Gesponsert wird die Weltausstellung vom Kohle-Giganten Samruk Energy, vom russischen Erdgasproduzenten EuroChem, vom Caspian Pipeline Consortium und vom Uran-Förderkonzern Kazatomprom – allesamt nicht eben bekannt für ihre Bemühungen um nachhaltige Energieproduktion.

Der Verdacht liegt nahe, dass es Kasachstan mit der Weltausstellung primär darum geht, die Beziehungen zu den Erdölkunden zu stabilisieren. Das grüne Mäntelchen, das man den geschätzten 3,9 Milliarden Tonnen Rohöl im kasachischen Boden mit der Energie-Expo überwirft, täuscht darüber kaum hinweg.

Ist es überhaupt angebracht, dass die Schweiz beim kasachischen PR-Stunt mitwirkt? Ja, findet Botschafter Nicolas Bideau, Chef von Präsenz Schweiz. Dass das Land dem Thema Energie der Zukunft eine Plattform biete, sei zu begrüssen. «Diese Themenwahl ist eine Chance, Meinungsführende, Medien und die kasachische Bevölkerung für neue Ansätze im Energiebereich zu sensibilisieren», sagt Bideau. «Die lokalen Medien berichten schon seit Wochen intensiv über Länderpavillons wie denjenigen der Schweiz und unserer vier Nachbarländer und die Zukunftslösungen im Bereich der erneuerbaren Energien.»

Dass die Expo-Pavillons nicht mit Solarstrom betrieben würden, sondern mit dem kasachischen Strommix aus 99 Prozent Kohle-, Öl- und Gasenergie, das sei zwar ein Widerspruch, sagt Bideau. «Der Schweizer Pavillon hat aber technisch keine Möglichkeit, Strom aus anderen Quellen zu beziehen.»

Auch Nachhaltigkeitsexperte Roman Rudel von der Tessiner Fachhochschule Südschweiz findet es richtig, dass die Schweiz in Astana mit von der Partie ist. Er war selbst an der Expo und ist beeindruckt von den Anstrengungen, die Kasachstan im Bereich erneuerbare Energien unternimmt. «Ich finde es gut, dass die Schweiz vertreten ist. Mit Abseitsstehen bewirken wir nicht viel», sagt Rudel.

Drei Bundesräte in Kasachstan

Die Bündner Energiepolitikerin und SP-Nationalrätin Silva Semadeni gibt Rudel zwar recht. Kritisch sieht Semadeni aber die geballte Präsenz der offiziellen Schweiz in Astana. Mit Doris Leuthard, Didier Burkhalter und Ueli Maurer haben gleich drei Bundesräte ihren Besuch an der Expo angekündigt. «Die wirtschaftlichen Interessen stehen im Vordergrund», sagt Semadeni. «Ob die Bundesräte auch die Menschenrechte und die Reduktion des Verbrauchs von fossilen Energien thematisieren werden, werden wir sehen.» Angesichts der Missstände im Gastgeberland und der Klimaerwärmung wäre das in Semadenis Augen bitter nötig. Noch deutlicher wird Umweltwissenschaftler Jérôme Léchot, der für das Nachhaltigkeitsmagazin daslamm.ch über Energiethemen schreibt. «Das bundesrätliche Interesse an der Expo zeigt, wie wichtig unserer Landesregierung der ungestörte Erdölfluss von Kasachstan in die Schweiz ist», meint Léchot. Greifbare Konsequenzen für die Energie-Debatte werde die Expo keine haben. «In Astana wird im besten Fall nichts unterschrieben, im schlimmsten Fall neue Erdöllieferverträge.»

Offiziell will Kasachstan punkto nachhaltiger Energieproduktion in den kommenden Jahren einen grossen Sprung machen. Bis 2050 sollen 50 Prozent des Energiebedarfs aus nachhaltigen Ressourcen stammen (heute ist es ein Prozent). Ein erster Schritt in Richtung dieses Ziels ist das neue Photovoltaik-Kraftwerk «Burnoye Solar-1» mit 192 000 Solarpanels im Süden Kasachstans.

Kasachstan hat also verstanden, dass es nicht auf das Eintreffen einer riesigen Wunderkugel aus dem All hoffen kann, die alle Energiesorgen hinwegfegt. Wunderkugeln taugen für Expo-Eröffnungsfilme, leider aber nicht für reale Problemlösungen. Wie die aussehen könnten, das können sich die Kasachen im «Flower Power»-Pavillon noch bis zum 10. September bei Alpöhi & Co. abschauen.

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