F/A-18-Absturz
Umstrittener Luftwaffenchef: die Unglücksserie des Aldo C. Schellenberg

Kritiker des Luftwaffenkommandanten fordern, dass der Armeekader die Verantwortung für die F/A-18-Absturzserie übernimmt. Politiker stärken ihm aber den Rücken.

Lorenz Honegger
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Ein betroffener Luftwaffenkommandant Aldo Schellenberg gab am Montag in Bern vor den Medien Auskunft.

Ein betroffener Luftwaffenkommandant Aldo Schellenberg gab am Montag in Bern vor den Medien Auskunft.

KEYSTONE

Der Blick von Luftwaffenkommandant Aldo Schellenberg schweift immer wieder ins Leere, als er am Montag in Bern mit gedämpfter Stimme den Absturz eines F/A-18-Kampfjets bekannt gibt. Der Schock ist ihm anzusehen. Zum dritten Mal innert dreier Jahre hat die Luftwaffe eine Maschine dieses Typs verloren. Beim jüngsten Unfall ist der Pilot in der Nähe des Sustenpasses im Kanton Bern verunglückt. Könnte er überlebt haben? «Wir hoffen und beten dafür», sagt Schellenberg. Der 57-Jährige trifft damit genau den richtigen Ton, und doch ist es offensichtlich, dass seine Amtszeit an diesem Abend auf tragische Weise einen neuen Tiefpunkt erreicht hat.

Parallelen zu 1992

Hartnäckige und einflussreiche Gegner des Korpskommandanten sehen sich nach dem erneuten Absturz einer F/A-18 darin bestätigt, dass die Luftwaffe möglichst bald wieder einen Piloten an ihrer Spitze braucht. Die Kritiker lassen Schellenbergs Argument nur bedingt gelten, wonach es hinter der Unfallserie kein Muster gebe: Ein Luftwaffenchef müsse die Oberverantwortung für die Flugsicherheit übernehmen, auch wenn er nicht direkt für einzelne Unfälle verantwortlich sei.

Ein ehemaliger Armeekader, der namentlich nicht genannt werden will, erinnert an den Fall des früheren Kommandanten der Flieger- und Fliegerabwehrtruppen Werner Jung: Dieser sei im März 1992 nach einem Beinahe-Zusammenstoss zwischen einem Tiger-Kampfjet und einem Swissair-Airbus aus eigenem Antrieb zurückgetreten. Als Betriebswirtschafter ohne fliegerische Ausbildung fehle es Schellenberg am Format, um die Luftwaffe zu führen. Er sei zwar aufgrund seiner «kumpelhaften Art» bei den Truppen beliebt, aber ebendies mache ihn zu einem schwachen Chef: «Top ausgebildete Militärpiloten zu führen, ist keine einfache Aufgabe.» Man erwarte von ihnen ein extrem grosses Mass an Disziplin und eine hohe Risikobereitschaft. So entstehe zwangsläufig «eine gewisse Macho-Kultur unter den Piloten»: «Ein Luftwaffenchef muss sich im Namen der Sicherheit auch einmal unbeliebt machen und ein Machtwort sprechen können.» Luftwaffenchef Schellenberg jedoch wolle in erster Linie gut ankommen. In Kombination mit dem fehlenden Fliegerschein sei dies «ein fataler Mix».

28. September 2016 Ein Super Puma der Luftwaffe stürzt auf dem Gotthardpass ab und gerät in Brand. Die beiden Piloten sterben, der Flughelfer wird verletzt.
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29. August 2016 Ein einsitziger F/A-18-Kampfjet stürzt vermutlich im Gebiet des Sustenpasses ab. Von der Maschine und dem Piloten fehlt am Abend nach dem Absturz noch jede Spur.
9. Juni 2016 Ein F5-Kampfflugzeug der Patrouille Suisse stürzt in der Nähe des Militärflugplatzes Leeuwarden in den Niederlanden ab. Der Pilot kann sich mit dem Schleudersitz retten.
14. Oktober 2015 Eine zweisitzige F/A-18 stürzt im gemeinsamen Trainingsraum mit Frankreich südöstlich von Besançon ab. Der Pilot wird verletzt.
23. Oktober 2013 Im Raum Alpnachstad im Kanton Obwalden zerschellt eine zweisitzige F/A-18 am Lopper. Der Pilot und sein Passagier, ein Arzt des Fliegerärztlichen Instituts, werden getötet.
12. November 2002 Ein PC-7 kollidiert bei Bonaduz GR mit dem Seil der Luftseilbahn Rhäzüns-Feldis. Zwei Milizoffiziere kommen ums Leben.
12. Oktober 2001 Beim Absturz eines Alouette-III-Helikopters oberhalb von Montana VS nach der Kollision mit einem Kabel kommen alle vier Insassen ums Leben.
25. Mai 2001 Bei einem Grenzüberwachungsflug touchiert ein Alouette-III-Helikopter bei Delsberg JU ein Kabel und stürzt ab. Der Pilot und drei Grenzwächter werden tödlich verletzt.
14. Oktober 1998 Zwei Trainingsflugzeuge des Typs PC-9 stossen in der Luft zusammen. Während die eine Maschine landen kann, zerschellt die andere bei Oberuzwil SG. Der Pilot stirbt.
7. April 1998 Beim Absturz eines F/A-18-Kampfjets bei Crans VS werden beide Insassen getötet. Als Ursache wurde eine räumliche Desorientierung des Piloten angenommen.
12. November 1997 Ein Pilatus-Porter PC6 stürzt bei schlechtem Wetter in der Nähe von Boltigen BE ab. Der Pilot und vier Soldaten sterben.
20. März 1997 Eine Mirage III RS stürzt bei einem Aufklärungsflug im Raum Ste-Croix VD ab. Der Pilot kommt ums Leben.
4. Juli 1996 Ein Kampfjet Tiger F-5E bohrt sich in Schänis SG nach einem unbeabsichtigten Schleudersitzabschuss in den Boden. Der Pilot überlebt.

28. September 2016 Ein Super Puma der Luftwaffe stürzt auf dem Gotthardpass ab und gerät in Brand. Die beiden Piloten sterben, der Flughelfer wird verletzt.

KEYSTONE/TI-PRESS/SAMUEL GOLAY

Unterstützer im Parlament

Dass Schellenberg auch viele einflussreiche Unterstützer hat, die das ganz anders sehen, zeigt eine Umfrage unter Sicherheitspolitikern des National- und Ständerates. Sie stellen sich kollektiv hinter ihn.

Der Aargauer Nationalrat der Grünliberalen, Beat Flach, sagt auf Anfrage: «Aldo Schellenberg muss keine Verantwortung für die Abstürze übernehmen, diese Kritik ist Unsinn. Er macht seinen Job unter erschwerten Bedingungen sehr gut.» Der Schwyzer SVP-Ständerat Alex Kuprecht sekundiert: «Man kann Herrn Schellenberg keinen Vorwurf machen. Der Absturz war ein Betriebsunfall. Ich könnte nichts Negatives über ihn sagen.»

Der St. Galler FDP-Nationalrat Walter Müller spricht ebenfalls von «einer unglücklichen Häufung»: «Unsere Piloten sind bestens ausgebildet, unsere Flugzeuge hervorragend gewartet, der Sicherheitsstandard hoch. Ich gehe davon aus, dass auch die Vorgaben vonseiten der Führung stimmen.»

Pechsträhne geht weiter

Unabhängig von den jüngsten Abstürzen kämpft Aldo C. Schellenberg auch am Boden seit Monaten gegen eine Pechsträhne, die sich in den nächsten Wochen fortsetzen wird. Am Mittwoch in einer Woche dürfte der Bundesrat die Ambitionen des karrierebewussten Zürchers für die Nachfolge von André Blattmann als Chef der Armee ein für alle Mal begraben: Schellenberg ist laut gut informierten Quellen längst aus dem Rennen für den Chefposten, sein Name nicht mehr auf der Shortlist.

Ein zweiter unangenehmer Tag erwartet ihn zwischen Mitte und Ende September, wenn Verteidigungsminister Guy Parmelin voraussichtlich den Untersuchungsbericht zur sistierten Beschaffung des Fliegerabwehrsystems Bodluv 2020 veröffentlichen wird. Das Ergebnis dürfte kaum wohlwollend ausfallen. Parmelins Partei, namentlich SVP-Fraktionschef Adrian Amstutz, macht Schellenberg massgeblich verantwortlich dafür, dass das Projekt kostenmässig aus dem Ruder gelaufen ist.

Die Gegner des Luftwaffenkommandanten hoffen darauf, dass sich Gerüchte aus dem Umfeld der Armeeführung bewahrheiten werden, wonach Aldo C. Schellenberg auf Ende Jahr seinen Rücktritt bekannt geben könnte. Als potenziellen Nachfolger bezeichnen sie den derzeitigen Stellvertreter Schellenbergs, Bernhard Müller, einen ausgebildeten Militärpiloten.