Contact-Tracing-App

Umstrittene Firma aus Zürich ist in geplante Corona-App involviert: Datenschützer melden Bedenken an

Kommen sich zwei Handys nahe, wird dieser Kontakt registriert.

Kommen sich zwei Handys nahe, wird dieser Kontakt registriert.

Das europäische Projekt für eine Contact-Tracing-App verspricht volle Transparenz, kann das Versprechen bis jetzt aber nicht halten.

Würden Sie eine App nutzen, welche die Bewegungsdaten aufzeichnet, um die Pandemie einzudämmen? Diese Frage hat die Hochschule Luzern tausend Personen in der Schweiz gestellt. 57 Prozent sagen «eher Ja» oder «Ja».

Das ist ein hoher Wert, aber er genügt nicht. Nur wenn 70 Prozent der Bevölkerung eine derartige App nutzen, sind aussagekräftige Resultate zu erwarten. Das Vertrauen in die Technologie müsste also noch gestärkt werden.

Doch die Anfangseuphorie um das vielversprechendste Projekt ist bereits abgeklungen. Es heisst Pepp-PT, was für Pan-European Privacy-Preserving Proximity Tracing steht: paneuropäische Privatsphäre schützende Annäherungsüberwachung. Unter diesem Namen entwickelt eine Forschergruppe eine Technologie, die von App-Entwicklern genutzt werden soll. Am Anfang entstand Euphorie, weil das Projekt eine Lösung versprach, die im Gegensatz zu chinesischen Projekten den Datenschutz garantieren soll.

Die Apps erfassen über Bluetooth, welche Smartphones von anderen Benutzern sich für längere Zeit in der Nähe aufgehalten haben. Wenn sich jemand mit dem Virus infiziert und dies in der App registriert, können so die Kontaktketten nachverfolgt werden und die Betroffenen gewarnt werden. Dabei werden aber keine Personendaten ausgetauscht oder gespeichert, sondern zufällig hergestellte Zahlenreihen. Das Versprechen lautet, dass niemand herausfinden kann, wer wen angesteckt haben könnte. Die Nutzer erhalten eine Meldung, wenn sie sich längere Zeit in der Nähe eines Infizierten aufgehalten haben. Sie sollen aber nicht erfahren, wer es war. Ob man sich dann in Quarantäne begibt, soll ein freiwilliger Entscheid sein.

Bis jetzt lässt sich das Versprechen allerdings nicht überprüfen. Die Forscher von Pepp-PT künden zwar volle Transparenz an, bis jetzt halten sie Grundlagen wie den Quellcode jedoch geheim. Pepp-PT teilt die Informationen nicht mit der Öffentlichkeit, aber mit einer Reihe von Firmen, die auf der Website als Mitglieder aufgeführt sind.

Wer steckt hinter der Zürcher Firma AGT International?

Dazu gehört die AGT International, ein IT-Konzern aus Zürich. Als Eigentümer ist im Handelsregister eine zypriotische Holding eingetragen. Wer dahinter steckt, ist nicht bekannt. AGT International ist 2013 in die Schlagzeilen geraten, weil sie in Wikileaks-Dokumenten auftauchte. Die «Handelszeitung» beschrieb den Konzern damals als «Datenkrake», der ehemalige Geheimdienstmitarbeiter aus Israel engagiere und für arabische Staaten Massenüberwachungssysteme aufbaue.

Eine AGT-Sprecherin sagt, der Konzern habe sich inzwischen auf den Sport- und Unterhaltungsbereich fokussiert. Bei Pepp-PT heisst es derzeit, die Rolle der einzelnen Firmen könne noch nicht definiert werden.

Die beiden ETH sind ausgestiegen

Martin Steiger, Anwalt für Recht im digitalen Raum, sagt, eine «Datenkrake» könne durchaus wichtiges Know-how beisteuern. Aber: «Das Vertrauen in Pepp-PT steht und fällt mit der Transparenz. Wenn die Akteure nicht bald auf Touren kommen, werden sie in diesem Punkt scheitern.» Dafür müssten sie den Quellcode publizieren. So wäre kein Vertrauen in die einzelnen Mitglieder erforderlich, sondern wer will, könne sich selbst ein Urteil bilden.

Bruno Baeriswyl, Datenschutzbeauftragter von Zürich, sagt: «Für mich ist nicht transparent, wer welche Rolle bei Pepp-PT hat. Man muss das Produkt, wenn es dann vorliegt, sicherlich kritisch analysieren. Nur weil EPFL und ETHZ dabei sind, heisst das nicht, dass alles per se okay ist.»

Mittlerweile sind diese Hochschulen jedoch ausgestiegen; Epidemiologe Marcel Salathé hat die Zusammenarbeit unter Protest quittiert. Er kritisierte die fehlende Transparenz.

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