Bienensterben
Um Bienenvölker zu schützen, gehts der Varroa-Milbe an den Kragen

In der Schweiz verlieren viele Imker über Winter ihre Bienenvölker. Jedes fünfte Volk geht ein. Schuld daran ist hauptsächlich die asiatische Varroa-Milbe. Schweizer Forscher arbeiten an Mitteln gegen die tückische Milbe.

Martina Huber
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Besser als künstlich bei Pixar: Die Bienen in Markus Imhoofs Film «More Than Honey»

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Ab heute zeigen Deutschschweizer Kinos den Dokumentarfilm «More Than Honey», in dem der Zürcher Markus Imhoof auf das Bienensterben aufmerksam macht. In der Schweiz ist das Bienensterben seit 2003 ein Thema. Vorher verloren Imker laut Peter Gallmann, dem Leiter des Eidgenössischen Zentrums für Bienenforschung, nur vereinzelt Bienenvölker.

Seit 2003 aber betrage die Zahl der Bienenvölker, die den Winter nicht überleben, jeweils zwischen 10 und 30 Prozent. Letzten Winter waren es sogar an die 50 Prozent. «Das ist alarmierend, wenn man bedenkt, dass ein Grossteil der Nahrung nur produziert werden kann, weil Bienen unsere Kulturpflanzen bestäuben», sagt Gallmann.

Zu wenig Blumenwiesen

Laut dem Naturwissenschafter sind es verschiedene Faktoren, die den Bestäuberinnen zusetzen: Ein Problem ist, dass es im Mittelland nur noch wenig Blumenwiesen gibt, die es den Bienen erlauben, sich und ihren Nachwuchs mit einer Vielfalt an Pollen und Nektar zu versorgen. «Diese Vielfalt ist aber entscheidend für die Vitalität eines Bienenvolkes», sagt Gallmann. Weiter können Pflanzenschutzmittel die kleinen Nutztiere schwächen – selbst in Dosen, die nicht tödlich sind.

Hauptverantwortlich für das Bienensterben ist laut Gallmann aber eine Milbe mit Namen Varroa destructor, die sich in Bienenlarven vermehrt und über erwachsene Bienen verbreitet. Einerseits schwächt die Milbe die Bienen und ihren Nachwuchs, weil sie sich von deren Blut ernährt. Andererseits überträgt sie viele der rund 20 Viren, die als Auslöser von Bienenkrankheiten bekannt sind. So verkürzt die Milbe die Lebensdauer der Bienen – was vor allem im Winter verheerend ist: Dann können die Bienen wegen der niederen Temperaturen nämlich keinen Nachwuchs aufziehen. Die Bienen, die im September schlüpfen, müssen also bis im März überleben, um den Fortbestand ihrer Kolonie zu sichern.

Ursprünglich stammt die Varroa-Milbe aus Asien. In der Schweiz wurde sie erstmals 1984 nachgewiesen. Bereits drei Jahre später hatte sie sich in allen Landesteilen etabliert. «Damals war sie aber noch weniger gefährlich», sagt Gallmann. So habe ein Bienenvolk in den 1980er-Jahren auch mit 10000 Milben noch gut leben können. Heute können bereits 1500 bis 2000 Milben das Ende einer Kolonie bedeuten. Ein Grund dafür sei, dass gewisse Bienenviren gelernt hätten, sich in der Varroa-Milbe zu vermehren. Dadurch seien sie aggressiver geworden.

Mit Pilzen gegen die Milben

Um das Bienensterben zu stoppen, arbeiten Schweizer Bienenforscher an verschiedenen Ansätzen. Einerseits versuchen sie, Bienen zu züchten, die gegenüber der Milbe und den von ihnen übertragenen Viren resistenter sind. Dazu untersuchen sie auch das Erbgut der asiatischen Bienenart Apis cerana, welche die Milbe bereits lange vor unserer Honigbiene hatte und durch sie nicht geschwächt wird. «Wir möchten wissen, welche Gene die asiatische Biene resistent machen», erklärt Gallmann. Andererseits arbeiten die Forscher an verschiedenen Mitteln, um direkt gegen die Varroa-Milbe vorzugehen. Eine Hoffnung liegt in natürlichen Feinden des Schädlings. Laut Gallmann hat das Bienenforschungszentrum verschiedene Pilze identifiziert, die für die Milbe tödlich, für die Honigbiene aber ungefährlich sind.

Ein weiterer Ansatzpunkt ist die Fortpflanzung der Milbe. Man habe bereits eine Substanz gefunden, welche die Reproduktion der Milbe erfolgreich unterbinde – im Labor. Nun gilt es noch herauszufinden, wie man diese Substanz und die Pilze auch ausserhalb des Labors mit den Milben im Kontakt bringt. Das muss im Bienenstock stattfinden – was die Sache nicht einfach macht: «Bienen sind sehr reinlich und putzen das womöglich gleich wieder aus ihrem Nest raus. Da müssen wir uns noch etwas einfallen lassen», sagt Gallmann. Ausserdem brauchen die Forscher Industriepartner, welche die Ansätze zu marktreifen Produkten weiterentwickeln. Bis solche auf dem Markt sind, wird es laut Gallmann noch fünf bis zehn Jahre dauern.

Ein Hoffnungsschimmer

Dennoch sieht er nicht ganz schwarz für die Zukunft der Schweizer Bienen: Die Imker hätten ihre Völker über das Jahr wieder aufbauen können, sodass dieses Jahr wieder etwa gleich viele Bienenvölker einwintern werden wie 2011: an die 200000. Gallmann rechnet damit, dass diesen Winter wieder «nur» 20 bis 30 Prozent der Völker sterben werden, nicht so viele wie im letzten Jahr.