Einstiger Radiopirat
Gegen die Abschaltung des UKW-Radios: Und wieder kämpft Schawinski gegen alle

Der einstige Radiopirat wehrt sich jetzt gegen die Abschaltung des UKW-Radios. Roger Schawinski wähnt sich wie immer alleine im Recht. Was treibt ihn an?

Jean-Martin Büttner
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Er sucht den Konflikt nicht, er findet ihn: Roger Schawinski.

Er sucht den Konflikt nicht, er findet ihn: Roger Schawinski.

Bild: Sebastian Magnani / www.13photo.ch

Weil einer wie er erst dann in Fahrt kommt, wenn er sich im Gegenverkehr divergierender Meinungen behaupten muss, wehrt sich Roger Schawinski wieder einmal als Einziger. Diesmal möchte er die geplante Abschaltung der UKW-Sender in der Schweiz verhindern. Diese soll ab August des nächsten Jahres durchgezogen werden. Das zwinge die Leute zu einem Umrüsten von Millionen von Geräten, sagt er – in der Stube und auf der Autobahn.

«Die SRG behauptet, sie wolle sparen, dabei will sie nur recht haben.»

Und im Rechthaben kennt sich Roger Schawinski aus.

Das merkt man schon der Begeisterung an, die er über sich selber empfindet und mit der sein letztes Buch einsetzt, «Die Schawinski-Methode». Es ist sein 13. und erschien vor über einem Jahr. Doch erzeugt es eine rhetorische Druckwelle, die beim Lesen bis heute nachbebt. Wie visionär, schnell und kämpferisch Roger Schawinski seine Medien vorantrieb, liest man darin – und wie langsam alle anderen darauf reagierten. Auch im Pensionsalter betreibt Schawinski, diese personifizierte Unruhe, den Journalismus mit Ganzkörpereinsatz.

Aber warum wieder dieses Eigenlob? Schawinski sitzt in seinem Büro von «Radio 1», in Jeans und guter Laune, schlank und braun gebrannt – und lässt sich nicht provozieren. Er habe Beispiele bringen wollen für das, was er im Buch etwa «die 180-Grad-Methode» nenne, sagt er. Die Strategie passt zu seinem Charakter: Immer das Gegenteil dessen tun, das seine Konkurrenten schon probiert haben.

Oder in zwei Anglizismen formuliert, die er in seinem Buch wiederholt verwendet: ein «rule breaker» zu sein statt ein «rule maker». Regeln brechen statt machen.

Hat er nicht in vielem recht?

So weit sein Selbstbild. Es wirkt übergross wie so vieles von ihm über sich. Aber hat er nicht in vielem recht? War er nicht der Aufrüttler einer Medienszene im Beromünster-Aggregatszustand der Endsiebzigerjahre? Hat er nicht Zeitungen, Radio- und Fernsehsender übernommen oder erfunden und beide vorangetrieben? Hat er nicht gezeigt, dass privates Radio auch in der Deutschschweiz möglich ist, und sogar privates Fernsehen? Hat er nicht den Videojournalismus popularisiert, mit dem «Kassensturz» den Konsumentenschutz importiert und für seine Hörerinnen und Hörer das tägliche Coronagespräch erfunden?

Schawinskis erster grosser Kampf in der Öffentlichkeit: 3000 Personen demonstrierten am 26. Januar 1980 in Zürich für Radio 24.

Schawinskis erster grosser Kampf in der Öffentlichkeit: 3000 Personen demonstrierten am 26. Januar 1980 in Zürich für Radio 24.

Bild: Alex Spichale / ARC

Und vor allem: Hat er nicht das kontroverse Interview als journalistische Form etabliert, das er zwar vorbereitet, aber spontan führt, ohne abgesprochene Themen, ohne abgelesene Fragen? Eine Form, die er zuletzt bei SRF anwendete, wo er so weit ging mit seinem konfrontativen Fragestil und den Unterbrechungen seiner Gesprächspartner, dass ihn, sagt er, Fernsehdirektorin Nathalie Wappler entlassen habe. Dass sie das aus Spargründen getan hat, hält der Gefeuerte für einen Vorwand. Die Direktorin habe ihm zum Abschied gesagt, die Entlassung habe nicht sie, sondern ihr Vorgänger beschlossen:

«Ich halte das für eine Schutzbehauptung. Ich glaube, mein kritischer Stil hat ihr einfach nicht gepasst.»

Fernsehdirektorin Wappler sagt zu all diesen Vorwürfen «ausdrücklich und definitiv nein». Der Entscheid, Schawinskis Sendung einzustellen, habe nichts mit seinen Auftritten zu tun und sei wirklich aus Spargründen erfolgt. Eine Sendung koste zwar nur 15000 Franken, aber bei 40 Sendungen pro Jahr mache das schon 600000 Franken aus. «Bei einem Sparvolumen von 16 Millionen Franken war das ein substanzieller Betrag.»

Immer wieder eine neue Schlacht

Schawinski hat sich schon längst in den nächsten Kampf geworfen, seinen Solo-Einsatz zur Erhaltung von UKW. Die anderen privaten Radioleute haben die von Doris Leuthard angebotene Übereinkunft unterschrieben – weil sie so, sagt Schawinski und belegt es mit einem Mailverkehr, ihre Sendekonzession für Jahre hätten sichern können. Er selber verweigerte die Zustimmung und sammelt seit kurzem Unterschriften gegen die Abschaltung. Zudem plant er eine Klage beim Bundesverwaltungsgericht in St.Gallen. «Ich habe diese Auseinandersetzung nicht gesucht», sagt er. Das mag stimmen. Aber, wie Pablo Picasso sagte: «Je ne cherche pas, je trouve». Und Roger Schawinski findet dauernd ein neues Schlachtfeld, auf das er sich stürzen kann. Seine Pistole ist das Mikrofon, seine Munition die Dauerrede.

DAB ist ein Projekt der damaligen Bundesrätin Doris Leuthard (hier mit Roger Schawinski an der Jubiläumsparty 175 Jahre AZ Medien 2011 in Baden)

DAB ist ein Projekt der damaligen Bundesrätin Doris Leuthard (hier mit Roger Schawinski an der Jubiläumsparty 175 Jahre AZ Medien 2011 in Baden)

Bild: Alex Spichale

Fachleuten zufolge sei DAB bloss eine Zwischentechnologie, sagt er. Er sei auch nicht gegen sie, sondern bloss gegen die Zwangsabschaltung von UKW.

Dass seine Liebe zur alten Technologie etwas mit der Sehnsucht nach den Anfängen zu tun hat, als er vom Pizzo Groppera aus seine Zürcher Heimatstadt 24 Stunden lang beschallte: Schawinski verneint es. Neben ihm an der Bürowand sind die gellenden Schlagzeilen eingerahmt, die seinen damaligen Radiokampf kommentierten.

Vielleicht hat sein UKW-Einsatz auch mit seinem Alter zu tun – «man hat ja nicht mehr die Spannkraft wie früher», sagt er. Aber es fällt auf, dass sich der 75-Jährige für einmal nicht für etwas Neues einsetzt, sondern etwas Altes bewahren möchte. Aber das sehe man in ganz Europa genauso, argumentiert er; nur Norwegen habe sein UKW-Netz weitgehend stummgeschaltet. Mit ihrem Entscheid drohe die Schweiz für alle UKW-Nutzer zum weissen Radiofleck inmitten von Europa zu verkommen, in das die ausländischen Sender drängen würden.

UKW sei eine alte Technik, räumt er ein, aber sie habe sich bis heute bewährt. Dass er alleine steht gegen alle seine Kollegen, die ebenfalls ein Privatradio betreiben, und das mit Erfahrung und Kompetenz, sieht er als Bestätigung seiner Einschätzung. «Ich lasse mich nicht mit einem miesen Deal kaufen, der auf Kosten des Radiopublikums geschlossen wurde.»

Auch und gerade während Corona ein Radiojournalist mit Herzblut: Roger Schawinski im Radio-1-Studio.

Auch und gerade während Corona ein Radiojournalist mit Herzblut: Roger Schawinski im Radio-1-Studio.

Bild: Severin Bigler

Die medienpolitische Entwicklung deutet Schawinski als Symptom der wachsenden Macht seiner Lieblingsfeinde: den Bürokraten, Managerinnen, Verwaltern und den ihnen angeschlossenen Politikern. Für ihn hat diese Kaste den Kontakt zur medialen Realität verloren oder gar nie gehabt.

Eine ähnliche Entfremdung nimmt er im Journalismus wahr. Viele Kollegen würden ihre Unabhängigkeit schon bald aufgeben, sagt er, und sich mit Hilfe eines Netzwerks von Kontakten für den Übertritt in die politische PR oder die Verwaltung vorbereiten. «Immer weniger Journalisten stehen immer mehr ehemaligen Journalisten gegenüber, die sich als Wahrheitsverhinderer betätigen.»

Wie eine entsicherte Handgranate

Da ist er wieder, der Schawinski on the rocks. Was ihn von anderen Medienleuten unterscheidet, gerade den Chefs: Er glaubt an das, was er glaubt.

Es ist ihm nicht egal, was passiert. Er lässt sich durch Widerstände nicht bremsen, sondern sie treiben ihn an. Roger Schawinski hat die Geduld einer entsicherten Handgranate, aber das braucht es in einem Land der Vernehmlassungen und der vorbereiteten Kommissionen und den Minderheitsanträgen und vorgespurten und nachbehandelten Kompromissen. In einer Branche, deren Besitzverhältnisse die publizistischen Unterschiede einebnen. Und deren Journalisten immer häufiger das Entsorgungsprinzip des Kapitalismus fürchten müssen: die Entlassung.

Natürlich ist der Roger, wie ihn seine Fans nennen, für viele eine Nervensäge. Eitel bist zur Vielfarbigkeit, liebeshungrig hinter dem selbstbewussten Auftritt, ausfällig und verletzlich zugleich, ein Austeiler, dem das Einstecken schwerfällt.

Auch als Multimillionär führt er sich noch auf wie ein Demonstrant. Und tobt in seinem Alter gegen die Verhältnisse an, während andere in ihren Villen dämmern. Er könnte es reich und ruhig haben, statt weiter zu räsonieren. Aber er tut es trotzdem.

Und hat sich dabei weder zum Zyniker verhärtet, noch ist er zum Langweiler erschlafft. Roger Schawinski hat Charakter.