Wahlen 2019

«Ueli, es wird nicht wahrer wenn du schreist» – alle gegen den SVP-Polteri in der «Arena»

Moderator Sandro Brotz (dritter von links) lud kurz vor den Wahlen zur Nostalgie-Arena.

Moderator Sandro Brotz (dritter von links) lud kurz vor den Wahlen zur Nostalgie-Arena.

Kurz vor den Wahlen lud Moderator Sandro Brotz zur Nostalgie-Arena. Mit abtretenden Politgrössen aus allen Parteien diskutierte er über ungelöste politische Probleme. Inhaltlich heraus kam dabei wenig. Nur eines ist sicher: Polteri bleibt Polteri – bringt aber den nötigen Unterhaltungsfaktor.

Die letzte SRF-Arena vor den Wahlen wartete mit Politurgesteinen auf. Im Ring mit Moderator Sandro Brotz standen Anita Fetz, SP-Ständerätin, (seit 24 Jahren im Parlament), Philipp Müller, ehemaliger FDP-Präsident und ebenfalls Ständerat (seit 16 Jahren im Parlament), CVP-Ständerat Konrad Graber, BDP-Nationalrat Hans Grunder (beide seit 12 Jahren im Parlament) und SVP-Nationalrat Ulrich Giezendanner (seit 28 Jahren im Parlament).

Sie alle kehren Bundesbern den Rücken und werden bei den nächsten Wahlen nicht mehr antreten. Die Stimmung an diesem lauen Herbstabend ist wesentlich gelöster im Vergleich zu anderen «Arena»-Sendungen. Man spürt von Beginn weg: Diese Politiker sind nicht mehr im Wahlkampfmodus. Des Debattierens sind sie aber noch lange nicht müde. Doch dazu später.

Zur Erheiterung der Gäste stöberte Moderator Brotz im Bild-Archiv. Ein ziemlich schlecht angezogener Philipp Müller, Zitat Müller: «Es hiess einst, ich sei der am schlechtesten angezogene Parlamentarier», ein um einiges bärtigerer Ulrich Giezendanner und ein Filmplakat-reifes Konterfrei von Anita Fetz sorgen für die ersten Lacher.

Die «Arena»-Gäste anno dazumal:

Doch viel mehr Zeit für freundschaftliches Geplänkel bleibt nicht. Brotz betritt bereits das erste Minenfeld: 12. Dezember 2007. Eveline Widmer-Schlumpf wird von der Vereinigten Bundesversammlung anstelle des amtierenden Bundesrats Christoph Blocher gewählt. Noch bevor Widmer-Schlumpf den Eid schwört, wird sie aus der SVP-Fraktion ausgeschlossen. Hans Grunder, BDP-Mann der ersten Stunde und Präsident der darauf neu gegründeten Partei, erinnert sich zurück: «Ich habe Frau Widmer-Schlumpf nicht gut gekannt. Und auch ich habe für Blocher gestimmt. Aber das Parlament hat entschieden und ich war der Meinung, dass man diesen Entscheid respektieren muss.»

Von Giezendanner, der 2007 bereits vier Amtsperioden hinter sich hat, klingt es ganz anders: «Widmer-Schlumpf war eine Verräterin. Das war unschön von dieser Frau. Das hat mich zutiefst enttäuscht», erinnert sich der SVP-Nationalrat zurück. Doch bevor das SVP-Trauma noch weiter vertieft werden kann, wirft Moderator Brotz bereits den nächsten Köder, Stichwort Milizsystem.

Doch die Politiker beissen nicht an. Es scheint als überliessen sie es der folgenden Generation, darüber zu entscheiden, ob das Milizparlament noch zeitgemäss ist. Einzig SVP-Giezendanner frotzelt: «Das Berufsparlament ist eine linke Idee, darüber sprechen wir alle Jahre wieder.»

Brotz peitscht die Themen weiter. Nächster Punkt auf der Liste: Die AHV und deren gescheiterte Reformen. Nun legt sich FDP-Ständerat Müller ins Zeug. Aufgeschreckt von den klagenden Worten eines Erstwähler «Ich und meine Freunde gehen davon aus, dass wir keine AHV-Rente mehr haben werden. Es braucht eine Rentenaltererhöhung 66/66» meint Müller: «Wir haben aktuell das Problem, dass Leute über 50 kaum mehr einen Job finden. Dieses Problem müssen wir zuerst angehen.»

Hoffnungsvoller klingt es aus der Ecke CVP. Der nicht aus der Ruhe zu bringende Konrad Graber meint an den Erstwähler gewandt: «Als ich jung war, hiess es bereits, dass wir nicht mit einer Rente rechnen können. Doch die Politik hat es irgendwie geschafft.» Er sei überzeugt, dass auch zukünftige Generationen mit einer Rente rechnen können.

Wo über die Erhöhung des Rentenalters geredet wird, ist die Diskussion über Frauenrechte nicht weit. Denn, so das Credo vieler Linken: Solange keine absolute Lohngleichheit herrscht, soll das Frauenrentenalter auch nicht dem der Männer angeglichen werden. Wenig von dieser Meinung hält Heidina Jordi, Studiogast und Jung SVPlerin. Sie liest SP-Frau Anita Fetz regelrecht die Leviten und erntet gar spontanen Applaus. «Was heute abgeht mit dem Feminismus ist eine totale Katastrophe. Wir Frauen haben die gleichen Rechte wie Männer. Wenn wir Frauen nicht wollen, können die Männer auch nichts dafür», setzt Jordi zum Rundumschlag aus.

Fetz, die während der Sendung in der reinen Männerrunde keineswegs untergeht, scheint plötzlich auf dem falschen Fuss erwischt. Sie versucht zu beschwichtigen: «Viele verstehen den Feminismus falsch. Er ist nicht gegen Männer, sondern für ein gleichberechtigtes miteinander». Die allermeisten jungen Familien würden sich einfach wünschen, es gäbe mehr und günstigere Krippenplätze oder mehr Teilzeitangebote für Männer, so die SP-Frau.

Nach rund einer Stunde nimmt die eher träge Rund endlich etwas Fahrt auf. Passend dazu schreitet Brotz zum nächsten Thema voran: Verkehr und Umwelt – und trifft damit mitten ins Herz von Verkehrspolitiker Giezendanner. In alter Manier poltert er gegen jeden und alle die auf den Ausbau des öffentlichen Verkehrs setzen wollen: «Ihr seid doch alle Traumtänzer, wer soll denn das alles bezahlen? Der öffentliche Verkehr kann sich nur zu 40 Prozent selbst finanzieren, für den Rest bürgt der Steuerzahler.» SPlerin Fetz, die nur spitzfindig meint, «Ueli, es wird nicht wahrer wenn du schreist», setzt auf die jüngere Generation. Diese sei viel ökonomischer unterwegs und setzte auf Alternativen wie E-Bikes oder Mobility.

Dabei fällt ihr FDP-Ständerat Müller ins Wort. «Ja und dann sollen die mit dem E-Bike bis nach Davos fahren?», nuschelt Müller dazwischen. Fetz, bereits den nächsten Lacher erntend und beinahe in Giezendanner-Manier, meint an Müller gewandt: «Jetzt unterbrich mich nicht immer gopffriedli, ich habs nicht verstanden, aber es war sicher etwas Blödes.»

In der Abschlussrunde, in der Brotz mit dem Bild der Woche, dem Pilze suchenden Vladimir Putin, eigentlich für etwas Auflockerung sorgen will, setzt Giezendanner noch ein letztes Mal zur flammenden Parteirede an. Und wenn er barfuss durch den Wald rennen müsse, er würde es tun, denn die SVP sei die einzige Partei, «die unsere Schweiz retten wird», so der 65-Jährige.

Eines muss man ihm lassen: Wäre er nicht gewesen, wäre die Sendung ziemlich schnell zu einem lauen Geplänkel verkommen. Und auch wenn der Polteri der Nation und einige seiner Amtskollegen nun abtreten, haben sie gezeigt: Zum leidenschaftlichen Debattieren ist man nie zu alt – im Gegenteil, es kommt sogar der eine oder andere Kraftausdruck mehr dazu.

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