Pandemie
Über die Grenze zur Kremation – im Tessin werden seit Corona mehr Tote aus Italien kremiert

Wegen mangelnder Kapazitäten werden viele Tote aus Italien in Lugano und Chiasso eingeäschert. Wegen Corona sind es fünf Mal mehr.

Gerhard Lob, Chiasso
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Trotz der katholischen Prägung gehört der Kanton Tessin punkto Kremationen zur europäischen Spitze.

Trotz der katholischen Prägung gehört der Kanton Tessin punkto Kremationen zur europäischen Spitze.

Marco Cappelletti

Es ist ruhig an diesem Vormittag auf dem Friedhof Chiasso. Doch die Ruhe trügt. Zwischen 10.30 und 16.30 Uhr finden sieben Abdankungen statt. Jeweils 20 Minuten dauern die Zeremonien im Krematorium. Wegen der Coronapandemie stehen nur wenige Stühle im Abdankungssaal – in gebührendem Abstand. Trauernde nehmen hier Abschied von ihren verstorbenen Angehörigen, die dann eingeäschert werden. «Tatsächlich haben wir zurzeit viel zu tun», sagt Giorgio Valsangiacomo, der Geschäftsführer des Vereins der Tessiner Krematorien (Associazione Ticinese di Cremazione, ATC), der die beiden Krematorien in Lugano und Chiasso betreibt.

In diesen beiden Krematorien fanden 2019 genau 1650 Feuerbestattungen statt. Im Jahr 2020 ist die Zahl auf 2400 nach oben geschnellt. Die gestiegene Zahl der Einäscherungen ist eine Folge der Übersterblichkeit, bedingt durch die Pandemie. Dies betrifft nicht allein einheimische Todesfälle. Denn kremiert werden in Lugano und Chiasso nicht nur Leichname aus dem Tessin, sondern auch aus Italien. Valsangiacomo:

Insbesondere im Raum Como sind die Kapazitäten für Feuerbestattungen sehr beschränkt.

Das Krematorium von Como war jahrelang geschlossen, bevor es im Mai 2020 den Betrieb wieder aufnahm – mit maximal sechs Kremationen pro Tag. Daher weichen viele Familien aus dem Raum Como auf die Krematorien von Chiasso und Lugano aus, wo zusammen bis zu 24 Kremationen täglich bewältigt werden können. Bei den Italienern allerdings ohne Abdankungsfeier.

Italienische Bestattungsunternehmen bringen die Särge in die Südschweiz und einen Tag später die Urnen zurück nach Italien. Dank einer Konvention aus den 1950er-Jahren ist dies problemlos und ohne grossen Papierkram möglich, auch in Coronavirus-Zeiten. Im Jahr 2020 wurden in Lugano und Chiasso zirka 600 Personen aus Italien eingeäschert. In einem normalen Jahr sind es 120.

Viele Kremationen – trotz katholischer Prägung

Giorgio Valsangiacomo schätzt, dass im Tessin inzwischen fast 90 Prozent aller Toten kremiert werden und der Südkanton damit in Europa eine Spitzenposition einnimmt. «In den letzten Jahren hatten wir jährliche Zuwachsraten von 3 bis 5 Prozent», so der ATC-Geschäftsführer. Diese hohe Zahl kann überraschen, denn das Tessin ist bekanntlich katholisch geprägt. Und lange Zeit war die Kremation bei der Katholischen Kirche verboten; die Erdbestattung gemäss dem Vorbild der Grablegung Jesu als verpflichtend, die Verbrennung als nicht kompatibel mit dem Glauben an die Auferstehung der Toten. Erst 1963 wurde das Kremationsverbot durch die Katholische Kirche aufgehoben. Weiterhin wird aber die Erdbestattung empfohlen.

Im Tessin hat die Frage der Kremation am Übergang zum 20. Jahrhundert zu einem eigentlichen Kulturkampf geführt, einer harten Auseinandersetzung zwischen Katholisch-Konservativen und Laizisten. Es waren Freidenker, Freimaurer, antiklerikale Denker und linke Liberale, die in Lugano unbedingt ein Krematorium errichten wollten, doch das Vorhaben stiess auf erhebliche Widerstände von katholischer Seite. Nach langem Hin und Her kam es 1905 auf dem Monte Ceneri zur Gründung des ACT, acht Jahre später folgte die Grundsteinlegung für den Tempio crematorio von Lugano. Der Bau war bis 1972 das einzige Krematorium im Tessin.

Der Kulturkampf ist vorbei, die Zeichen noch da

Die ideologischen Graben­kämpfe um Krematorien sind Geschichte, auch wenn sich anti-klerikale Kräfte des linken Tessiner FDP-Flügels und CVP-Vertreter ab und zu noch in den Haaren liegen. Die ideologische Entspannung spürt auch die ACT. Einst zählte diese Vereinigung 3500 Mitglieder, heute sind es weniger als 2000. Tendenz sinkend, vor allem auch weil letztes Jahr eine Statutenänderung vorgenommen wurde, wonach Mitglieder nicht mehr länger ­gratis kremiert werden. «Einige 90-Jährige waren vorher sozusagen noch in letzter Minute unserem Verein beigetreten», sagt Giorgio Valsangiacomo. Dieser Praxis wollte man Einhalt gebieten. Nun muss jede Kremation berappt werden – ob Mitglied oder nicht: 800 Franken.

Trotz dieser Gebühren ist eine Feuerbestattung mit Beisetzung in Urnenwänden wesentlich günstiger als eine Erdbestattung mit der Miete eines Grabes. Valsangiacomo ist überzeugt, dass die Kostenfrage beim Entscheid der Bestattungsart fast immer ausschlaggebend ist.

Die Ideologie ist verblichen. Trotzdem sind Zeichen und Indizien dieser Geschichte geblieben. In den Krematorien sind ­natürlich keinerlei religiösen Symbole anzutreffen. Und die Adresse der Associazione Ticinese di Cremazione ist identisch mit derjenigen der grossen Freimaurerlogen «Il Dovere» und «Brenno Bertoni»: Via Pretorio 20, Lugano.