Pierre Maudet? «Das ist nicht mein Thema, wenden Sie sich an Präsidentin Petra Gössi», sagt FDP-Ständerat Philipp Müller. Maudet? «Den Fall kommentiere ich nicht, ich stehe hinter der Parteispitze», betont auch Nationalrat Hans-Ulrich Bigler. «Mehr will ich nicht dazu sagen. Gibt jeder seinen Senf dazu ab, kommt es nicht gut.» Selbst Alt-Bundesrätin Elisabeth Kopp, die 1989 wegen eines Telefonats an ihren Mann zurücktreten musste, bleibt kurz angebunden: «Ich möchte mich nicht äussern zu diesem Thema.»

Wer mit Deutschschweizer FDP-Vertretern über den Genfer Regierungsrat sprechen will, der in Ungnade gefallen ist, stösst auf eine Mauer des Schweigens. Es gebe die Abmachung, dass sich nur Präsidentin Petra Gössi persönlich äussere, heisst es. Im Wahljahr kann die FDP keine öffentliche Kakophonie zu Maudet gebrauchen.

Es war denn auch Petra Gössi, die Stellung nahm, als die Mitglieder der Genfer FDP Maudet an einer ausserordentlichen Versammlung mit 341 Ja zu 312 Nein bei 56 Enthaltungen ihr Vertrauen aussprachen. «Dieser Entscheid ändert nichts an den für uns massgebenden Punkten.» Die FDP Schweiz halte an der Rücktrittsforderung fest. «Das Vertrauen ist nachhaltig zerstört worden», sagte Gössi im «Blick». «Das Verhalten von Maudet widerspricht den Werten der FDP und gefährdet unsere jahrelange Arbeit.»

Gleichzeitig trat Gössi selbst in ein Fettnäpfchen. Gegenüber der «Tagesschau» von SRF tat sie den Support der FDP Genf für Maudet als «typische Genferei» ab. «Das Staatsverständnis ist in Genf und der ganzen Romandie etwas anders, und das weiss man auch», erklärte sie die Ohnmacht der FDP Schweiz im Umgang mit dem Phänomen Maudet.

Gössi zog auch das Tessin in ihre Betrachtungen ein. Dass man dort unter Alkoholeinfluss einen Unfall bauen könne und trotzdem wiedergewählt werde, zeige die Unterschiede in der Schweiz. «Das wissen wir, das gehört mit zur Schweiz.»

«Habe Besseres zu tun ...»

Die letzte Bemerkung war auf CVP-Fraktionschef und Ständerat Filippo Lombardi gemünzt, bis vor etwa zehn Jahren ein recht notorischer Verkehrssünder. Der Tessiner mochte am Freitag nicht auf Gössis Pauschalurteil über die lateinischen Landesteile reagieren. «Ich habe Besseres zu tun …», beschied er aus Locarno, wo sich die CVP dieser Tage zur Fraktionsklausur trifft.

Andere reagieren umso heftiger. In der Westschweiz kamen Gössis Verallgemeinerungen nicht gut an. In der Sendung «Forum» des Westschweizer Radios RTS liessen Politiker vorwiegend aus der Romandie ihrem Ärger über die «Klischees» freien Lauf.

Ihre Aussagen zur «Genferei» seien «sehr verletzend für die Romands», twitterte SP-Fraktionschef Roger Nordmann, der aus der Waadt stammt. Die Probleme der FDP Genf erklärten sich «nicht durch ein anderes Staatsverständnis» in der Romandie. Die Gründe seien vielmehr bei Maudet und bei den 341 Delegierten der Genfer FDP zu suchen, die sich hinter ihn stellten.

Support erhält Gössi aus den eigenen Reihen. «Es gibt vielleicht einen Mentalitätsunterschied», sagt FDP-Nationalrat Walter Müller. «In Genf tickt man ein bisschen anders alsin der Deutschschweiz.» Die Alemannen seien «nüchterner und verbissener», die Burgunder «toleranter und emotionaler und verzeihen eher».

Pierre Maudet selbst sieht Unterschiede vor allem in der Art und Weise, wie die Affäre in der Deutsch- und Westschweiz behandelt wird. «In der Deutschschweiz gibt der ‹TagesAnzeiger› die Richtung vor mit einer sehr harten Tonlage», sagt er. «Das führt dazu, dass mich normale Deutschschweizer Bürger zunehmend als Opfer betrachten, weil sie finden, das gehe zu weit.» In der Deutschschweiz habe man generell stärker auf die Trennung von privater und öffentlicher Tätigkeit fokussiert, in der Romandie hingegen «lag der Schwerpunkt auf Glaubwürdigkeitsaspekten».

Am Regierungsseminar der Kantonsregierungen in Interlaken sei die Affäre «überhaupt kein Thema» gewesen, sagt Maudet. Er betont auch, er habe von einzelnen FDP-Parlamentsmitgliedern der Deutschschweiz «Zeichen von Unterstützung» erhalten. «Petra Gössi muss einfach zur Kenntnis nehmen, dass mir die Basis der FDP Genf, die souverän ist, das Vertrauen ausgesprochen hat. Punkt», sagt Maudet. «Ob ihr das gefällt oder nicht.»

FDP-Doyen Franz Steinegger sagt, Genfer Freisinnige seien näher bei der Person Pierre Maudet als Deutschschweizer. Sie nehmen in Kauf, dass er sich einmal danebenbenimmt. Hauptsache, er leistet sonst gute Arbeit.» Maudet zum Rücktritt zu bringen, sei Angelegenheit der Genfer FDP. «Ist das nicht möglich, müssen die Stimmbürger in Genf entscheiden.»

Der Rat zum Befreiungsschlag

FDP-Nationalrätin Christa Markwalder ist eines der ganz wenigen FDP-Parlamentsmitglieder, die sich überhaupt zum Fall Maudet äussern. Die Situation sei «echt schwierig», sagt sie. «Er ist ein politisches Talent, spricht mehrere Sprachen, hat viel Kampfgeist.» Das habe sich bei den Bundesrats-Wahlen gezeigt. «Doch offensichtlich hat er den Bezug zur Realität verloren, das finde ich ausserordentlich schade.»

Sie habe Maudet vor einiger Zeit geraten, sich «ein gutes Vorbild zu suchen für einen Befreiungsschlag». Markwalder dachte dabei an Philipp Hildebrand: «Dieser musste zwar als Nationalbank-Direktor zurücktreten, tauchte danach aber in einer mindestens so spannenden Position wieder auf.» Zurzeit sehe es aber eher so aus, dass Maudet den Zeitpunkt «für einen würdigen Rücktritt» verpasst habe. Der Punkt scheine überschritten, «um den Schaden noch zu begrenzen».