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TV-Mann Franz Fischlin: «Wir müssen Trumps Lügen offenlegen»

SRF-Moderator und Journalist Franz Fischlin über den Umgang der Medien mit dem US-Präsidenten Donald Trump.

Samuel Schumacher
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TV-Journalist Franz Fischlin moderiert den «Medienclub».

TV-Journalist Franz Fischlin moderiert den «Medienclub».

Oscar Alessio

Die «New York Times» verzeichnet Rekordzuwachs bei den Abo-Zahlen und auch Schweizer Newsportale spüren den Trump-Bump. Der US-Präsident polarisiert – und interessiert. Ist er ein Segen für die Medien?

Franz Fischlin: Die Figur Trump ist für das Publikum tatsächlich spannend, sie interessiert die Leute. Von einem Segen würde ich aber nicht sprechen. Trump ist ein neues Phänomen, und alle neuen Phänomene sind irgendwie spannend. Für uns als Medienschaffende stellt sich allerdings die Frage, ob wir diesem Phänomen gewachsen sind. Es gibt Medien, die jetzt schlicht das Interesse der Leute bedienen, indem sie – ohne Einordnungsleistung – voll auf die Karte Trump setzen. Das reicht meiner Meinung nach nicht. Ich denke, für die Medien ist Trump mehr eine Herausforderung denn ein Segen.

Muss man anders über Trump berichten als über andere mächtige Personen?

Die Medien sollten, so finde ich, eine Mehrleistung erbringen. Worin die genau besteht, das beginnt sich jetzt allmählich herauszukristallisieren. Am Anfang seiner Kandidatur war in den USA erst mal eine grosse Erheiterung auszumachen. Trump wurde von vielen Medien nicht ernst genommen. Als er dann langsam einen Konkurrenten um den anderen schlug, war der Tenor, dass er dann schon irgendwann an seine Grenzen stossen werde. Viele Journalisten befanden sich wie auf einer Geisterbahn-Fahrt. Sie kniffen die Augen zu und blinzelten ängstlich, aber auch irgendwie fasziniert zwischen den gespreizten Fingern hindurch. So richtig hinschauen, das machten anfänglich nicht allzu viele.

Und jetzt stellen sich die Medien den Geistern?

Ich finde ja, die Medien haben Fortschritte gemacht. Ich lese viele gute und differenzierte Artikel und Analysen. Beim SRF haben wir uns darauf geeinigt, dass wir Trump nicht in irgendeiner Art und Weise abstempeln, beispielsweise als Populisten bezeichnen, wir aber deutlich darauf hinweisen, wenn er lügt; zum Beispiel über seinen angeblich historischen «Electoral College»-Sieg. In einem Moment, wo jemand auf so polemische Art die Medien angreift und Journalisten schlechtmacht, wie er das an seiner letzten Medienkonferenz machte, wird es noch wichtiger, dass man aufsteht und zeigt, dass man Haltung bewahrt und für seinen Beruf einsteht.

Die Medien müssen doch noch viel mehr. Sie sollten Trump doch entschieden entgegentreten, seine Falschaussagen verurteilen.

Man sollte Trump nicht vorschnell in eine Ecke stellen, was man ja auch schon gemacht hat mit Hitlervergleichen und so. Da wird man ihm nicht gerecht. Man sollte meiner Meinung nach auch nicht permanente Millimeterberichterstattung betreiben und aus jedem seiner Tweets einen Elefanten machen. Sonst finden die Leute irgendwann: So, jetzt reichts. Die richtige Balance ist wichtig.

Werden Sie denn nie wütend, wenn Sie Trump zuhören?

Nein. Ich glaube, man sollte als Journalist nicht emotional werden. Das wäre ein Fehler. Trump befindet sich in einer Art Parallelrealität. Wir Medienschaffende sollten uns davon nicht verwirren lassen und uns auf einen emotionalen Kleinkrieg mit ihm einlassen. Dann nämlich verlören die Journalisten die nötige Distanz, die dringend geboten ist.

Es braucht die analytische Kälte?

Richtig. Das hat man in den vergangenen Tagen immer wieder sehen können. Trump behauptet irgendwas, zum Beispiel, dass es in Schweden einen Vorfall gegeben habe, und dann fragen Journalisten hartnäckig nach, was er genau meinte, bis er offenlegen muss, dass er das «‹irgendwo aufgeschnappt» habe. Es gibt diese schöne Redewendung: «Vom Ghöresäge, lehrtme lüge!» Man hat den Eindruck, so funktioniert Trump manchmal. Wir müssen diese Lügen offenlegen, um jenen, die kritische Medien als «Fake News» bezeichnen, zu zeigen, dass wir unseren Job machen. Und unser Job ist es eben gerade nicht, Trump pauschal zu verurteilen oder sich über seine Anhänger lustig zu machen, sondern nüchtern zu analysieren.

Wie gefährlich ist der Krieg, den Trump gegen die Medien führt, indem er Journalisten blossstellt und ganze Newskonzerne als «Fake News» abkanzelt?

Ich weiss nicht, ob es in den USA hinter den Kulissen Repressionen gegen Journalisten oder gegen ganze Verlage gibt und ob sich die Verlage einschüchtern lassen. Falls es so wäre, dass Trump versucht, einzelne Medienhäuser auch wirtschaftlich unter Druck zu setzen und einzelnen Journalisten den Zugang zu Medienkonferenzen und Informationen zu erschweren, dann wäre das ein gefährlicher Prozess.

Franz Fischlin

Der Solothurner hat in Freiburg Journalistik und Kommunikationswissenschaften studiert und arbeitet seit 2000 für das Schweizer Fernsehen. Der 54-Jährige moderiert die Hauptausgabe der «Tagesschau» sowie den «Medienclub», eine Sendung, die sich mit medienjournalistischen Themen befasst. Franz Fischlin sitzt zudem in der Jury für den CNN-Journalistenpreis. Er ist mit der Fernsehjournalistin Susanne Wille verheiratet und Vater von fünf Kindern. Die Familie wohnt im Aargau.

Ein amerikanischer Kommentator hat auf dem Sender MSNBC gesagt, er könne sich vorstellen, dass Trump durch seine Auftritte radikale Figuren zu Terroranschlägen anstacheln könnte wie jenem in Oklahoma City 1995, bei dem ein Rechtsradikaler 168 Menschen tötete. Sehen Sie diese Gefahr auch?

So weit würde ich nicht gehen. Klar gibt es Leute mit Gewaltpotenzial, die einen grossen Frust in sich tragen. Man würde es sich allerdings zu einfach machen, wenn man sagen würde, Trump alleine könnte der Auslöser für Gewalt sein. Was aber bedenklich ist, das sind «Fake News» und Verschwörungstheorien, gegen die er sich nicht klar abgrenzt oder sie zum Teil sogar noch befeuert. Im Wahlkampf etwa wurde behauptet, dass Hillary Clinton einen Pädophilenring unterstütze, der in geheimen Gängen unter einer Pizzeria entführte Kinder verstecke. Und da tauchte dann ja tatsächlich ein bewaffneter Mann auf, der diese Kinder aus den Tunnels, die es nicht gibt, befreien wollte. Für uns von den klassischen Medien stellt sich die Frage, ob wir überhaupt über genügend Werkzeuge verfügen, um solche Theorien und «Fake News» zu entlarven.

In der Schweiz gibt es mit dem SRF einen öffentlichen Sender. In den USA sind die staatlichen Medienprogramme nur sehr kleine Player. Dort dominieren private Verlage. Wäre die Schweiz medial besser gewappnet für eine Figur wie Trump, als es die USA sind?

Ja, das denke ich schon, wir wären wohl besser und breiter abgestützt. Wenn wir in der Schweiz eine Figur hätten wie Trump, dann wäre das für uns als Qualitätsmedien eine Chance, zu zeigen, dass wir unsere Unabhängigkeit bedingungslos leben. Wir könnten es uns leisten, uns einem einzelnen so mächtigen Politiker entgegenzustellen. Und Trump könnte beispielsweise über die SRG sagen, was er möchte. Er könnte uns schlechtreden, wie er wollte. Wir würden einfach weiter unseren Job machen.

Sie sind Jurymitglied beim CNN-Journalismuspreis und kennen CNN-Journalisten, die ja zu Trumps Lieblingsopfern gehören. Wie fühlen sich Ihre amerikanischen Kollegen?

Einerseits können es viele Journalisten – nicht nur bei CNN – kaum glauben, dass ein amerikanischer Präsident wirklich solche Dinge sagt. Andererseits gibt es jene Stimmen, die sagen: Jetzt müssen wir uns erst recht reinknien und zeigen, was wir können.

Wie ist das eigentlich bei Ihnen: Werden Sie auch mit solchen «Fake News»-Vorwürfen konfrontiert? Als Fernseh-Journalist und Moderator wären Sie ja eine geeignete Zielscheibe.

Nein, solche Vorwürfe habe ich nie direkt zu Ohren bekommen. Wenn man sich differenziert mit Trump auseinandersetzt und keine Schaumschlägerei betreibt, dann schätzen das die Leute auch. Die Reaktionen der Zuschauer auf unsere Diskussionen im «Medienclub» zum Thema Trump beispielsweise waren durchweg positiv.

Wäre es denn nicht an der Zeit, Trump alle medialen Plattformen zu entziehen, damit er gar keine Bühne mehr hat für seine Tiraden?

Nein, das ist bei einem US-Präsidenten gar nicht möglich und das wäre auch absolut kontraproduktiv. Dann würde ja seine These, dass die Medien seine Leistungen als US-Präsident nicht honorierten, sie sogar zensierten, aufgehen. Auch seine Anhänger würden sagen: Seht ihr, das ist jetzt typisch.

Trumps Beraterin Kellyanne Conway hat in bestimmten amerikanischen Sendungen Auftrittsverbot, weil sie zu viel log. Wäre das was, ein Wahrheitscheck für potenzielle Interviewpartner, bevor man sie auf Sendung lässt?

Wir machen uns immer Gedanken darüber, welche Gäste wir einladen. Es wird auch viel über sie recherchiert. Und dann gibt es in Sendungen wie etwa der «Arena» Faktenchecks. Das ist aufwendig, aber sehr wertvoll. Am besten ist es, sofort, also live, auf Falschaussagen einzugehen und nachzuhaken.

Wenn Sie Trump für die «Tagesschau» oder für den «Medienclub» interviewen könnten: Welche Frage würden Sie ihm unbedingt stellen wollen?

Ich hätte sehr viele Fragen. Mich würde vor allem interessieren, ob er fähig wäre, sich 20 Minuten einem Einzelgespräch zu stellen, ohne auszuweichen. Bis jetzt hat er an all seinen Pressekonferenzen die Spielregeln bestimmen können und – wenn es unangenehm wurde – einfach die Journalisten angegriffen oder übergangen. Das wäre nicht möglich im Einzelgespräch. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass er das Interview irgendwann abbrechen und einfach gehen würde, weil er das nicht gewohnt ist.

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